Man will eigentlich nur im örtlichen Supermarkt einige Waren des täglichen Bedarfs erwerben, wird dort aber von der Schlagzeile der „Bild“ getroffen, die sich wieder einmal den Familienvater aus Bosnien vorgeknöpft hat, der sich sein Einkommen „hochgekindert“ habe. (vgl. https://www.fischundfleisch.com/thomas-schweighaeuser-ex-gotha/sozialpuritanismus-oder-hochkindern-verboten-91673) Nun weist das Blatt auf seine „Strafakte“ hin, die 147 Einträge haben soll, in denen er als Verdächtiger gelte. Dass er nur in einem Bruchteil der Fälle auch verurteilt wurde, interessiert weniger, Hauptsache, man kann schreiben, dass der „Stütze-Schnorrer (…) eine erschreckende Bilanz auf dem Kerbholz“ habe. Dass auch der Beamte, der diese Daten, die eigentlich niemanden etwas angehen, durch deren Weitergabe etwas „auf dem Kerbholz“ haben könnte, verschweigt das Blatt. Dessen angeblich seriöseres Schwestermedium „Welt“ berichtete vor zwei Tagen mit der Schlagzeile „Das ist keine deutsche Kriminalität“ über das TV-Duell zwischen den beiden Kandidaten, die sich um den Thron bewerben, auf dem schon Helmut Kohl, Rudolf Scharping und Kurt Beck Platz nehmen durften, dem des Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz. Sie heißen Schweitzer und Schnieder und einer von ihnen bezeichnete die „Messerkriminalität“ als undeutsch, es sei „eine zugewanderte Kriminalität“ (die Beine bekommen haben muss) und wer sich ihrer strafbar mache, solle nicht nur in den Knast, sondern aus dem Land wandern, denn „dass diese Menschen in den Kommunen dann noch frei herumlaufen“, sei ja wohl nicht zu rechtfertigen. Schnieder oder Schweitzer verknüpft hier Fragen der Strafverfolgung mit solchen des Aufenthaltsrechtes, wie auch „Bild“ aus bloßen Verdächtigungen Abschiebegründe zu konstruieren versucht: „Er (der „Stütze-Schnorrer“) dürfte gar nicht in Deutschland sein.“
Schwerwiegender noch als diese Abschiebefantasien, die sich an denen Martin Sellners von einer massenweisen „Remigration“ orientieren, ist die Ethnisierung von Kriminalität, die Schweitzer oder Schnieder hier vornimmt und die der „Welt“ so gefällt, dass sie daraus ihre Headline gebastelt hat. Dass aber Kriminalität ganz andere Ursachen hat, macht ein Interview mit der Kriminologin Dr. Bärbel Bongartz deutlich, das, ebenfalls in der „Welt“, unter dem Titel „Kriminelles Verhalten als ‚legitime Notwehr‘ – wenn die einst so brave Mitte zur Revolte neigt“ erschienen ist. Denn die „Mitte“ empfinde „Angst vor dem Verlust des Lebensstandards“, erlebe durch „belastende Rahmenbedingungen (…) Frustration“ und habe dann durch „anhaltenden Stress (…) das Bedürfnis (…) sich irgendwie zu wehren“, was dann zu „abweichendem und strafrechtlich relevantem Verhalten“ führe, bei dem aber das Unrechtsbewusstsein fehle: „Obwohl allen bewusst ist, dass sie illegal handeln, werden diese Taten legitimiert – als eine Art notwendige Abwehrreaktion.“ Und so betrügt man bei der Steuererklärung, um den dicken Wagen ein paar Wochen länger fahren zu können. Dem „Stütze-Schnorrer“ wird in diesem Weltbild die Rolle des Sündenbocks zuteil, dessen öffentlich angeprangerte Taten dem Steuer-Schnorrer und seinen Spießgesellen aus der selbstgerechten „Mitte“ als Rechtfertigung dienen, es auch weiterhin mit den Gesetzen nicht ganz so genau zu nehmen. Sie haben sich immer nur gewehrt, und sie wehren sich immer noch. Die Kriminellen sind immer die anderen: die Fremden oder diejenigen, die als fremd gelesen werden.