„Das kannst du doch nichts sagen!“

Volker Pispers prägte mit einem Sketch eine Grundidee die mich in weiterer Folge massiv prägte. Zu Pispers Leitwesen trieb mich dieser Gedanke aber von der Schlussfolgerung weg die er versuchte in die Welt zu tragen.

Der Sketch verläuft in etwa so:

„Dat kannste ja nich saachen“

„hab ik doch grad gesaacht“

Die Idee dass man etwas nicht sagen oder aber interessanter: nicht fragen kann, ist einfach zu widerlegen indem man etwas sagt das man angeblich nicht sagen kann.

Einschränkend kommt nur die Person in Uniform dazu die einen erschießt oder wegsperrt wenn man gewisse Dinge sagt, denkt oder versucht zu erfragen. Dennoch, im stillen Kämmerchen oder in Gedanken (denn die Gedanken sind bekanntlich frei) geht das immer.

Sagen kann man also alles, nur gelegentlich mag der Machthabende eben nicht was man sagt und wird versuchen das Gesagte zu unterdrücken. Allgemeiner Ausgedrückt: Immer wenn es Machthabende gibt werden diese Meinungen unterdrücken die ihre Macht in Frage stellt.

Nun kommen wir zu einer interessanten Beobachtung. Diese Beobachtung ist, dass freie Räume zu gewissen Ansichten tendieren. Jeder hinreichend freie Raum etwa tendiert von Religiosität hin zu Atheismus oder wenigstens Agnostizismus. Das liegt an einem sehr einfachen Grund: Religion hat keine belastbaren Argumente. Und mit „Keine“ meine ich nicht ein paar, sondern nichts, Null, Nada. Alles was Religion hat sind Versprechungen, Schreckgespenster, ein paar nette Slogans und alte dicke Bücher die Menschen beeindruckend die nicht verstanden haben dass man die Bücher aufschlagen und lesen kann, selbst wenn sie dick sind.

Argumente sind in der Debatte was die Munition im Krieg ist: wenn einem die Munition ausgeht hat man ein Problem. Wenn man von Haus aus keine hat, hat man ein noch größeres Problem.

Die einzige Möglichkeit ist hier der Eingriff von oben. Wenn man die Macht hat im Vorfeld festzulegen welche Waffen erlaubt sind und einfach beschließt dass keine erlaubt wären, dann zementiert man einen ewigen Stillstand. Die Kirche machte das Jahrtausende lang: sie unterband jede Debatte. Wer fragte ob Gott einen Stein erschaffen kann den er selber nicht heben könne, wurde eben verbrannt.

Das brachte ihr nicht unbedingt den Sieg über die Skeptiker, denn überzeugen kann Zensur ja nie, aber es ermöglichte sie zu unterdrücken, jedenfalls jene mit Abneigung gegen Feuer.

Mit der Zeit verschwand die Möglichkeit zur Zensur seitens der Kirche. Der Legende nach weil die Menschen aufgeklärter und klüger wurden, meine Vermutung aber ist aber, dass die Machthabende andere, bessere, Möglichkeiten fanden den Pöbel dazu zu bringen zu tun was die Machthabenden wollten.

Die Kirche war am Ende des Tages eben nur ein Vehikel, ein Werkzeug, eine Waffe um das Volk zu unterdrücken. Ein Werkzeug das durch bessere ersetzt wurde.

In einem hinreichend freien Raum ist die Religion Freiwild. Eine Religion die nicht über weltliche Schlägertrupps verfügt sondern sich nur auf dem Schlachtfeld der Worte versucht zu behaupten ist in Windeseile überwältigt, schlicht weil sie in Debatten nichts vorbringen können, außer Slogans.

Sie können nicht beweisen dass der Glaube an Gott echte, messbare, Vorteile bringt, die Gegenseite kann aber zeigen dass es Zeitverschwendung ist in der Kirche zu sitzen und immer die gleichen Märchen vorgelesen zu bekommen. Und da beginnt die Sache erst.

Die einzige Möglichkeit als Religion in so einem Raum zu bestehen ist zu sagen „wenn ich Debatte verliere, schlage ich dir den Schädel ein“. Auch das ist gelebte Praxis und übersetz sich in relativen Erfolg über die zahnlosen Religionen.

Jeder hinreichend freie Raum, ein Raum in der jede Frage gestellt und jede Antwort gegeben werden kann, wo alles hinterfragt, kritisiert und argumentiert, relativiert und analysiert werden kann, tendiert also weg von der Religion.

So ein Raum tendiert auch weg von harten Ideologien. Auch für Nationalismus, Internationalismus, Sozialismus, Kommunismus, Faschismus oder Sciurusismus finden sich deutlich weniger Argumente als für die Idee dass jede dieser Ansichten offensichtlich Anhänger hat und jedem erlaubt sein sollte zu leben wie er möchte, sofern das Leben der anderen damit nicht beeinträchtigt wird.

Wenn jemand als Sklave leben möchte, sollte er das Recht dazu haben. Wenn jemand seinen Hass auf Kühe ausleben möchte, soll er das tun. Wenn jemand Eichhörnchen zu Gottheit erheben möchte soll er das auch tun. Whatever floats you Boat, wie der Inder sagt.

Es gibt einfach keine gute Begründung warum jemand der gern in Steine beißt nicht in Steine beißen darf, solange der Stein ihm gehört. Es gibt Argumente die nahelegen dass das keine gute Idee ist es zu tun, aber es gibt absolut keinen Grund einer Gesellschaft, die ihre Zeit mit dem Annagen von Steinen verbringt, zu verbieten das zu tun. Es gilt nur festzustellen dass sie die Steine „der Anderen“ in Ruhe lassen müssen und dass sie die Konsequenzen dieser Handlungen selber tragen müssen und die andren absolut keine Verantwortung für eventuell abgebrochene Zähne tragen.

Diese Schlussfolgerung impliziert zwei Dinge:

a) Der Mensch gehört sich selber und kann mit seinem Körper tun was er möchte und

b) Der Mensch kann nur mit seinem Eigentum tun was er möchte und hat keine Verfügungsgewalt über das Eigentum eines anderen Menschen, oder den Menschen, es sei denn der Besitzer gibt explizite Erlaubnis.

Wir kennen das als das „Nichtaggressionsprinzip

Zwar gibt es einen Haufen Gründe warum Menschen andere Menschen besitzen, über sie verfügen, oder warum dem König alles gehören sollte, aber am Ende des Tages werden alle diese Argumente in kleine Stücke geschossen wenn man den Menschen klar macht dass sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht die Profiteure dieser Ideologie sind. Idealisten wollen üblicherweise nicht tun was ihnen gesagt wird, sondern anderen sagen was sie tun sollen.

Die Profiteure sind, egal was die Ideologie vor der Umsetzung verspricht, immer wenige und selten jene die zu Beginn dieses Prozesses keine Macht hatten. In anderen Worten: immer wenn man jemanden Macht über sich gibt sollte man in Betracht ziehen dass derjenige nicht dessen sondern vielmehr sein eigenes Wohl im Sinn hat. Selbst wenn es nicht so ist, ist es vernünftig vorsichtig zu sein.

Der edle, selbstlose Herrscher kann ganz schnell durch einen korrupten Psychopathen ersetzt werden und dann hat man den Salat.

Daraus folgt dass man seine Macht eventuell doch besser bei sich behalten sollte, anstatt „Verantwortung fürs eigene Leben“ an die Führung zu delegieren.

Finden wir den Weg zurück zur Metapher des Schlachtfeldes handelt es sich beim Nichtagressionsprinzip um eine strategische Atombombe.

In anderen Worten: man braucht im Grunde nicht mehr als die oben dargelegte Logik um jede Debatte mit Sozialisten, Faschisten, Monarchisten, oder Sonstwasisten zu gewinnen. Es gibt einfach keine guten Gründe warum andere so leben sollten wie man möchte das sie leben, weil das im Umkehrschluss bedeuten würde dass die andren ein Recht darauf hätten einem selber zu sagen wie man zu leben hat. Und wer will das schon?

Jeder hinreichend freie Raum tendiert also immer zur Seite mit den belastbareren (nicht notwendiger "besseren" oder "moralischeren") Argumenten, weil eben der Mitläufer nicht auf der Seite jener stehen möchte deren Argumente in Stücke gehackt wurden. Was zählt ist also wie robust das Argument ist.

Die einzige Möglichkeit an seiner einschränkenden oder beschränkten Ideologie festzuhalten ist also Forderung nach Zensur, Moderation und Unterdrückung und von all diesen Dingen profitieren am Ende die Machthabenden.

Das Internet zwischen 1990 und 2020 war ein Raum beeindruckender Freiheit und in dieser Zeit war es dem einfachen Volk möglich sich gegen die Ideologie der Ideologie aufzulehnen und die Idee der Selbstherrschaft zu feiern.

Dieses Fenster schließt sich. Es ist offensichtlich dass die Moderation, die Zensur und die Idee dass man manche Dinge nicht sagen kann im großen Stil zurückkommen und mit biedermeier2.gov wird die Idee, dass der Mensch sich selber gehört und nicht den Mächtigen, wieder in die stillen Kämmerchen verdrängt werden.

Verschwinden wird die Idee aber niemals.

c. geopp soundcloud.com

3
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Matt Elger

Matt Elger bewertete diesen Eintrag 11.11.2020 17:27:30

pirandello

pirandello bewertete diesen Eintrag 11.11.2020 16:56:24

Tourix

Tourix bewertete diesen Eintrag 11.11.2020 11:56:15

4 Kommentare

Mehr von Angus