Der 8. März als deklarierter Frauentag ist entweder der hundertneunte oder der siebenundneunzigste, je nachdem wer zählt. Diejenigen, die aus ideologischen Gründen nichts von ihm halten, zählen ab 1921 und sehen ihn als Erfindung der Kommunisten. Sie nehmen nicht zur Kenntnis, dass die Idee in den USA entstand ist, betrieben von Sozialistinnen, und zum ersten Mal 1909 stattfand. Richtig ist, dass der 8. März in Russland festgelegt worden ist, das aber nur die halbe Wahrheit ist.

Es geht auch dieses Jahr wieder um Gleichstellung und gleiche Bezahlung, in Österreich um ein Volksbegehren und unendlich viele Statements dazu – auf dass sich das alles nächstes Jahr wiederholen wird. Wie auch immer, heuer ist eine gute Gelegenheit, aus gegebenen Anlass einmal über die oft beschworenen, aber kaum geübte Frauensolidarität nachzudenken.

Der Anlass?

1. Eine am Mittwoch veröffentlichte Umfrage, wonach Frauen bei Verhandlungen um höhere Gehälter weniger oft auf einen Vorschlag von Vorgesetzten hoffen können (50 Prozent) als Männer (58 Prozent). Es gibt eben mehr männliche Vorgesetzte als weibliche, wird an dieser Stelle wahrscheinlich eingewendet werden.

Interessant wäre die Frage nach den Vorschlägen weiblicher Vorgesetzter gewesen. Gibt es von ihnen ausreichend Unterstützung und Ermunterung, höhere Gehälter zu verlangen? Die Umfrage zeigte auch, dass fast doppelt so vielen Frauen wie Männern der Mut und die Unterstützung fehlt (20 Prozent zu 11 Prozent). Also wie ist es dann mit dem viel beschworenen „empowerment“, also der Ermächtigung, von Frauen für Frauen? Nicht sehr gut, jedenfalls nicht ausreichend, muss man annehmen.

Geschichten aus dem Alltag würden diese These stützen: Beförderungen von Frauen werden oft von weiblichen Vorgesetzten blockiert, nicht von männlichen. Mangelnde Unterstützung kommt oft von Frauen am Arbeitsplatz, nicht von Männern. Bei manchen Erzählungen entsteht der Eindruck, als seien Kolleginnen darauf aus, andere Frauen „klein“ zu halten, nicht Kollegen.

Das ist der erste Mythos, der meist nur in Sonntagsreden, weniger oft aber in der Realität vorkommt, jener von der Frauensolidarität. Wenn frau glaubt, darauf ein Anrecht zu haben, irrt sie meist. Frauensolidarität ist ein Schlagwort, gut für den Internationalen Frauentag, unbrauchbar im Beruf und in der ambitionierten Karriereplanung. Das hat vielerlei Gründe, die meisten wären nur psychologisch zu erklären, sind hier aber nicht das Thema.

2. Anlass:

Der Einstieg der früheren Bundessprecherin der Grünen, Eva Glawischnig, beim Glücksspielkonzern Novomatic. Gäbe es nur mehr Frauen in der Politik, so heißt es, wäre diese sicher besser, moralischer, menschlicher. Frauen würden anders entscheiden als Männer.

In einer kurzen Pressekonferenz machte Glawischnig vergangene Woche zunichte, was sie selbst in fast 20 Jahren in der Politik vertreten hat. Zudem lieferte sie den Beweis, dass Moral eben keine politische Kategorie ist.

Sie hat damit der Sache der Frauen mehr geschadet als der Sache der Grünen oder ihrer eigenen Glaubwürdigkeit. Mehr jedenfalls als es jeder Politiker bei der Nichterfüllung der Frauenquote tun könnte. Wer in Hinkunft die Behauptung, Frauen wären die besseren Politiker, widerlegen möchte, muss nur „Glawischnig“ murmeln. Niemand wird sich mehr darauf berufen können, dass Frauen moralischer handeln würden als Männer.

Die Sache mit den Frauen als der „besseren“ Hälfte in der Politik ist zwar in der Geschichte schon oft und auch sehr spektakulär widerlegt worden. Der Mythos aber hält sich.

Nun würde es zwar bedeuten, die Auswirkungen von Glawischnigs neu entdeckter Liebe zum Glücksspiel zu überschätzen, aber der Schaden, den sie angerichtet hat, ist gleich auf mehreren Ebenen sichtbar:

1. Politiker lügen. Wenn schon eine Vertreterin der Grünen so krachend vom hohen moralischen Pferd stürzt, wie schlimm muss es dann erst bei anderen in der Politik sein, die diesen moralischen Anspruch erst gar nicht erheben?

2. Integrität ist auch keine politische Kategorie. Noch nie hat sie in Österreich jemand so schnell aufgegeben. Noch nie hat jemand den Schaden für die eigene Gesinnungsgemeinschaft so ungerührt in Kauf genommen.

3. Die Vorbildwirkung auf den Nachwuchs in der Politik ist verheerend. Entweder man wird in der Politik so beschädigt, dass man sich am Ende selbst nicht mehr spürt. Oder man verbiegt sich von Anfang an. Beide Lebensentwürfe sollten für junge Menschen nicht attraktiv sein.

Aber das wird wahrscheinlich weder jetzt noch am 110. Frauentag 2019 reflektiert werden.

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