Das Ergebnis der Wahl zum Bundespräsidenten hätte doch erst frühestens Montag Abend feststehen sollen. Sogar bis Mittwoch hätten wir warten sollen. Und nun wundern wir uns, dass Alexander Van der Bellen schon Sonntag kurz nach 17 Uhr als nächster Bundespräsident feststand. Und wir wundern uns über das so deutliche Ergebnis.

Wir wundern uns auch, dass Heinz Christian Strache und Herbert Kickl von der FPÖ so wenig Selbstreflexion haben und mit allen Mitteln gleich nach den ersten Zahlen wieder die Opfer-Karte zogen: Norbert Hofer das Opfer des „Systems“, das sich noch ein letztes Mal aufgebäumt und „einbetoniert“ habe; eines Wahlkampfs „einer gegen alle“; vor allem Opfer von ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner, dessen Bekenntnis, Van der Bellen zu wählen, in eine Empfehlung umgedeutet wurde, die gleich eine ganze Schar von ÖVP-Bürgermeistern aufgescheucht haben soll; Opfer eines Machtkartells, das zwar nicht näher beschrieben wird, in Zukunft sicherlich ständig beschworen werden wird und Opfer einer unglaublich negativen Kampagne.

Opfer stimmt ja irgendwie, aber anders als die FPÖ das sehen will. Wenn schon Opfer, dann von Ursula Stenzel und ihren unsäglichen Vorwürfen und Auftritten. Wenn schon Opfer, dann vom britischen Brexit-Betreiber Nigel Farange, der einen Tag vor der Wahl meinte, mit Hofer werde Österreich das nächste Land sein, das die EU verlassen werden. Wenn schon Opfer, dann von einer krassen Fehleinschätzung in der FPÖ, die in den letzten Tagen die Kreide vor Hofer versteckt hat. Wenn schon Opfer, dann von der eigenen Schlichtheit, mit der Hofer in der letzten ORF-Diskussion drei Tage vor der Wahl einen auf Donald Trump gemacht und sein Gegenüber ständig mit dem Wort „Lüge“ unterbrochen hat. Wenn schon Opfer, dann von dem Schuss, mit dem man eigentlich Van der Bellen-Wähler vom Urnengang abhalten wollte und der dann nach hinten losging.

Wir wundern uns aber auch, dass es im Gegensatz zu den Erwartungen doch keinen Trump-Sog gegeben hat, sondern im Gegenteil wahrscheinlich einen Trump-Abstossungseffekt. Der völlig übertriebene Willkommensgruß von Strache für Tump nach dem 8. November, die ausgestreckten Hände Hofers in Richtung anderer autoritärer Politiker in Europa, dürfte doch einige Wähler nachdenklich gemacht haben. Seit dem Wahlabend können sie auch darüber sinnieren, was es bedeutet, wenn ein unterlegener Kandidat folgendes von sich gibt. Hofer im ORF: Er wünsche Van der Bellen alles Gute, aber in ihm, Hofer, sei nun ein „schlafender Bär geweckt worden“. Alles in einem Atemzug. Man kann sich nur wundern, was das bedeuten sollte.

Wir wundern uns aber auch, dass die Beschreibung der Stimmung in Österreich, die aufsteigende Wut auf Politik und System eben, gestern, Sonntag, nicht ausreichend im Wahlergebnis durchgeschlagen hat. Zwar haben laut einer Nachwahlanalyse Pessimisten zu 70 Prozent Hofer gewählt und Optimisten Van der Bellen, aber insgesamt kann die Stimmung bei einer Differenz von 6,6 Prozentpunkten nicht so mies sein, wie meist dargestellt.

Der Hauptgrund, sich zu wundern, ist aber die Zivilgesellschaft. Das kann gar nicht oft genug betont werden. Van der Bellen hat tatsächlich so etwas wie eine Bewegung zustande gebracht. Er hat Bürger mobilisiert, die vor ein paar Jahren bei dem Ansinnen, auf der Straße für eine Partei oder einen Kandidaten zu werben, noch die Nase gerümpft hätten. Er und sein Team haben eine Basismobilisierung erreicht,die Sympathisanten und nicht nur Parteimitarbeiter auf die Straße und an die Telefone getrieben hat. Bürger haben sich engagiert und wissen seit Sonntag: Es ist nicht zwecklos. Es hat einen Sinn.

Außerdem wundern wir uns oder sind erfreut – je nach Standpunkt – darüber, dass die Mehrheit der österreichischen Wähler, dieses Mal der Versuchung widerstanden hat, nach dem Retro-Motto aus dem Waldheim-Wahlkampf von 1985 „Jetzt erst recht“ oder „Wir wählen wen wir wollen“ Politikern anderer EU-Staaten, die sich besorgt über einen möglichen Sieg des Rechtspopulismus in Österreich geäußert haben, die lange Nase zu zeigen. Das wäre durchaus im Bereich des Möglichen gewesen. War es aber nicht. Die beiden Hauptargumente für eine Wahl Van der Bellens waren – auch das wissen die Nachwahlforscher – vielmehr, die Fähigkeit, Österreich im Ausland zu vertreten und seine Linie pro EU. Also in diesem Sinn sind Hofer und die FPÖ gestern Opfer der Vernunft einer Mehrheit der österreichischen Wähler geworden.

Der Vormarsch der Rechtspopulisten in Europa ist damit nicht gestoppt. Aber der Nimbus des Unaufhaltsamen, des Unvermeidbaren, des Unabwendbaren ist weg. Dafür sollte man der Mehrheit der Wähler danken.

Nur: Wir werden uns noch wundern, wie kurz eventuell die Atempause ist.

Manfred Werner / Tsui https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Alexander_Van_der_Bellen_2016.jpg

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