Extremismus ist selten ein einsamer Wolf. Er ist eher ein Tanz – ein dunkler, ineinander verschlungener Walzer, bei dem die Partner sich gegenseitig antreiben, spiegeln, verstärken. Wer genau hinsieht, erkennt, dass radikale Ideologien, so verschieden ihre Masken auch scheinen mögen, oft dieselben Schritte beherrschen. Der Autor eines anderen Beitrages von heute, der aus dem Umfeld der Identitären Bewegung stammt, greift auf Denkfiguren zurück, die man ebenso aus islamistischen Narrativen kennt: die Konstruktion eines bedrohten religiösen Kollektivs, die Ablehnung säkularer Ordnung, die Vermischung von Religion und politischer Legitimation, die Forderung nach religiösen Autoritäten zur Bewertung weltlicher Konflikte.
Beide Seiten – identitäre Ideologen und islamistische Extremisten – bedienen sich derselben dramaturgischen Mittel. Sie erzählen Geschichten von Reinheit und Bedrohung, von einem „Wir“, das verteidigt werden müsse, und einem „Sie“, das angeblich die Ordnung zerstören will. Sie behaupten, die liberale Weltordnung sei schwach, dekadent, unfähig, und nur eine Rückkehr zu einer „wahren“, „ursprünglichen“ Ordnung könne Rettung bringen. So unterschiedlich ihre Symbole auch sind – die Logik ist dieselbe.
Wenn ein Autor sich plötzlich auf die „abrahamitischen Religionen“ beruft, wenn er säkulare Parolen als Angriff auf das „Heilige“ deutet, dann nähert er sich rhetorisch jenen islamistischen Stimmen an, die jede Form von Religionskritik als Krieg gegen den Glauben interpretieren. Beide Seiten behaupten, im Namen einer höheren Wahrheit zu sprechen. Beide lehnen die offene Gesellschaft ab, weil sie Vielfalt nicht als Stärke, sondern als Bedrohung sehen.
Und manchmal, tragischerweise, tanzen sie nicht nur metaphorisch miteinander. Der Fall Claude Hermant – ein Rechtsextremist und Identitärer aus Lyon, der die Waffen an Islamisten verkaufte, die beim islamistischen Anschlag auf den Hyper‑Cacher‑Supermarkt verwendet wurden – zeigt, wie dünn die Wand zwischen den Lagern sein kann. Hermant belieferte Amedy Coulibaly mit Waffen; sechs davon wurden bei dem Anschlag eingesetzt. Ein Extremist, der einem anderen Extremisten die Mittel liefertist ein Symbol für diesen makabren Walzer.
So entsteht ein paradoxes Bündnis: Zwei Ideologien, die sich gegenseitig hassen, aber dieselbe Welt zerstören wollen. Zwei Kräfte, die sich als Feinde inszenieren, aber als Sparringspartner wirken. Beide sind eine Gefahr für Demokratie und liberale Ordnung, nicht weil sie stark sind, sondern weil sie dieselben Risse im Fundament suchen.
Am Ende ist Extremismus immer ein Spiegel. Wer lange genug hineinsieht, erkennt, dass die Gesichter sich ähneln.