Da haben sie es einfach getan. Die katholische Kirche veröffentlicht eine Enzyklika zur KI. Ausgerechnet diese oft verstaubt wirkende Institution liefert aktuell eine extrem scharfe und strukturell tiefgreifende sozioökonomische Kritik an der digitalen Revolution: Magnifica humanitas.

200 dicht geschriebene Absätze. Wer Zeit und Muße hat, kann das komplett lesen, aber schon oberflächlich wird einiges deutlich.

KI

Der Epochenwandel

Ob es nun tatsächlich zur AGI reicht oder nicht, ist umstritten. Doch schon die heutige Technologie wird, sobald ihr gesellschaftliches Potenzial ausgeschöpft ist, für tiefgreifende Veränderungen sorgen. Während die Enzyklika substanziell auf diesen Wandel eingeht, wird er von der säkularen Politik nahezu ignoriert. Der EU AI Act beschäftigt sich lediglich mit der Übertragung des aktuellen juristischen Frameworks auf die künstliche Intelligenz. Er wirkt – so er denn überhaupt Sinn ergibt – wie der verzweifelte Versuch, alte Strukturen in eine neue Zeit herüberzuretten.

  • Die Politik versucht, Tablets und KI-Tutoren zur besseren Bildungszielerfüllung in den Schulen zu etablieren. Die Enzyklika fragt zu Recht, was Bildung in 20 Jahren überhaupt noch bedeuten soll.
  • Die Politik kämpft für Datenschutzstandards in der Arbeitswelt. Die Enzyklika fragt, wie Arbeit im neuen Zeitalter überhaupt aussehen kann und was eine rasante Automatisierung (blue- wie white-collar) für die Gesellschaft insgesamt bedeutet.

Die Wortwahl ist dabei teils drastisch: Sklaverei, Kolonialismus und Transhumanismus.

Neben diesen sozialen Fragen, die eigentlich auch Aufgabe der Politik wären, widmet sich der Text auch dem Grundsätzlichen: Was bedeutet Menschsein überhaupt, wenn Maschinen plötzlich alles können, was wir beherrschen – nur im Zweifel besser?

Was nun, Leo?

Die Kirche beschreibt nicht nur die wirklichen Probleme, die wir bewältigen müssen, sie liefert auch eine Vision. Einige Begriffe wie Inkarnation, Eucharistie oder Magnificat werden wohl eher Katholiken ansprechen.

Andere Forderungen sind geradezu radikal: Daten als Allmende und die Abkehr vom BIP als Wohlstandsindikator.

Ob das tatsächlich vernünftige Lösungsansätze sind, muss gesellschaftlich ausgehandelt werden. Aber im Gegensatz zu unseren modernen, demokratischen Institutionen hat es dieser autoritäre, traditionelle Haufen wenigstens geschafft, die Probleme zu benennen.

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