Ob Migration, Gesellschaftswandel oder Demokratiezerfall: an der Kulturfront spitzt sich die Lage immer weiter zu. Routiniert wird bei Marx oder den 68ern angesetzt, wenn nach den Auslösern des Konflikts gefahndet wird. Darüber hinaus herrscht Geschichtsvergessenheit. Leider. Denn Impulse, die eine neue Dynamik schaffen könnten, werden so übersehen.

Ein Naturforscher entfesselt radikale Kräfte

Bevor linke Revolutionäre ihren Siegeszug antraten, leistete ein Naturforscher wichtige Vorarbeit. Die Rede ist von Charles Darwin. Vor ihm gab es keine säkulare Erklärung für unsere Existenz und somit keine Basis für eine linke Weltanschauung. Niemand hat mehr zur aktuellen Krisenlage beigetragen als dieser Brite – und niemand hat mehr Potenzial, die Fronten durcheinander zu wirbeln. Denn Darwin hat eine Leiche im Keller.

Die Vorgeschichte: Lange galt die jüdisch-christliche Schöpfungslehre als Richtschnur in der Wissenschaft. Keine naturwissenschaftliche Beobachtung ohne biblische Einordnung. Darwins Theorie änderte das. Nicht mehr Schöpfung war angesagt, sondern Evolution. Die Wissenschaft emanzipierte sich endgültig von der Theologie. Somit verlor das Christentum an Glaubwürdigkeit und Einfluss. Eine Säule des Abendlandes stürzte krachend ein. Und die Machtverhältnisse verschoben sich radikal. Sicher spielten auch andere Faktoren eine Rolle, aber nichts erwies sich als so schwerwiegend wie die Lehre der Evolution. Dabei war sie alles andere als neu.

Die Hindu-Parallele

Bereits T. H. Huxley, Darwins mächtigster Fürsprecher, stieß auf Vorläufer des Konzepts. Und zwar im alten Hinduismus. Er nutzte den Sachverhalt, um Öl in den auflodernden Kulturkampf zu gießen und der christlichen Opposition einzuheizen.

Bald sprang die Evolutionsidee auf die Kosmologie über. Der russische Mathematiker Alexander Friedmann entwarf ein erstes Urknallmodell und stellte auch hier eine Hindu-Parallele fest. Dass dies nur die Spitze des Eisbergs war, ließ der amerikanische Astronom Carl Sagan anklingen. Er klärte nicht nur ein Millionenpublikum über die Verbindung auf, sondern deutete auch eine Reihe anderer Berührungspunkte an. Den Laienzuschauern blieb die Tragweite der Erklärung jedoch verborgen und Wissenschaftler hakten nicht nach. Aus verständlichem Grund.

Zu traumatisch wäre die Erkenntnis, dass moderne Startheoretiker nie über das Niveau archaischer Stammesoffenbarungen hinausgelangten – Offenbarungen, die heilige Seher in drogeninduzierten Visionen empfingen! Die Hauptgefahr liegt freilich woanders: Genau dieselben Anknüpfpunkte – bronzezeitliche Stammesmythen, göttliche Offenbarungen etc. – versetzten der biblischen Schöpfungslehre den Todesstoß und forcierten massive kulturelle Umbrüche.

Eine heikle Verstrickung

Übereinstimmung zwischen modernen Evolutionskonzepten und alten Ursprungsmythen herrscht nicht nur an der Oberfläche, sondern auf allen Erzählebenen. Und die Verbreitung des Gedankenguts im Abendland sorgt für zusätzliche Brisanz. Vor allem, weil die Thematik unter spirituellen Gruppierungen kursierte, die Sympathien für die biblische Schlange hegten. Von dort ging das Ganze nahtlos in die Wissenschaft über.

Die religiöse Kontinuität erklärt, warum niemand nachhakt. Würde bekannt, dass die Schlüsseltheorie der Moderne in Mythen gründet, dass sie von religiösen Strömungen getragen und von religiösen Köpfen im Wissenschaftsbetrieb verankert wurde, drohte eine Zäsur: Naturgeschichtliche Theorien könnten fortan nach denselben Kriterien evaluiert werden wie religiöse Glaubenssätze. Ein Alptraum. Also zum Teufel mit der wissenschaftlichen Neugier. Und um Himmels willen keine schlafenden Skeptiker wecken.

Der kirchlich-politische Faktor

Nach Darwins Coup sprangen die Kirchen auf den modernen Zug auf – teils zögerlich, teils mit Elan. Heute ist die Evolutionstheorie fester Bestandteil ihrer Glaubenslehren. Aber sie geben sich nicht nur wissenschaftlich korrekt, sondern auch politisch. Beispielsweise in der Migrationsdebatte: Sie hofieren den Islam und führen einen Kreuzzug gegen die Verteidiger des christlichen Abendlandes. Solange sie Nächstenliebe und Offenheit predigen, klingen sie auch halbwegs authentisch; ihre paradoxe Ausrichtung wird von den Kirchenschafen kaum hinterfragt.

Was aber, wenn die Schafe erfahren, dass ihre Hirten einen Kuhhandel treiben – dass sie die eigene Schöpfungslehre gegen ein Konkurrenzmodell eintauschen, das ideengeschichtlich mit der Schlange assoziiert ist? Bröckelt dann die Zustimmung? Würden die Betroffenen ihre Hirten bedrängen, nicht länger dem Zeitgeist zu huldigen, sondern sich auf Eigenes zu besinnen? Ein interessantes Gedankenspiel. Mit reizvollen Perspektiven.

Die geläuterten Kirchen könnten eine neue Dynamik in das Kulturgeschehen bringen. Verhärtete Fronten könnten aufbrechen und unverstandene Stimmen Gehör finden. Möglich! Doch nur, wenn sich eine kritische Masse bildet, die den Schweigebann bricht.

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