Brisante Zusammenhänge, Teil 4: Hermetik und Moderne

Der Gesellschaftswandel setzt sich ungebremst fort. Viele sind darüber frustriert. Zwar wissen sie, was ihnen missfällt, aber nicht, was es mit den schicksalhaften Vorgängen auf sich hat. Ohne dieses Hintergrundwissen sind sie den treibenden Kräften hilflos ausgeliefert.

Ein unzulängliches Geschichtsbild

Gängigen Lehren zufolge begann diese kulturelle Entwicklung in der Renaissance. Im Zeitalter der Aufklärung kam es dann zu Umbrüchen in Politik, Wissenschaft, Philosophie und Religion; alle Lebensbereiche wurden davon berührt. Die Aufklärer brachen mit der Vergangenheit, um die Welt zu modernisieren, um sie in ein Paradies des Friedens und der Glückseligkeit zu verwandeln. Dies ist die wohlvertraute und weitverbreitete Auffassung. Ein Streifzug durch die Geschichte zeigt jedoch, woher die "neuen" Ideen tatsächlich stammen.

Zurück in die Antike, in die Frühzeit des Christentums. Abseits des Kirchengeschehens gewinnen spirituelle Geheimlehren an Einfluss: Die Gnosis und die artverwandte Hermetik. Auf den ersten Blick muten hermetische Schriften furchtbar archaisch an. Dass sie moderne Leitgedanken in Hülle und Fülle enthalten, geht fast unter.

Die Autoren dieser Texte grenzen sich von herkömmlichen Glaubenslehren ab; ihr Sinn steht nach Freiheit, Rationalität, Erkenntnis, Aufklärung und der Würde des Menschen. Fromm bekennen sie sich zu einem Gott – allerdings nicht zu einer mannigfachen, persönlichen Gottheit, die einen finsteren Widersacher hat; sie kritisieren Religionen, die solchen Vorstellungen anhängen und dadurch Böses verursachen.

Verblüffend modern

Im hermetischen Themenpaket verstecken sich weitere, hochmoderne Motive: Eine sachliche, allumfassende Naturwissenschaft. Eine Kosmologie, die mit einer Singularität beginnt. Ein Universum, das alles selber schafft, durch Naturgesetze gesteuert wird und wie ein Mechanismus läuft. Eine Biologie, die evolutive Züge aufweist. Eine Geologie, die auf natürlichen, stetigen Langzeitprozessen basiert und keiner übernatürlichen Eingriffe bedarf. Sogar ein Ansatz zur Weltverbesserung durch Wissen und Vernunft ist wahrnehmbar.

Kurzum, die Hermetik besticht mit modernen Einstellungen. Und zwar auf allen großen Ebenen: Gott, Kosmos, Mensch. Mit Zufall hat dies nichts zu tun, sondern mit einem bewussten Gedankentransfer. Dieser macht sich erstmals in der Renaissance bemerkbar.

In dieser gefeierten Kulturepoche erlebt auch die Hermetik eine Wiedergeburt. Sie wird zum Renner unter den Eliten. Kaum verwunderlich daher, dass renommierte Persönlichkeiten mit hermetischen Ansichten punkten und den Aufbruch in ein neues, humanistisches Zeitalter signalisieren.

Bald springt der Funke auf die Neuzeit über. Viele illustre Figuren – Newton, Descartes, Bacon, Locke, Leibniz, Hobbes u.a. – bewegen sich im Dunstkreis der Hermetik. Mit dem erklärten Ziel, unser Denken und Handeln zu verändern und paradiesische Zustände herbeizuführen.

Wenig später machen Aufklärer erste Schritte hin zur praktischen Umsetzung. Beispielsweise auf dem Gebiet der Naturwissenschaft: James Hutton gründet die moderne Geologie auf dem hermetischen Unterbau, auf dem sie noch immer ruht. Und Erasmus Darwin, Großvater des berühmten Charles Darwin, gelingt dasselbe in dem Schlüsselbereich Evolution. Sie und viele andere schleusen, völlig bewusst, hermetische Prinzipien in moderne Denkkanäle ein.

In der Folge intensiviert sich der hermetisch beseelte Wandel. Die christlich-abendländische Kultur wird radikal verändert, oder demontiert, um die Überbleibsel in eine friedlich vereinte Weltgemeinschaft einzugliedern.

Ein heikler Begleitumstand

Durch die hermetischen Ausgangstexte geistert eine obskure Größe: die Schlange. Wie ihr biblisches Gegenstück vermittelt sie dem Menschen Erkenntnis um Gut und Böse und macht ihn mit seiner "Göttlichkeit" vertraut. Brisant daran ist, dass eine analoge Figur die Wegbereiter der Moderne inspiriert – und so als Trendsetter der neuen Epoche fungiert.

Noch nie gehört? Kein Wunder, derlei Geschichtsfakten passen nicht ins moderne Weltbild. Sie könnten Gegenkräfte beflügeln, wenn nicht gar eine Sinnkrise einleiten. Also ist Schweigen angesagt. Gelegentlich sickert etwas durch, wie bei dem Starphysiker Isaac Newton; seine okkult-hermetischen Umtriebe sind einfach nicht zu übersehen. Aber solange nur Einzelfälle auffliegen, lassen sie sich folgenlos neutralisieren.

Konsequenzen für die Kirchen

Die esoterischen Tatbestände erschüttern nicht nur das Selbstverständnis des modernen Menschen, sondern werfen auch ein schräges Licht auf die Gegenwartskirche. Sie scheint keine Skrupel zu kennen, urchristliche Religionsinhalte gegen heidnisch-häretische auszutauschen und sich mit all jenen Kräften zu verbünden, die dem traditionellen Glauben spinnefeind sind – und Sympathien für die Schlange hegen.

Kirchenleiter, die sich mit der Moderne arrangieren, betreiben eine kuriose Art der Selbstzersetzung. Sie paktieren sozusagen mit dem Teufel und befeuern damit die abendländische Glaubenskrise.

Den meisten Kirchgängern dürften die Zusammenhänge unbekannt sein. Würden sie diese subversiven Umtriebe auch wissentlich gutheißen? Oder würden sie – entsprechend sensibilisiert – dem Zeitgeist Paroli bieten?

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Petra vom Frankenwald

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