Die Präsidenten Österreichs und Deutschlands, Van der Bellen und Steinmeier, haben sich nach Frankreich begeben, um der Unterzeichnung des Waffenstillstand von Compiegne am 11. November 1918 zu gedenken.

Allerdings ist diese Sache mehr als heikel: denn erstens handelte es sich um keinen Frieden (so wie das in zahlreichen Medien dargestellt wird), sondern um einen Waffenstillstand, und zweitens führte der ungerechte Friedensvertrag von Versailles 1919 zum Aufstieg der Nazis in Deutschland und zum nächsten Weltkrieg. Nicht zu unrecht sagten hochrangige französische Militärs, es habe sich in den Jahren 1918/1919 nicht um einen Frieden, sondern nur um einen Waffenstillstand für 20 Jahre gehandelt.

Von den Lehren, die man aus 1918/1919 und dem verfehlten Frieden ziehen sollte, sprach offensichtlich niemand und wird wohl auch niemand sprechen, weder die Politiker noch die Medien.

Z.B. dass es kontraproduktiv sein kann, zuviel Sicherheit zu fordern, dass es den nächsten Krieg heraufbeschwören kann, wenn man andere Staaten mit Gewalt und Okkupation (zum Beispiel des Saarlandes oder des Ruhrgebietes) daran hindern will, auch nur die allernotwendigste Verteidigung zu haben.

Aber solche Gedanken dürfen radikale Pazifisten wohl nicht einmal denken, geschweige denn äußern.

Somit werden wir wohl anhand den hundertsten Jahrestages der Unterzeichnung des Waffenstillstand von Compiegne wieder haufenweise geschichtsverkennende und geschichtsverfälschende Reden hören.

Auch dass dieser Waffenstillstand, der fälschlicherweise "Frieden" genannt wird, in Zusammenhang mit dem darauf folgenden Versailles-Vertrag Revanchismus und neuen Krieg heraufbeschwor, wird wohl verschwiegen werden.

https://www.nzz.ch/international/der-friede-der-eine-illusion-blieb-ld.1431176

Mit dieser Würdigung für den Waffenstillstand 1918 würdigen Steinmeier und Van der Bellen auch Politiker, die für den Aufstieg der Nazis und den zweiten Weltkrieg mitverantwortlich sind: nämlich z.B. George Clemenceau und David Lloyd George.

natürlich mag der erste Weltkrieg und seine Grausamkeit zahlreiche Politiker überfordert haben, aber es war keineswegs so, dass es nicht warnende Stimmen gegeben hätte, die davor warnten, der Vertrag von Versailles könne zu neuen Krisen und Kriegen führen: beispielsweise John Maynard Keynes trat mit diesem Argument unter Protest aus dem britischen Verhandlungsteam zum Versailles-Vertrag aus.

Mit ihrer unkritischen Teilnahme an den Veranstaltungen unterstützen Steinmeier und Van der Bellen die angelsächsische bzw. alliierte Hegemonie in der Geschichtsschreibung, die nach dem Motto "Vae victis!" ("Wehe den besiegten!" ) die Kriegsschuld in ungebrachter Weise einzig und alleine Deutschland und seinen Verbündeten zuschob und den mißglückten Pseudo-"Frieden" von 1918/1919 zu unkritsch sieht. (Damit soll nicht gesagt werden, dass Deutschland völlig unschuldig wäre am AUsbruch des ersten Weltkriegs)

Natürlich war Deutschland nicht völlig unschuldig, natürlich war Wilhelm II. undiplomatisch gewesen, zu undiplomatisch für das Umfeld, und natürlich hatte er Fehler gemacht, aber dieser sogenannte "Frieden" war wegen seiner Ungerechtigkeit nur ein Auftakt für den nächsten Krieg und nichts anderes.

Die Schweizer haben diesbezüglich vielleicht einen besseren und objektiveren Blick, wie der NZZ-Artikel beweist.

Im englischen Sprachbereich verwendet man für die "Feuerpause" auch den Begriff der "Repair & Refit phase", also einer Phase, in der zwar keine Gefechte stattfinden, aber die Soldaten sich für das nächste Gefecht erholen, und z.B. beschädigte Waffen und Panzer für die nächste Kriegsphase repariert werden.

Die Bezeichnung "Feuerpause" und "Repair & Refit Phase" wäre angebrachter als die Bezeichnung "Frieden", aber irgendwie aus populistischer Sicht nicht lohnend.

P.S.: ich habe in diesem Zusammenhang auch noch einmal den Wikipedia-Artikel zum Thema Versailles-Vertrag und Compiegne-Feuerpause "https://de.wikipedia.org/wiki/Friedensvertrag_von_Versailles"

überprüft und für schwer mangelhaft empfunden.

Meine Position und Stellungsnahme dazu (siehe Unten) kann man auf der Wikipedia-Diskussionsseite zu dem Thema abrufen:

´In Zusammenhang mit der Kriegsschuldfrage fände ich es besser, wenn im Wikipedia-Artikel zum Versailles-Vertrag das Wort "behauptete" statt "konstatierte" verwendet würde (in Zeile 7 ca. bei der Formulierung "Der Vertrag konstatierte die alleinige Kriegsschuld Deutschlands" ). Auch die Behauptung, die USA gehörten zu den Unterzeichnerstaaten des Versailles-Vertrages, ist falsch. Der US-Kongress hat den Vertrag nie ratifiziert, obwohl Präsident Wilson ihn zehnmal vorgelegt hatte. Wilson selbst war möglicherweise kein glühender Verfechter des Vertrages, sondern sah ihn als (unangenehmen) Preis für den Völkerbund, der allerdings später zu einem Vehikel britisch-französischer Politik wurde, was auch zum Völkerbund-Untergang beitrug. Auch die Formulierung "Der US-Kongress verweigerte die Zustimmung" ist manipulativ und legt nahe, der US-Kongress habe eine Pflicht gehabt, dem Vertrag zuzustimmen, was er nicht hatte. Der US-Kongress hat den Vertrag nüchtern geprüft, für schlecht erachtet und deswegen nicht ratifiziert. Wenn Großbritannien und Frankreich dem Vorbild des US-Kongresses gefolgt wären und den Versailles-Vertrag nicht ratifiziert hätten, dann wäre der Welt der zweite Weltkrieg möglicherweise bzw. wahrscheinlich erspart geblieben. Auch die nahegelegte Sicht, den Versailles-Vertrag als gerechtfertigte Revanche Frankreichs für 1871 darzustellen, kann ich aufgrund der Unterschiede in den Kriegsdauerintensitäten nicht unterstützen. Die Härte des Versailles-Vertrags erklärt sich vielmehr aus der hohen Verschuldung Frankreichs und Großbritannien durch den ersten Weltkrieg und hat mit dem 1871-Krieg, der im Vergleich nur ein "Kriegchen" war, wenig bis nichts zu tun. Auch ein gewisser Populismus gegenüber einer durch den Krieg verhärteten (französischen und britischen Bevölkerung mag bei den überzogenen Forderungen eine Rolle gespielt haben. (Dieter Knoflach, Nov. 2018)´

Die englischsprachige Wikipedia ist zum Thema Versailles-Vertrag besser: John Maynard Keynes wird breiter Raum gegeben, der Vergleich mit dem Carthagischen "Frieden" wird gezogen, der am Ende des zweiten punischen Krieges stand und den dritten punischen Krieg heraufbeschwor.

Anders als zum Thema Irakkrieg kann das Auseinanderklaffen der deutschsprachigen und der englischsprachigen Wikipedia nicht als konfliktverschärfend, sondern als konfliktbesänftigend betrachtet werden; allerdings stellt sich die Frage, ob nach einem so langen Zeitraum (100 Jahre) Konfliktbesänftigung noch nötig ist, und ob man vielleicht nicht doch zu einer Kultur der Wahrheit statt einer Kultur der Versöhnung, die Angst vor neuem Konflitk impliziert, übergehen sollte.

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Dieter Knoflach

Dieter Knoflach bewertete diesen Eintrag 06.11.2018 17:15:06

OnkelOtto

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