Ohne West‑Transfers: Sachsens Renten auf russischem Niveau

Die Rentenversicherung funktioniert in Deutschland als ein gemeinsames Umlagesystem, in dem die heutigen Beitragszahler die heutigen Renten finanzieren. Dieses System trägt in Ostdeutschland besonders stark, weil dort die Bevölkerungsstruktur deutlich ungünstiger ist als im Westen. In Sachsen etwa sind rund 27 Prozent der Menschen über 65 Jahre alt – ein Wert, der weit über dem Bundesdurchschnitt liegt. Gleichzeitig gibt es weniger junge Beitragszahler, niedrigere Durchschnittslöhne und eine schwächere industrielle Basis. Dadurch fließen weniger Beiträge in die Rentenkasse, während gleichzeitig überdurchschnittlich viele Renten ausgezahlt werden müssen. Die Folge ist ein struktureller Fehlbetrag, der durch das gesamtdeutsche Rentensystem ausgeglichen wird. Rechnet man grob, dass pro Rentner jährlich etwa 1.500 bis 2.000 Euro mehr ausgezahlt werden, als im Land an Beiträgen hereinkommt, ergibt sich für Sachsen mit seinen rund 1,6 Millionen Rentnerinnen und Rentnern ein Transfer von etwa 2,4 bis 3,2 Milliarden Euro pro Jahr. Ohne diese Gelder wäre das Rentenniveau im Freistaat nicht annähernd haltbar.

Vor diesem Hintergrund wirkt die politische Lage in Aue‑Bad Schlema umso brisanter. Für die Bürgermeisterstichwahl am 7. Juni tritt nun ein Kandidat der „Freien Sachsen“ an, nachdem der AfD‑Kandidat zugunsten eines früheren NPD‑Kaders zurückgezogen hat. Die „Freien Sachsen“ fordern offen einen „Säxit“, also den Austritt Sachsens aus der Bundesrepublik, und fantasieren über eine politische und wirtschaftliche Anbindung an die BRICS‑Staaten, die stark von Russland dominiert werden. Ein solcher Austritt ist verfassungsrechtlich ausgeschlossen, denn das Grundgesetz kennt keinen Mechanismus, mit dem ein Bundesland sich aus dem Staatsverband lösen könnte. Doch selbst wenn man diese rechtliche Unmöglichkeit ignorieren würde, wären die wirtschaftlichen Folgen für Sachsen dramatisch. Ohne die milliardenschweren Transferleistungen aus der gesamtdeutschen Rentenversicherung würde das Rentenniveau im Freistaat auf ein Niveau absinken, das eher russischen Verhältnissen entspräche: 300 bis 400 Euro im Monat, mit Glück vielleicht 500. Gleichzeitig lehnen die „Freien Sachsen“ Zuwanderung kategorisch ab – obwohl gerade Sachsen aufgrund seiner demografischen Struktur dringend junge Arbeitskräfte bräuchte, um das Rentensystem überhaupt stabil zu halten.

Wer sein Leben lang in die Rentenversicherung eingezahlt hat, sollte sich bewusst machen, was ein solcher politischer Kurs bedeuten würde. Ein „Säxit“ wäre nicht nur verfassungswidrig, sondern würde die Lebensleistung hunderttausender Menschen entwerten und sie in Altersarmut stürzen. Es lohnt sich, diese Zusammenhänge nüchtern zu betrachten – und politische Forderungen, die mit der Realität des Rentensystems unvereinbar sind, kritisch zu hinterfragen.

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