Ich schlage die Augen auf.

Es ist kurz nach acht Uhr in der Früh. Was hat mich geweckt?

Ah, ich höre es, das Tapsen vor der Tür. Julie ist sicher schon wach...

Da fällt mir schlagartig ein, Julie ist ja gar nicht mehr da. Seit gestern ruht sie im Garten unter der großen Rose.

Stattdessen dringt vom Fenster das unerbittliche und fröhliche Gezwitscher der Vögel von draußen herein, das mich geweckt hat.

Ich riskiere einen Blick auf den Wecker - 8.13. Himmel!

Um die Zeit stehe ich normalerweise niemals auf, erst ca. eine Stunde später, der Hund und ich hatten in etwa den gleichen Zeitrhythmus.

Trotzdem hält´s mich nicht mehr im Bett und ich stehe auf. Ich öffne die Schlafzimmertür - gähnende Leere. Kein Hund, der mich freudig tänzelnd begrüßt. Ich werfe einen Blick nach links ins angrenzende Schlafzimmer. Und dort, wo bis gestern Julies Schlafplatz war, ebenfalls - nichts. Der blanke Parkettboden schaut mir entgegen, gestern habe ich alles weggeräumt und sie in ihre Schlafdecke warm eingewickelt...

Nach einem kurzen Zwischenspiel im Bad schlurfe ich nach unten ins Wohnzimmer - auch hier: Leere und Stille. Kein Hund, der mir müde entgegenblickt und etwas verzagt mit dem Schwanz wedelt, wie in den letzten Wochen.

Stattdessen ist es wieder da - das penetrant-fröhliche Vogelgezwitscher im Garten. Ich kann es nicht ausblenden.

Ich wandere durch das leere Haus und habe den absoluten Drang, raus zu gehen. GASSI zu gehen.

Aber das brauche ich jetzt nicht mehr.

Stattdessen schalte ich die Kaffeemaschine ein.

Ich nehme wie jeden Tag die Tageszeitung zur Hand und blättere sie durch. Was ich lese - keine Ahnung, ich kann mich nicht auf den Inhalt konzentrieren.

Der Vormittag scheint mir unendlich lang - bisher war ich eine Langschläferin und nur der Hund hat mich dazu gebracht, spätestens um 9 Uhr aufzustehen, oft mit einem kleinen Unwillen, besonders im Winter, aber selten früher. Und schon gar nicht freiwillig.

Jetzt ist es nicht einmal Viertel Neun und ich bin hellwach. Ich halte es nicht mehr aus im Bett. Ich weiß nur nicht so recht, was ich tun soll...

Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir, dass die Sonne schon wieder eifrig vom Himmel lacht - und dazu höre ich überlaut all die gewohnten Frühlingsgeräusche.

Ich will raus aus dem Haus, dieses leere Haus scheint mir unerträglich. Aber dann bin ich diesem unerträglichen Frühlingserwachen noch unmittelbarer ausgesetzt. Und treffe noch dazu all die Nachbarn, die jetzt ihre Runden mit ihren Vierbeinern drehen.

Und schlagartig fällt mir ein, dass ich genau diese Gefühle schon erlebt habe, sogar mehrmals.

Alle wirklich schlimmen Dinge meines Lebens sind nämlich im Frühling passiert.

Das absolut Schlimmste, der Tod meiner Mutter vor nunmehr 19 Jahren, geschah ebenfalls im April, am Ostermontag. Auch damals war die Welt gerade im Erwachen begriffen, alles blühte wie wild, alles hat sich mit Farben überzogen - sattes Grün wetteiferte mit dem zarten Rosa der Bäume, Tulpen und Narzissen. Und dazu die Vögel, überall dieses unerträgliche Vogelgezwitscher.

Und wenige Jahre zuvor, als mich meine erste Liebe verlassen hat - auch das fand zwischen sonnigen Tagen im März statt. Ich weiß noch genau, wie ich damals tränenblind durch die erwachende Stadt gestolpert bin, unter einer strahlenden Sonne. Und nicht verstehen konnte, WIE denn diese Welt so unverändert weiterbestehen könne angesichts der Katastrophe, die mich gerade heimgesucht hatte.

Und ich habe genau gewusst, dass NIEMAND diesen Schmerz auch nur ansatzweise nachvollziehen könne, habe mich so allein gefühlt wie nie zuvor.

Nach dem Tod meiner Mutter hat mich zudem der Gedanke, sie könne nun all dies, dieses Erwachen der Welt, nicht mehr mit ihren Augen sehen, sie würde nie wieder einen Frühling erleben, besonders traurig gemacht, nicht einmal so sehr mein eigener Verlust.

Das Leben ist tatsächlich weitergegangen, der Frühling hat sich nicht aufhalten lassen, ebenso wie der darauffolgende Sommer und Herbst...

Und ich habe gelernt, damit zu leben, dass sie nicht mehr da ist.

Ich habe auch gelernt, dass jeder Liebeskummer irgendwann vorbeigeht, dass dieser scharfe Schmerz irgendwann nachlässt.

Und ich weiß, dass auch die Trauer um meinen geliebten Hund irgendwann einer schönen Erinnerung weichen wird. Obwohl ich momentan nicht so recht daran glauben kann.

Mein Verstand sagt mir, dass der Verlust eines Tieres millionenfach passiert und viele Tierbesitzer das mehrmals im Leben durchmachen, weil man ja schließlich weiß, dass ein vierbeiniger Freund nur eine begrenzte Lebenszeit hat. Aber das ist mir kein Trost.

Das Kind in mir ruft trotzig: "Ich will meinen Hund zurück!"

Der rationale Erwachsene sagt dagegen: "Die Zeit heilt alle Wunden."

Ein blöder Spruch, der sich jedoch noch in allen Fällen bewahrheitet hat.

Gott sei Dank - denn sonst hätten wir auf der Welt vermutlich nur kreuzunglückliche Leute herumlaufen.

Wenn nur nicht dieses unerträgliche Vogelgezwitscher vor dem Fenster wär...

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