Was war das Bauhaus?
Das Bauhaus war von 1919 bis 1933 eine der einflussreichsten Gestaltungsschulen der Moderne. Gegründet von Walter Gropius in Weimar, später in Dessau und zuletzt in Berlin, verband es Kunst, Handwerk und Industrie und entwickelte eine neue Formensprache, die von Funktionalität, konstruktiver Klarheit und dem Anspruch gesellschaftlicher Erneuerung geprägt war.
Zu den prägenden Köpfen zählen Walter Gropius, Hannes Meyer, Mies van der Rohe, Paul Klee, Wassily Kandinsky und Oskar Schlemmer – ein Ensemble, dessen Arbeit die Architektur, Kunst und Gestaltung des 20. Jahrhunderts international beeinflusste.
Wikipedia, Bauhaus Dessau
Globaler Einfluss: Wie das Bauhaus die Architektur der Welt veränderte
Nach der Auflösung des Bauhauses 1933 emigrierten zahlreiche ehemalige Lehrer und Schüler ins Ausland. Insbesondere in den USA wirkten sie an der Verbreitung der modernen Architektur mit. Das Bauhaus war dabei ein wichtiger Einfluss auf den sogenannten International Style, dessen Kennzeichen unter anderem klare geometrische Formen, der Einsatz von Stahl und Glas sowie der weitgehende Verzicht auf traditionelle Ornamentik waren.
In Chicago wurde diese Entwicklung insbesondere durch Mies van der Rohe geprägt. Seine Rasterfassaden und seine streng reduzierte Formensprache wurden zu einem wichtigen Bestandteil der amerikanischen Nachkriegsmoderne.
Auch spätere Strömungen der Nachkriegsmoderne, darunter der Brutalismus, knüpften teilweise an funktionalistische und konstruktive Vorstellungen der klassischen Moderne an, zu deren wichtigsten Vertretern das Bauhaus gehörte. Der internationale Einfluss des Bauhauses reicht von Tel Aviv und der Weißen Stadt über die USA bis nach Lateinamerika und Asien.
Das Bauhaus wurde damit zu einem wichtigen Bestandteil einer international verbreiteten Vorstellung von Moderne, Funktionalität und gesellschaftlicher Erneuerung.
Bauhaus heute: Ein globaler Magnet
Die Bauhausstätten in Dessau ziehen jährlich rund 100.000 Besucher an. Besucher kommen nicht nur aus Deutschland sondern aus der ganzen Welt. Das zeigt, dass das Bauhaus längst nicht mehr lediglich ein regionales Kulturprojekt ist.
Das Bauhaus ist heute ein international rezipiertes Kulturerbe, dessen architektonische und gestalterische Wirkung weit über Deutschland hinausreicht.
NS-Verfolgung: Wie das Bauhaus zum politischen Ziel wurde
Die Nationalsozialisten bekämpften die moderne Kunst und Architektur nicht lediglich aus Geschmacksgründen. Sie verbanden mit der Moderne politische und kulturelle Feindbilder und diffamierten sie unter anderem als „undeutsch“, „zersetzend“ oder „kulturbolschewistisch“.
Zahlreiche Bauhaus-Künstler und andere Vertreter der Moderne wurden verfolgt. Werke moderner Künstler wurden im Rahmen der NS-Kulturpolitik als „entartet“ diffamiert, beschlagnahmt, entfernt oder zerstört.
Zentrale Elemente der Verfolgung
Diffamierung moderner Kunst:
Werke zahlreicher Bauhaus-Künstler wurden als „entartet“ eingestuft und aus öffentlichen Sammlungen entfernt oder beschlagnahmt.
Zerstörung von Kunstwerken:
Die Wandgestaltungen von Oskar Schlemmer im ehemaligen Bauhaus-Werkstattgebäude in Weimar wurden 1930 auf Betreiben der damaligen nationalsozialistisch beeinflussten Thüringer Kulturpolitik zerstört und durch andere Gestaltungen ersetzt.
Politischer Druck auf das Bauhaus:
Nach dem politischen Machtzuwachs der Nationalsozialisten wurde das Bauhaus zunehmend unter Druck gesetzt. 1932 beschloss der Dessauer Gemeinderat auf Antrag der NSDAP die Schließung der Schule.
Das Bauhaus in Berlin:
Mies van der Rohe versuchte anschließend, das Bauhaus als private Einrichtung in Berlin weiterzuführen. Nach einer Gestapo-Aktion im April 1933 wurde das Bauhaus schließlich endgültig aufgelöst.
Repression und Exil:
Zahlreiche Lehrer und Schüler emigrierten. Andere verloren ihre beruflichen Möglichkeiten oder wurden aus kulturellen Institutionen verdrängt.
Die NS-Kulturpolitik zielte damit nicht nur auf einzelne Kunstwerke, sondern auf die Zurückdrängung der modernen, international orientierten Kunst- und Architekturauffassung insgesamt.
Schlemmers 1932 entstandene „Bauhaustreppe“ wird häufig als Reaktion auf die politische Bedrohung und die bevorstehende Auflösung des Bauhauses interpretiert.
Wikipedia, Oskar Schlemmer Bauhaustreppe
AfD Sachsen-Anhalt: Rhetorische Schatten der Vergangenheit?
Die Auseinandersetzung mit dem Bauhaus ist inzwischen auch Gegenstand der politischen Kulturdebatte in Sachsen-Anhalt.
Die AfD-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt brachte unter anderem den Antrag „Irrweg der Moderne – für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Bauhaus“ ein. Darin wird eine aus Sicht der AfD notwendige kritische Neubewertung der bisherigen Würdigung des Bauhauses gefordert und davor gewarnt, dessen Erbe einseitig zu glorifizieren.
Damit steht nicht nur die Frage im Raum, wie man einzelne architektonische Leistungen des Bauhauses bewertet. Es geht auch um die grundsätzliche kulturpolitische Frage, welchen Stellenwert Moderne, Internationalität und die mit dem Bauhaus verbundene gesellschaftliche Idee heute haben sollen.
In den politischen Debatten sind dabei teilweise Formulierungen und Argumentationsmuster zu finden, die Kritiker an frühere kulturpolitische Auseinandersetzungen erinnern.
Eine direkte Gleichsetzung heutiger AfD-Positionen mit der NS-Kulturpolitik wäre nicht gerechtfertigt. Aber die AfD zeigt in ihrem Kampf gegen das Bauhaus viele Parralelen zur NS Zeit.
Die AfD-Debatte um das Bauhaus ist mehr als ein Streit über Architekturgeschichte.
Das Bauhaus steht – unabhängig davon, ob man einzelne Werke oder Gebäude ästhetisch schätzt – für Internationalität, Modernität, funktionales Gestalten, technische Innovation und den Anspruch, Gestaltung gesellschaftlich zu denken.
Das macht es zwangsläufig auch zu einem politischen Symbol.
Wer das Bauhaus als „Irrweg der Moderne“ bezeichnet oder seine gesellschaftliche Bedeutung grundsätzlich neu bewerten möchte, führt damit nicht lediglich eine kunsthistorische Diskussion. Es geht auch um die Frage, welches Verhältnis eine Gesellschaft zu Moderne, Internationalität und kultureller Offenheit haben will.
Wer stattdessen eine „patriotische Kulturpolitik“ mit Fokus auf deutsche und regionale Identität und traditionelle Bauweisen fordert, der sollte diese regionale Identität benennen. Eine staatlich verordnete und ideologisch definierte „nationale Architektur“ erreichte übrigens im Nationalsozialismus eine besonders ausgeprägte politische Form.
Entscheidend ist daher weniger die Frage, ob Architektur „national“ oder „international“ ist, sondern ob der Staat eine bestimmte ästhetische oder kulturelle Auffassung zur verbindlichen gesellschaftlichen Norm erhebt.
Oskar Schlemmer - Bauhaus Logo
Schlussbemerkung: Ein alter Konflikt im neuen Gewand
Das Bauhaus ist kein bloßes Museumsstück.
Es steht für eine Epoche, in der Künstler, Architekten und Gestalter versuchten, auf die tiefgreifenden technischen und gesellschaftlichen Veränderungen ihrer Zeit mit neuen Formen zu reagieren.
Genau deshalb ist die Auseinandersetzung mit dem Bauhaus bis heute politisch interessant.
Man kann das Bauhaus kritisieren. Man kann seine Architektur hässlich, kalt oder überbewertet finden. Man kann auch die sozialen und politischen Vorstellungen seiner Vertreter hinterfragen.
Aber man sollte dabei nicht vergessen, welche historische Bedeutung diese Bewegung tatsächlich hatte:
Das Bauhaus wurde zu einem der international wirksamsten Ausgangspunkte der modernen Architektur und Gestaltung.
Dass seine Bewertung heute erneut zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen wird, ist daher durchaus bemerkenswert.
Dass die AfD Sachsen-Anhalt mehr als 90 Jahre nach der Schließung des Bauhauses und nach über einem Jahrhundert Bauhaus-Geschichte immer noch darüber diskutiert, ob das Bauhaus zur kulturellen Identität Deutschlands gehören soll, ist erstaunlich.
Noch erstaunlicher ist, was eine solche Politik für die Stadt Dessau bedeutet. Rund 100.000 Menschen besuchen jährlich die Bauhausstätten – gerade weil es dort dieses Bauhaus gibt. Das ist ein kulturelles und touristisches Kapital, das weit über Sachsen-Anhalt hinaus wirkt.
Ob diese internationale Ausstrahlung, die Besucher und die damit verbundene wirtschaftliche Bedeutung bei solchen kulturpolitischen Auseinandersetzungen tatsächlich berücksichtigt werden, scheint dabei zweitrangig zu sein.
Man könnte daher den Eindruck gewinnen: Hier wird Politik nicht für die Bürger und die Zukunft der Stadt gemacht, sondern für eine ideologische Vorstellung davon, wie Kultur zu sein hat.