Die Empörung, die einige Medien über die angeblichen 6400 Euro monatlich für eine rumänische Familie entfachten, ist ein lehrbuchhaftes Beispiel dafür, wie man aus Verwaltungszahlen eine moralische Hinrichtung konstruiert. Mit schneidender Empörung wird suggeriert, eine vierköpfige Familie würde sich in Berlin auf Kosten der Allgemeinheit bereichern. Doch die Realität ist nüchtern, unspektakulär – und gerade deshalb so entlarvend für die mediale Dramaturgie.
Die Familie arbeitet. Der Vater geht jeden Tag zur Arbeit, verdient aber so wenig, dass das Jobcenter rund 1000 Euro aufstocken muss. Das ist kein Skandal über Rumänen, sondern über einen Arbeitgeber, der Löhne zahlt, die nicht zum Leben reichen. Doch dieser Teil der Geschichte verschwindet in den Schlagzeilen, weil er nicht ins gewünschte Empörungsnarrativ passt.
Die vielzitierten 6400 Euro sind keine Sozialleistung, die die Familie erhält. Es sind Unterkunftskosten, die die Stadt direkt an den Betreiber einer Notunterkunft überweist. Der Tagessatz liegt bei 45 Euro pro Kopf, also 180 Euro pro Tag für vier Personen. Das ergibt die monströs wirkende Summe – nicht, weil die Familie Luxus bewohnt, sondern weil Berlin selbst diese Sätze festlegt. Und die Unterkunft? Ein heruntergekommenes Zimmer im sogenannten „Haus Kopernikus“, ein Ort, den niemand freiwillig beziehen würde. Die Vorstellung, dies sei eine „5400-Euro-Wohnung“, ist grotesk.
Also stellt sich die Frage: Wer sind hier die Abzocker?
Der Arbeitgeber, der einen arbeitenden Mann in die Aufstockung zwingt?
Der Betreiber, der für ein Zimmer 5400 Euro kassiert?
Oder die Stadt, die sich selbst Tagessätze verordnet, die jede normale Miete übersteigen?
Die Familie jedenfalls nicht.
Doch statt diese strukturellen Absurditäten zu thematisieren, stürzen sich manche Medien auf die Familie, weil sie „ja in Rumänien eine Unterkunft hätte“. Als sei Armut ein moralisches Fehlverhalten. Als sei Migration ein Makel. Als müsse man Menschen, die arbeiten und trotzdem nicht über die Runden kommen, öffentlich vorführen.
So entsteht ein Zerrbild: Eine Familie, die versucht, in Berlin Fuß zu fassen, wird zur Projektionsfläche für Ressentiments. Die wirklichen Profiteure bleiben unsichtbar, während die Schwächsten an den Pranger gestellt werden. Eine Empörung, die nicht Missstände aufdeckt, sondern sie verschleiert.