Musk und Gates als Kassandren des Kapitalismus

Normalerweise loben Milliardäre den Kapitalismus in den höchsten Tönen. Er sei effizient, schaffe Wohlstand und diene psychologisch natürlich auch als Rechtfertigung für den eigenen Reichtum. Teile des Silicon Valleys scheinen davon jedoch nicht mehr viel zu halten. Die dortigen Vordenker sind von ihrer Technologie derart überzeugt, dass sie keine bloßen Effizienzsteigerungen, sondern fundamentale Systemänderungen prognostizieren.

Elon als anarchistischer Sozialist

Musks Vision ist simpel: In zehn Jahren spielt Geld keine Rolle mehr. KI und Robotik beenden die Knappheit an Konsumgütern, und der Staat verteilt schlichtweg Geld, damit jeder nach seinen Bedürfnissen leben kann. Arbeiten darf dann jeder nach Lust, Laune und den eigenen Fähigkeiten. Wer da ein wenig Marx heraushört, liegt wohl nicht ganz falsch. Einzig die Vergesellschaftung der Produktionsmittel fällt aus – das übernimmt die KI für uns.

Die letzte Mission der Menschheit (oder genauer gesagt: jene einiger Tech-Pioniere) besteht lediglich noch darin, die KI davon abzuhalten, uns alle auszulöschen. Danach geben wir als Spezies das Heft des Handelns aus der Hand und werden zu durchgefütterten Haustieren.

Bill als reaktionärer Kapitalist

Die Kombination aus „reaktionär“ und „kapitalistisch“ ist üblicherweise ein eher linker Vorwurf, der oft mehr über Assoziationen als über fundierte Analysen funktioniert. Bill Gates verkörpert in seiner Vision jedoch genau das im wahrsten Sinne des Wortes. Er möchte die Lohnarbeit erhalten, weil dem Menschen sonst der Lebenssinn entzogen würde und er in die Fentanyl-Abhängigkeit abzudriften drohe. Damit meint er natürlich den gemeinen Pöbel – er selbst kommt schließlich schon seit Jahrzehnten ganz gut ohne klassische Lohnarbeit aus.

Sein Hauptmotiv ist also ein bewahrendes, denn rein aus Effizienzgründen bräuchte man den Menschen gar nicht mehr. Um die verbleibenden Reste des Kapitalismus zu stützen, setzt er – wie bei ihm kaum anders zu erwarten – auf staatliche Regulierung und internationale Kooperation. Irgendwie sollen menschliche Arbeitsreservate erhalten bleiben, da ansonsten alles kollabieren würde.

Politik aus dem letzten Jahrhundert

Es wird wohl alles nicht exakt so kommen, wie die Tech-Pioniere es uns prophezeien. Doch selbst wenn ihre technischen Visionen nur ansatzweise eintreffen, sind unsere gegenwärtigen ökonomisch-sozialen Fragestellungen schlicht für die Katz. Debatten über Mindestlohn, Renteneintrittsalter oder den Wirtschaftsstandort bieten für eine solche Übergangszeit kaum noch Orientierung und dürften schon bald komplett ihren heutigen Sinn verlieren.

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