Der Tod und das Rad des Lebens

Ich hatte bei der Polizei in der chinesischen Stadt Chengdu überraschend ein Visum für Tibet erhalten. China hatte Tibet erst vor kurzem für eine kleine Anzahl von Ausländern pro Jahr geöffnet.

Vor Jahrzehnten war China noch ein sehr seltsames Land. Die Menschen trugen meistens die blauen oder grünen Mao-Anzüge, es gab noch keine Privatautos – und das Leben auf der Straße war sehr seltsam für einen Ausländer.

Überall wurde ich bestaunt, und umringt und nur einer von tausend konnte ein paar Worte Englisch mit mir sprechen. Er war dann "Gott", denn er konnte sich mit dem Außerirdischen verständigen. Doch jetzt vergessen wir einmal China. Um vier Uhr Morgens brach ich auf zum Flughafen von Chengdu, mit einer Fahrrad-Rikscha .

Der Fahrer kämpfte, schwitze, keuchte, aber zum Glück - Konfuzius sei Dank: wir kamen pünktlich zum Flughafen. Die chinesische Maschine erhob sich in die Lüfte, bald sah ich das Hochland von Tibet unter mir. Irgendwo, zirka 100 km von der Stadt Lhasa entfernt, hatten die Chinesen eine Rollbahn gebaut.

Nur eine Landebahn, sonst nichts. Die Götter waren mit uns, und ich betrat tibetischen Boden. Überall Soldaten, nur wenige Tibeter.

Ich sah das erste Mal einen tibetischen Kampa, mit langen schwarzen Haaren, roten Bändern im Haar, eingehüllt in einen Yak-Mantel. An seinem Gürtel steckte ein silberner Dolch. Er war es, ein Mitglied jenes Volksstammes, die den Dalai Lama bei seiner Flucht 1959 verbissen verteidigten gegen die Chinesen.

Ein wildes freiheitsliebendes Volk. Mit einem Bus kam ich nach Lhasa. „Lhasa“ – man muss sich vorstellen, das war einst die geheimnisvolle verbotene Stadt. Ein Ort der mystisch, der einzigartig war und ist. Tibetische Pilger warfen sich zu Boden, wenn sie den Potala, den ehemaligen Winterpalast des Dalai Lama, das erste Mal sahen. Doch all das erzähle ich einmal in einem anderen Blogbeitrag. Die Höhe macht dich kaputt, Lhasa liegt auf 3650 Meter Höhe, und von da geht es nur mehr aufwärts. Es lag trotz chinesischer Besatzung ein Zauber über dieser Stadt.

Der Himmel war anders als sonst. Ich hatte ein altes Fahrrad gemietet. Yak-Buttertee und ranzige Yak-Butter machten meinen Magen sehr zu schaffen. Nördlich von Lhasa lag das Kloster Sera. Tausende Mönche lebten vor Jahrzehnten dort. Die Chinesen hatten die meisten ermordet, eingesperrt oder verschleppt. China war jetzt überall.

Doch ich konnte mich damals frei bewegen, sogar Fotos machen und filmen. Nicht aber von Soldaten und militärischen Anlagen. Ich ließ mein Rad im teils zerstörten Kloster zurück. In der Hand hielt ich einen Stock.

Es gab viele verwilderte Hunde, die sehr gefährlich werden konnten. Es war der Hunger, der sie verrückt machte. Ich stieg über Felsen, die mit seltsamen Zeichen bemalt waren. Der Wind wehte mir Sand in das Gesicht, und einige Geier waren über mir zu sehen. Plötzlich hörte ich leise Trommeln und Glocken klingen. Hinter einem Felsen saß ein Mönch und murmelte Gebete. Dazu schlug er auf eine Trommel, und läutete mit kleinen Glöckchen.

Er saß da, sah mich an und lächelte. Wie ein Geist für mich. Ganz in der Nähe war ein großer schwarzer flacher Stein. Als ich näher kam, sah ich Knochen und Haare, dachte mir aber nichts dabei. Ein seltsamer Ort, mir war als schnürte etwas meine Brust zusammen. Ein alter Lastwagen kam entlang eines ausgetrockneten Flussbettes näher. Ich sah Menschen auf der Ladefläche. Der Mönch gab mir mit Gesten zu verstehen, mich etwas zurückzuziehen, sonst nichts, er lächelte.

Ich entfernte mich etwas, und kauerte mich hinter einem großen Felsen. Der Lastwagen war bei diesem großen schwarzen Felsen stehengeblieben. Einige Mönche sprangen herunter, aber auch andere Tibeter. Manche in chinesischer Uniform. Sie hoben ein großes in Stoffe gehülltes Bündel vom Lastwagen und legten es auf den schwarzen Stein. Jetzt wusste ich, was da passierte, und ich bekam eine Gänsehaut. Ein Todesritual, der tote Körper wurde zerstückelt und den Geiern zum Fressen vorgeworfen..

Ich hatte darüber gelesen. Heute wäre es nicht mehr möglich, dem Ritual als Ausländer zuzusehen. Für Tibeter ist der Tod nichts Schreckliches. Der Körper ist nur ein altes Gewand, das abgelegt wird. Man geht durch das Rad des Lebens, in den Tod, und wieder in das Leben.

So ist das, ganz einfach. Wie aus dem Nichts, waren auf einmal die Geier da. Viele, sehr viele. Die Leichen-Zerteiler taten ihre Arbeit, die Mönche beteten, und ihr dunkler Gesang verzauberte mich.

Es war eine eigenartige Stimmung, ich war wie in Trance, konnte aber meinen Blick nicht abwenden. Ich war in einer völlig anderen Welt. Die Knochen des Toten wurden zerschlagen und zerkleinert, bis nichts mehr vorhanden war. Nur die langen dunklen Haare.

Die Geier verschwanden am Himmel, und die Tibeter verschwanden wieder mit dem alten Lastwagen. Ich war allein. Doch ich wagte keinen Schritt in Richtung des schwarzen Felsens.

Es war als würde eine Stimme sagen, ich sollte diesen Ort des Todes verlassen, denn es ist ein heiliger Ort. Geh, Fremder, geh zurück in dein Leben, das ist auch dein Weg, den du eines Tages gehen wirst..

Ich war wie benommen. Langsam entfernte ich mich von diesem Ort. Ich hatte etwas gesehen, das mit meinem Denken nicht wirklich vereinbar war.

Wie viel bedeutet doch uns im Westena, der eigene Körper? Ich sah seine Vergänglichkeit, nichts, wirklich nichts bleibt davon. Tibet hat mich sehr verzaubert, nie mehr losgelassen. Ich habe so viel erlebt, so wunderbare Menschen getroffen, so viel gelernt für mein Leben. Ich habe viele tibetische Freunde, auch in Österreich habe und auch den Dalai Lama getroffen.

Ihr tragisches Schicksal berührt mich immer wieder, und ich kämpfe mit meine Mitteln für ihre Freiheit. Schmerzhaft war nur immer meine Rückkehr in unsere Konsumwelt, denn ich wusste jetzt von der Vergänglichkeit der Dinge. Es ist die Seele, die geht, das Wesen bleibt, das dich ein Leben lang ausgemacht hat.

Das ist die Hoffnung. Der Körper, den können auch die Geier fressen, oder die Würmer, wie auch immer.

Der Tod und das Rad des Lebens - wir sind alle ein Teil davon.

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