ÖBB-Nightjet als "Flüchtlingsexpress"? – wenn "selbsternannter" Qualitätsverkehr zum Albtraum wird!

Der Autor dieser Zeilen ist als Eisenbahnfachjournalist tätig, unlängst eine Monografie zum Produkt ÖBB-Nightjet publiziert (Eisenbahn-Magazin 6/2020 sowie LOKI 2 + 4/2022), und hat in den letzten Monaten mehrmals das Nachtzugangebot der ÖBB aus verschiedenen Gründen in Anspruch genommen. Wurden damals verschiedene, seltsame Subjekte wahrgenommen (die von den Schweizer Grenzbehörden aufgegriffen wurden und von dieser harsche Kritik hinsichtlich der österreichischen Polizei wegen mangelnde Kontrolltätigkeit hagelte), sind es eben nun andere Flüchtlinge, die das Reisen mit der Bahn zur Nervensache werden lassen. Doch alles der Reihe nach.

Generelle Erfahrungen und Beobachtungen:

Wenn man die Abläufe und Gegebenheiten derzeit mit jenen zu 2015 vergleicht, darf man vorab festhalten, daß es wesentlich gesitteter und ordentlicher zu geht, ohne das ein Bahnhof gleich zur Müllhalde verwandelt wurde.

Erlebnisse im NJ 446 vom 26./27. März 2022:

Der Autoreisezug NJ 446 erreicht den Wiener Hbf. ca. 10 Minuten vor der Planabfahrt um 22:55 Uhr. Der Bahnsteig 8 war mit einigen wenigen Personen frequentiert, zu sehen war eine Gruppe mit Flüchtlingen von ca. acht Personen. Nach der Einfahrt des Zuges bestieg ich den ersten Sitzwagen, bei dem schon erkennbar war, daß in keinem Abteil eine Reservierung ausgeschildert war. Ich nahm das mittlere Abteil und habe mich für meine Nachtfahrt vorbereitet, indem die Jalousien geschlossen, die Sitze auseinandergeschoben, die Heizung auf volle Leistung eingestellt und das Deckenlicht ausgeschaltet wurden.

Kurz vor der Abfahrt füllte sich der Wagen mit Flüchtlingen, und auch ich bekam Gesellschaft von Personen aus dem Kriegsgebiet. Sie haben zunächst in den Koffern/Gepäck herumgewühlt, dann in die Gepäckablagen gehoben und nahmen die Plätze ein. Es dauerte nicht lange, dann hat zwei älteren Damen etwas an mir gestört, irgendwelche Belehrungsversuche in einer Sprache, die ich nicht kenne bzw. verstehe, mündeten dann in zwei durchgeführten, zeitlich versetzten Schlagattacken auf meinen Bauch. Ich ließ mich nicht weiter provozieren und habe mich zur Seite gedreht, um zu schlafen.

Nachdem die Reisegesellschaft trotz Nachtruhe dauernd redete, kam ich dennoch zur Ruhe und war schon im Schlaf, als ich kann vor Amstetten (ca. 100 Kilometer nach Wien wohlgemerkt!) durch zwei Zugbegleiter von der Firma Newsrest unangenehm aus dem Schlaf herausgerissen worden bin. Meiner Vermutung nach war einer dieser Personen ein Dolmetscher, der dem Anschein nach in eine Uniform gesteckt wurde und diese Reisenden begleiten sollte; war später nicht mehr aufzufinden. Nach der Fahrscheinkontrolle wurde ich dann aufgefordert, das Abteil zu verlassen, es sei von den Flüchtlingen reserviert. Ich möge mich in ein anderes Abteil begeben. Mein Einwand war, daß hier nichts ausgeschildert ist und wurde dann in das zweite Abteil beim Wageneinstieg verwiesen, wo schon zwei Personen verweilten. Ich bekam nur zu hören, daß man bis zum letzten Moment Reservierungen machen kann, und wenn ich schlafen will, soll ich einen Liege- oder Schlafwagen buchen. (Anmerkung: Der Hinweis ist gut gemeint, nur wer im Zug schlecht schläft, tut dies bei jeder Wagengattung, weshalb der Mehrwert im Liege- oder Schlafwagen nicht erkennbar ist.)

Dem Vernehmen nach wurden bei dieser Fahrt mehrere Personen umquartiert, damit die Flüchtlinge also ungestört in ihren Abteilen ohne störende Subjekte nationaler Herkunft reisen konnten. Bei einem morgendlichen WC-Gang konnte man sich über die Belegung der Abteile selbst überzeugen. Die mitreisende Dame im neuen Abteil berichtete mir vor dem Aussteigen noch interessantes, wird am Schluß angeführt.

Jedenfalls war meine Nachtruhe dahin, einschlafen konnte ich nicht mehr, weil die Lager des Drehgestelles des Bmz 21-90 542 derart ausgeschlagen waren, was sich bei jeder Weichenverbindung äußerst angenehm bemerkbar machte, zudem funktionierte in diesem Abteil die Heizung nicht! (Anmerkung: Zuletzt wurden verschiedene technische Mängel konstatiert, die erst nach schriftlicher Beschwerde meinerseits teilweise repariert wurden!)

Kontrollgänge der Zugbegleiter waren bis Innsbruck nicht mehr wahrnehmbar. In Innsbruck sind mehrere Reisende eingestiegen, die stinksauer waren, weil es keine Sitzplätze mehr gab. Diese Personen haben es sich bis Imst-Pitztal liegend auf dem Gang vom Einstieg bis zum vierten Abteil gemütlich gemacht. Als in Landeck eine Person einstieg, war der Zugbegleiter wieder für die Fahrscheinkontrolle existent, ebenso als sich zwei Personen, die in St. Anton am Arlberg eingestiegen sind, diese in unser Abteil hinein verwies und die mitreisende Dame nötigte, ihre Schlafstellung aufzugeben.

Die besagten Gäste der geschlossenen Gesellschaften sind in Feldkirch und in Bregenz ausgestiegen und wurden dort schon erwartet. Nach Bludenz ließ sich das Betreuerteam öfter blicken und ab ebenda wurden auch die Lautsprecherdurchsagen persönlich durchgeführt, welche ja zur Wahrung der Nachtruhe normalerweise unterbleiben.

Dienstabteil bleibt unbenützt geschlossen!

Jeder Sitzwagen ist gemäß Zugbildeplan A mit einem Dienstabteil versehen, es ist das erste oder letzte Abteil. Bei den Abteilwagen Bmz 21-90.500 sind diese daran zu erkennen, daß diese als einzige noch Vorhänge aufweisen, währenddessen man dieses Interieur weitgehendst entfernte, selbst beim NJ-Sitzwagenpark! Dieses Abteil war während der Fahrt verschlossen und unbenützt, somit wurden sechs Sitzplätze dem Publikum vorenthalten!

Eindrücke vom Flüchtlingsverkehr

Immer mehr Fahrgäste berichten von der miserablen Abwicklung der Flüchtlingstransporte. So berichtete die Mitreisende bis Bludenz, daß es derzeit abzuraten sei, den Railjet zwischen Wien und Salzburg zu benützen, da schon mehrmals Flüchtlinge mit last-minute-Reservierung zahlende ÖBB-Kunden von ihren Sitzplätzen vertrieben haben!

Selbiges passierte auch am 27. März 2022 im ICE 26 auf der Fahrt von Wien nach Deutschland. Der Zug war ab Wien nur mit einer Reservierung benützbar, die ebenfalls dieser Personengruppe vorbehalten war. Zahlende Gäste – auch der 1. Klasse – durften die Zugfahrt im Stehen verbringen. Auch dieser Zug war gut gefüllt, daß andere Reisende von der Fahrt ausgeschlossen wurden.

Ein Highlight stammt auch von einer Zugverbindung von Budapest nach Wien. Die Railjet-Garnitur war derart überfüllt, daß eine Weiterfahrt aus Gründen der Sicherheit zu untersagen war. In Österreich hätte man die Polizei gerufen, aber in solchen Situationen drückt man doch lieber aus Prestigegründen ein Auge zu. In einem anderen Fall, wird berichtet, mußten am Grenzbahnhof alle Personen den Zug verlassen, besteigen durften ihn nur mehr Personen mit Reservierung, überbleibende Reisende wurden auf den nächsten Zug vertröstet!

Und bereits im Vorfeld wurden aus Binnenfernverkehrszügen die Wagen 1. Klasse ausgereiht, um diese für den Flüchtlingsverkehr heranzuziehen. Weitere hochwertige ÖBB-Wagen wurden später durch SBB-Leihwagen ersetzt, die in Westösterreich im Pendlerverkehr eingesetzt werden.

Exkurs – Brandanschläge:

Es sei mir kurz gestattet, hier einen Satz zu verlieren. Wenn man ständig diese Zuggattung benützt, bekommt man als eisenbahnafiner Mensch sehr viel mit. Mich wundert es nicht, daß es zu diesen Brandanschlägen gekommen ist. Die Ursachen und konstatierten Schwachstellen mögen die Verantwortlichen selbst erforschen! Ich bin nicht bereit, einer unfähigen ÖBB (unvermögenden Management), die ständig meine Pressearbeit verunmöglicht, auch noch kostenlos Informationen bereitzustellen!

Conclusio: Verständnis und Mitgefühl

Es ist unbestritten, daß die derzeitige Situation für diese Personengruppe nicht angenehm ist und daß man versucht, Ihnen zu helfen. Dafür scheint auch jeder ein Verständnis zu haben. Das Verständnis endet aber dort, wenn infolge Unvermögen der Beteiligten und verantwortlichen Institutionen normale Staatsbürger oder zahlende ÖBB-Kunden (auch Stammkunden) derart beschnitten werden, indem der größte Mobilitätsanbieter es nicht schafft, entsprechende Transportkapazitäten bereit zu stellen, die das eigene Volk oder deren Kunden nicht laufend benachteiligt bzw. zu Vertragsverletzungen führen. Ich bin ein verständnisvoller Mensch, doch nach dieser Zugfahrt samt dilettantischer Vorgangsweise, ist mein Verständnis rasch versiegt und endgültig vorbei.

Forderung

Die Verantwortlichen werden über den Mißstand informiert und aufgefordert, binnen 48 Stunden ein tragfähiges Transportkonzept zu erstellen und umzusetzen, daß niemand beschneidet und allen Interessensgruppen Rechnung trägt. Es versteht sich von selbst, daß standesgemäße Kontrollfahrten jederzeit und unangekündigt durchgeführt werden sowie deren Beanstandungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

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