Wenn du viel reist, so wie ich, könnte die Antwort „überall” lauten. Aber selbst nach vielen Reisen freue ich mich, wieder dort anzukommen, wo man mich mehr kennt, schätzt und auch ein wenig liebhat.

Es kann aber auch genauso sein, dass man dich an deinem Wohnort eher ablehnt, dich an deine Grenzen bringt und immer wieder in kleine Streitereien verstrickt oder dass man dich dort völlig ignoriert. Trotzdem kann dieser Ort dir als Zuhause gefallen. Du fühlst dich nicht, wie oben erwähnt, in Watte gebettet, aber wenn es dein Charakter verlangt, möchtest du an keinem anderen Ort sein als hier.

Habt ihr euch schon einmal gefragt, wo ihr den Rest eures Lebens verbringen möchtet? Und wenn heute euer letzter Tag wäre, wärt ihr bereits dort? Wenn nicht, warum nicht? Was hält euch auf? Finanzen, Partner, Familie, Oma oder das Finanzamt? Natürlich haben viele Menschen verschiedene Wünsche. Oft sagen sie, dass ihnen ein Leben an schönen Stränden, auf einsamen Inseln, in den Bergen, in großen Wäldern, an wunderschönen Seen oder weit über dem Atlantik guttun würde.

Aber was ist es wirklich? Habt ihr jemals den Mut aufgebracht oder euch die Zeit genommen, euch selbst zu fragen, was ihr als euer Zuhause erkennt und spürt, wo ihr euch absolut wohlfühlt?

Falls nicht, wird es Zeit. Denn Zeit haben wir nicht im Überfluss. Manche haben sie in ihrer Jugend, andere in ihrem Alter und wieder andere, weil sie andauernd von unwichtigen Dingen abgelenkt werden, die das Leben weder schöner, intensiver noch länger machen können. Die meisten von uns gehen mit der Zeit um, als wäre sie ein schlechter Verwandter, als etwas, das man nicht beachten muss. Dabei vergeht auch unsere Zeit langsam. Und unsere Kraft für große Taten, Abenteuer und ein großes Leben vergeht ebenso.

Zuhause ist ein Ort, an dem ich das Gefühl habe – und nur dieses Gefühl zählt neben all den Reisen, fremden Orten, wunderschönen Plätzen und Städten – angekommen zu sein. Und das ist für mich der dritte Wiener Bezirk. Da bin ich zu Hause, da kenne ich mich aus, da funktioniere ich ohne selbstauferlegte Lügen, frei von Zwängen oder Unwohlsein. Hier kann ich ich selbst sein, und das Schönste dabei ist, dass ich tagtäglich Menschen aus meiner Umgebung begegne, die mir an jedem anderen Ort der Erde fehlen würden.

In unserem Haus leben acht Familien. Wenn wir uns im Gang oder beim Postkasten treffen, plaudern wir ausführlich. Besonders unser lieber Herr Huber mit seiner Gattin. Er ist 98 Jahre alt und kämpft sich trotz seiner voranschreitenden Blindheit die Stufen zum Aufzug hoch. Viele Male habe ich versucht, ihn zu stützen, aber er sagte: „Danke, nein, ich versuche es noch selbst, mich am Gelände hochzuhanteln.” Seiner Frau nahm ich die Einkaufstaschen ab, aber der alte Herr hatte noch seinen Stolz. Er konnte über Zeiten erzählen, die das Haus erlebt hat, und von Ereignissen, die keiner von uns kannte.

Oder unsere Marktfrauen vom Rochusmarkt. Es ist eine Freude, mit Frida über ihre tollen Tomaten aus dem Marchfeld zu reden. Sie sucht mir immer die schönsten Stücke aus, als würde sie mich gut kennen, und erzählt mir jedes Mal, was es Neues auf dem Markt gibt.

Täglich treffe ich unseren Trafikanten Karl, der mir jedes Mal etwas Neues über seine Liebe zu Pferden erzählt und davon, wie er früher an Pferdeturnieren teilnahm. Wir tauschen uns über die Natur und den Wienerwald aus, den wir beide lieben. Unter uns ist ein georgisches Restaurant und der Wirt und sein Sohn sind aufrechte und gute Menschen. Wir hegen eine freundschaftliche Beziehung und ich genieße oft mit meiner Familie seine köstlich zubereiteten Speisen. Das trifft auch auf unsere liebe CheChang zu, die das Hitomi weiter vorne führt, oder auf die Georgierin mit ihrem Lokal. Ganz nah ist mir das Gasthaus Stadtwirt, in dem ich oft schreibe. Die Chefin Marta liebt meine Romane, und ich habe dort einen Tisch, an dem ich immer Platz bekomme – ganz gleich, wie voll das Lokal ist.

Und so könnte ich weitererzählen und all die Menschen in meiner Umgebung anführen, mit denen ich in regem kommunikativen Austausch stehe. Und ganz gleich, wohin ich hier gehe – sei es zum Einkaufen, Spazierengehen oder ins Kino – treffe ich auf der Straße Menschen, die mich kennen, und wir finden Zeit, miteinander zu reden, zu lachen und zu genießen.

Ja, so kann man Zuhause auch betrachten. Es ist ein Ort, eine Dorfidylle, die deinem Herzen sagt: Man kennt dich, man mag dich, hier fühlst du dich wohl wie an keinem anderen Ort der Welt …

jhamel0210/pixabay

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