Ceuta: Die Krise ist real. Die Desinformation dazu läuft bereits im Vollbetrieb.

Die Desinformation dazu läuft bereits im Vollbetrieb.

Zehntausende Menschen haben Ende Juli Ceuta erreicht. Viele kamen schwimmend oder über die Landgrenze. Aufnahmezentren sind überlastet, Menschen sind beim Grenzübertritt gestorben. Spanien hat Polizei, Guardia Civil und Militär verstärkt. Eine reale Krise, über die man sehr ernsthaft diskutieren müsste.

Warum gerade jetzt so viele Menschen kamen, lässt sich bisher nicht auf einen einzigen Grund reduzieren. Ein wesentlicher Auslöser dürfte aber ein neues Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs gewesen sein – genauer gesagt, was Schleuser und soziale Netzwerke daraus gemacht haben.

Das Urteil wurde offenbar als Einladung verbreitet: Wer Ceuta schwimmend erreicht, könne nicht mehr nach Marokko zurückgebracht werden.

Dazu kamen falsche Versprechen über Unterkünfte, Aufenthaltsmöglichkeiten oder eine Weiterreise nach Europa. Viele junge Menschen aus Marokko, die ohnehin kaum berufliche Perspektiven sehen, machten sich daraufhin auf den Weg. Als die Grenzsicherung zeitweise überlastet war und sich herumsprach, dass Tausende durchgekommen waren, kamen noch mehr.

Ob Marokko seine Kontrollen absichtlich gelockert hat, um politischen Druck auf Spanien auszuüben, wird diskutiert. Bewiesen ist das bisher nicht. Rabat erklärt, mit Spanien zusammenzuarbeiten und weitere Grenzübertritte verhindern zu wollen.

Die Wirklichkeit wäre also kompliziert genug.

Dem Internet ist das natürlich wieder zu wenig.

Aktuell wird ein Video verbreitet, das angeblich Tausende Menschen zeigt, die von Marokko zur Grenze von Ceuta marschieren. Die Aufnahme stammt aus der Türkei und zeigt eine religiöse Prozession.

Aber gut: Viele Menschen, irgendwo im Freien, von oben gefilmt. Für den professionellen Facebook-Grenzexperten reicht das offenbar bereits als geografischer Nachweis.

Dann gibt’s ein Video, in dem ein marokkanischer Polizist ein Grenztor öffnet. Es wird gerade so geteilt, als zeige es die aktuellen Ereignisse.

Tut es nicht.

Das Video stammt aus dem Mai 2021. Fünf Jahre alt, aber mit einem neuen Begleittext praktisch wieder fabrikneu.

Auch ein Video mit Metallspitzen an Balkonen in Barcelona wird nun im Zusammenhang mit Ceuta verbreitet. Die Botschaft ist klar: Seht her, die Bevölkerung rüstet sich bereits gegen die ankommenden Migranten.

Dummerweise kursierte das Video schon spätestens im Mai 2026 – lange vor der jetzigen Krise. Mit Ceuta hat die Aufnahme keinen belegten Zusammenhang.

Praktisch ist auch die Behauptung, Spaniens geplante Regularisierung habe diesen Ansturm ausgelöst. Menschen, die erst 2026 irregulär eingereist sind, können diese Regelung allerdings gar nicht nutzen.

Das ist für die Erzählung ungünstig. Also lässt man den Teil einfach weg.

Beim Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs läuft es ähnlich.

Online heißt es, Spanien dürfe Migranten nun generell nicht mehr zurückweisen. Das Urteil sagt etwas deutlich Engeres: Wer schwimmend kommt und dabei keine physische Grenzbarriere überwindet, darf nicht über das besondere Verfahren der unmittelbaren Zurückweisung nach Marokko gebracht werden. Stattdessen muss ein reguläres Rückführungsverfahren durchgeführt werden.

Rückführungen bleiben also möglich. Sie dürfen in diesen Fällen nur nicht ohne Verfahren stattfinden.

Aus dieser juristischen Unterscheidung wurde im Empörungsservice: „Niemand darf mehr zurückgeschickt werden.“

Klingt wilder. Stimmt halt nicht.

Und bevor jetzt wieder die Trollkonten mit erfundenen Vergewaltigungen und Messerattacken auftauchen: Diese konkret dokumentierte Kampagne gab es während der Ceuta-Krise im Mai 2021. Damals imitierten Accounts echte Medien und verbreiteten frei erfundene Gewalttaten.

Das zeigt, wie solche Aktionen funktionieren. Einen Beleg für dieselbe organisierte Kampagne im Juli 2026 liefert die alte Untersuchung nicht.

Auch das gehört zur Quellenprüfung: Ein alter Fake wird durch einen aktuellen Begleittext nicht neu. Eine fünf Jahre alte Trollanalyse wird durch Copy-and-paste ebenfalls kein Beleg für eine heutige Kampagne.

Die aktuelle Lage in Ceuta ist chaotisch, gefährlich und politisch brisant. Darüber kann man diskutieren. Sehr gern sogar.

Wer dafür eine türkische Prozession, ein Video von 2021 und Balkone aus Barcelona braucht, will allerdings nichts erklären.

Er will möglichst viele Menschen wütend machen – bevor irgendwer auf die Idee kommt, nachzuschauen.

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