Kapitalismus als Wohnungsnotmaschine: Wie man mit Renditefantasien ganze Städte unbewohnbar macht

Es gibt eine ökonomische Groteske, die sich quer durch Deutschland zieht: die Idee, man könne Wohnungsnot lindern, indem man die Mieten immer weiter erhöht. Berlin hat dieses Experiment längst durchgespielt. Dort steigen die Preise wie ein schlecht gelaunter Hefeteig, während die Politik so tut, als ließe sich ein entfesselter Markt durch moralische Appelle zähmen. Dass Menschen nicht nur wohnen wollen, sondern die Miete auch bezahlen müssen, scheint in den Kalkulationen kaum vorzukommen.

Und dann taucht derselbe Reflex im ländlichen Mittelhessen auf. Investoren träumen von 25 Euro pro Quadratmeter, als hätten sie den Prenzlauer Berg in eine Kleinstadt verpflanzt. Sie bauen Wohnungen, die aussehen wie aus einem Architekturmagazin: bodentiefe Fenster, Designerbäder, Dämmung wie im Labor. Und dann stehen sie da, ratlos, weil niemand einzieht. Die Realität der lokalen Einkommen hat ihre Renditefantasien mit einem Achselzucken pulverisiert.

Doch vielleicht ist Vermietung gar nicht das Ziel. Vielleicht ist das Bauen selbst die Droge: Rechnungen sammeln, Abschreibungen nutzen, Verluste optimieren. Ein staatlich gefördertes Suchtverhalten, das Leerstand nicht bestraft, sondern belohnt. Man muss die Wohnung nicht vermieten, um wirtschaftlich „zufrieden“ zu sein — es reicht, wenn die Belege beim Steuerberater landen. So entsteht ein Markt, der nicht auf Menschen reagiert, sondern auf Formulare.

Hier zeigt sich die tiefere Dynamik: Ungebremster Kapitalismus fördert Wohnungsnot, weil er Wohnraum nicht als Lebensgrundlage betrachtet, sondern als Renditevehikel. Wenn der Wert einer Wohnung nicht mehr davon abhängt, ob jemand darin lebt, sondern davon, wie gut sie sich steuerlich verwerten lässt, dann wird Leerstand zur Strategie. Dann wird gebaut, um abzuschreiben — nicht, um zu vermieten. Dann wird Wohnraum zum Finanzprodukt, dessen Zweck sich von seinem gesellschaftlichen Nutzen abkoppelt.

In Berlin führt diese Schieflage zu einer weiteren Debatte: der Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne. Die Idee ist keine Revolution, sondern eine Notbremse. Wenn private Akteure Wohnungen wie Wertpapiere behandeln, liegt es nahe, darüber zu sprechen, ob ein Teil des Bestands wieder dem Gemeinwohl dienen sollte. Befürworter sehen darin ein Korrektiv, Kritiker warnen vor Investitionsrückgang. Doch die Frage bleibt: Wie viel Markt verträgt ein Grundbedürfnis?

Deutschland baut, optimiert, rechnet — aber löst das Problem nicht. Wohnraum entsteht nicht durch höhere Mieten, nicht durch steuerliche Spielplätze, nicht durch die Hoffnung auf Investoren. Wohnraum entsteht durch politische Entscheidungen, die Menschen statt Abschreibungen in den Mittelpunkt stellen.

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