Warum wir "die Rechten" nicht aufgeben dürfen

Wann immer die Rechte bei Wahlen antritt, ob in blauer, oranger oder gelb-schwarzer Montur, kann sie kumuliert rund 25% der Stimmen für sich gewinnen. Über eine Million Österreicher*innen unterstützen hierdurch regelmäßig tendenziell rechtsextreme Parteien (¹). Mehr als ein Viertel der Wiener*innen kann sich für Verhetzung, Diskriminierung und Abschottung begeistern? Just in der Stadt, in der fast die Hälfte der Bevölkerung einen sogenannten Migrationshintergrund aufweist und in der die Lebensqualität laut Studien so exzellent ist. Eigentlich eine Unerträglichkeit. Und auch nicht die ganze Wahrheit. Sehen wir uns das genauer an: wieso kanalisiert sich Frustration und Verärgerung in Österreich so gerne nach Rechts? Und wie gehen wir damit um?

Den Großteil ihrer Wähler*innen generiert die Rechte bei Menschen mit geringerer Bildung und schwächeren Einkommen, mehr bei Männern als bei Frauen, eher bei Jüngeren als bei Älteren (²). Vereinfachen und personifizieren wir hypothetisch: der autochthone Österreicher Franz, 40, Facharbeiter. Franz ist, glaubt man den Wahlmotiven, in erster Linie um seine soziale Stellung besorgt: kann ich mir die Miete noch leisten? Was werde ich in der Pension für ein Einkommen haben? Seine Verunsicherung, es im Leben offenbar nicht so einfach zu haben wie andere, wird durch Schreckensmeldungen in den Boulevardblättern genährt, die regelmäßig verkünden: „Ausländer kassieren bei der Förderung ab“. Oder: „Darum hat Österreich Probleme: Starker Anstieg der Flüchtlingszahlen!“ (³).

Dabei hat Franz eigentlich kein Problem mit „fremden“ Kulturen, schließlich gefallen ihm Urlaube in der Türkei oder in Italien. Sofern sich diese finanziell ausgehen – denn alles wird immer teurer. Auch viele seiner Kolleg*innen in der Arbeit sind nicht aus Österreich aber ganz nett und außerdem isst er am liebsten Griechisch. Wenn er sich den Restaurantbesuch leisten kann. Und trotzdem: es ist einfach nicht fair, denkt er sich in stillen Momenten, wenn er sein Leben lang hart arbeiten muss für einen schlechten Lohn. Schließlich sieht er ja auch dauernd im Fernsehen und in den Magazinen seiner Frau wie gut es anderen Menschen geht: da gibt’s nur Lifestyle, Wellness und Reisen. Verdienen offenbar alle deutlich mehr als er und haben unendlich Zeit. Perspektiven für einen sozialen Aufstieg gibt’s für ihn abseits der unsicheren Erbschaft von den betagten Eltern auch nicht. Und die wollen die Linken jetzt auch noch besteuern – hat er zumindest vom lokalen Bankbetreuer gehört, weswegen er besser vorsorglich in einen Fonds investieren sollte.

Der „rechte“ Franz

Franz ist ja grundsätzlich ein fröhlicher Mensch: pflegt seine Hobbies, liebt die Umgebung in der er aufgewachsen ist, schätzt die Natur am Land und ist ein Tierfreund. Ein Freund seines Hundes, besser gesagt. Das alles ist für ihn Österreich: ein sicheres, schönes, sauberes, ruhiges Fleckchen Erde. Wen interessiert schon die abgehobene Politik da oben, die dauernd unverständlich über Sachen spricht, die scheinbar mit seinem Leben nichts zu tun haben. TTIP? Bildungs- und Steuerreformen? Nicht bei ihm. Aber einen gibt es schon, von dem er sich verstanden fühlt. Der ist jung, dynamisch und spricht so, dass er nachvollziehen kann worum es geht. Der sagt ja auch das, was in der Zeitung steht, und zwar genau so, wie es in der Zeitung steht.

Einmal dann war er bei einer Versammlung zu der ihn Bekannte mitgenommen haben. Da gab’s Freibier und Würstel, gute österreichische Musik und der junge, dynamische Politiker hat eine beeindruckende Rede gehalten. Stahlblaue Augen, voller Emotionen, mit einer starken Stimme. Zugegeben, ein paar seltsam wirkende Leute waren schon dort, bullige Sicherheitsleute und alte Männer mit Stecknadeln aus den Vierzigerjahren. Aber okay, können nicht alle so ausschauen wie man selbst. Die Atmosphäre war einfach gut, da steckte eine Kraft dahinter und die hat etwas in ihm bewirkt: plötzlich hatte er das Gefühl ein Teil einer Gemeinschaft zu sein, die etwas bewegen kann. Die etwas für sein Leben bewirken kann. Wir verstehen Eure Wut – „Danke!“. Wir belohnen ehrliche Arbeit – „Endlich!“. Soziale Sicherheit für unsere Leut´ – „Ich bin das!“. Franz war angekommen, das waren endlich einmal ehrliche, aufrichtige Worte von Menschen, die sich für ihn einsetzen würden.

Am Wahltag revanchierte er sich: Mit einem Kreuz an der richtigen Stelle. Genutzt hat es zwar nichts, „seine Partei“ sitzt immer noch in der Opposition, aber das hat ihn nur bestärkt: Das nächste Mal klappt’s sicher. Und dann wird alles besser. In der Zwischenzeit ist er in die Ortspartei eingetreten, verteilt manchmal Flyer und beteiligt sich in Onlineforen und auf Facebook an der Aufdeckung des Sozialbetrugs der Asylanten. Geht einfacher als man denkt, ein Funktionär hat ihm das in einer halben Stunde beigebracht und außerdem gibt’s dort eine Vielzahl an Gleichgesinnten, die ihn ständig mit Neuigkeiten beliefern und sich gegenseitig bestärken.

Fünf Ansatzpunkte

Zurück aus der Fiktion, die so weit wohl nicht von der Realität entfernt ist. Was lernen wir aus der Geschichte von Franz? Wir dürfen “die Rechten” nicht aufgeben, denn der Großteil der Wähler*innen von Rechtsparteien ist nicht per se rassistisch oder faschistoid – sondern schlicht verängstigt und ohne verständlichem politischem Gegenüber. Sie pauschal abzustempeln würde nur jenen in die Hände spielen, die sich vorgeblich für sie einsetzen. Und davon leben sich größer zu machen als sie sind.

Was können wir also konkret machen? Fünf Ansatzpunkte:

  • Niemand ist von Beginn an Rechts oder Links. Zum politisch aktiven Menschen wird man vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen, die politische Haltung ist nicht genetisch determiniert. Positive neue Erfahrungswelten können diese zielgerichtet beeinflussen, von daher sollte man niemanden davon ausschließen und offene Orte der Begegnung schaffen.
  • Perspektivenlosigkeit macht Angst, die ständig neu befeuert wird, wenn wir im öffentlichen Diskurs nicht dagegenhalten. Und nicht als zugängliche Sparringpartner*innen verfügbar sind. Und wenn linke Entscheidungsträger*innen nicht endlich aufhören jene Medien überproportional mit Inseraten zu nähren, die sich an Hetze beteiligen.
  • Ohne der Fähigkeit zur kritischen Reflexion seiner Umwelt wird man schnell zum Opfer rechter Agitator*innen. Daher ist kostenfreie (politische) Bildung auch im Erwachsenenalter essentiell um Menschen in die Lage zu versetzen Manipulationsversuche zu erkennen. In jedem Dorf, jeder Gemeinde und jeder Stadt.
  • Menschen denken in und engagieren sich für Themen die sie betreffen. Und sie reagieren auf emotionale Ankerungen: linke Politik muss ermutigen. Sie muss getragen sein von einer Kultur die das Gefühl vermittelt ernstgenommen zu werden, ein Teil einer Bewegung sein zu können.
  • Botschaften müssen so formuliert werden, dass alle Menschen sie verstehen. Intellektuelle Diskurse sind vielleicht für manche befriedigend, für die Mehrheit wirken sie abschreckend. Es braucht einen neuen Linkspopulismus: damit alle Menschen an Konzepten wie Solidarität, Gleichheit und Gerechtigkeit teilhaben können.

von Sebastián Bohrn Mena

Der Beitrag erschien zuerst auf "Políticas - Die linke Perspektive" unter www.politicas.at und www.facebook.com/politicasblog.

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