Am 28. und 29. März des Jahres 2015 fand in Dachau, Deutschland, eine zweitägige Gedenkfeier anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung aus dem KZ sowie des 110. Geburtstages Viktor Frankls statt (1905-1997). Das Ambiente war großartig, prunkvoll der Saal des Schlosses. Trotz der vielen Menschen, die gekommen waren, um das Leben und das Werk von Frankl zu würdigen, herrschten Ruhe und Disziplin, Wertschätzung und Höflichkeit, es schien ein andächtiger Zauber in der Luft zu liegen, der die Gäste zutiefst be-rührte, dankbar, besinnlich, demütig werden ließ.

Unter den Gästen und hochkarätigen Vertretern der Logotherapie waren Elisabeth Lukas, Walter Kohl, der Sohn des 2017 verstorbenen Helmut Kohls, Uwe Böschemeyer, Harald Mori, der ein enger Vertrauter Frankls war, David Guttmann, Überlebender des Budapester Ghettos, Judith und Gideon Millul, die aus Haifa, Israel, angereist waren, und die Familie Frankls, unter anderem Enkeltochter Katharina Ratheiser. Alexander (Sándor) Batthyany, Vorstand des Wiener Viktor Frankl Institutes, teilte zu Beginn der Veranstaltung mit, dass Eleonore, „Elli“, Frankl, die zweite Frau Viktors, aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters und auch der zu erwartenden Rührung die beschwerliche Anreise nicht in Kauf nehmen hatte wollen. Trotz allem Verständnis für die Beweggründe der beinahe 90 Jahre alten Dame, war eine kollektive Traurigkeit zu spüren, gerne hätten die Anwesenden sie über ihren verstorbenen Mann, ihre Ehe, über den Menschen Viktor Frankl erzählen gehört.

Elisabeth Lukas übernahm in ihrer besonnen, ruhigen Art, und doch kraftvoll, an ihrer statt die Aufgabe, Viktor Frankls Geist und Denken, seine Haltung und Einstellung, in diesem besonderen Moment, auferstehen zu lassen. Im Rahmen der Podiumsdiskussion erzählte Lukas in Beantwortung der Frage, wie der Mensch Viktor Frankl gewesen sei, sinngemäß folgende Geschichte:

Eines Nachts, gegen 2 Uhr morgens, hatte in der Privatwohnung von Herrn Dr. Frankl das Telefon geläutet. Eine Frau, es hatte sich um keine von Frankls Patientinnen gehandelt, sondern um eine ihm Unbekannte, hatte ihn angerufen, um ihm zu sagen, dass sie beabsichtigen würde, sich noch in dieser Nacht zu suizidieren, alles sei fertig vorbereitet und egal was er sagen würde, sie würden ihr Vorhaben in die Tat umsetzen. Aber da sie bereits sehr viel Gutes von ihm gehört habe, habe sie noch einmal mit ihm sprechen wollen. Frankl hatte daraufhin sein ganzes Repertoire an Wissen und Erfahrungen ausgepackt, der des Lebens müden Frau gesagt, dass das Leben unbedingt Sinn haben würde, dass die Spielregeln des Lebens verlangen würden, dass wir den Kampf niemals aufgeben dürfen, auch wenn wir nicht um jeden Preis siegen könnten, dass selbst ein Leben, das anscheinend vertan sei, sich rückwirkend mit Sinn erfüllen lassen würde, indem der Mensch die Fähigkeit habe, durch Selbsterkenntnis über sich hinauswachsen zu können. Doch was auch immer Frankl sagte, die Frau hielt an ihrem Entschluss fest, sie würde sich das Leben nehmen. Mehr als zwei, möglicherweise auch drei, Stunden waren bereits vergangen, dass die beiden miteinander gesprochen hatten. In einem letzten Versuch rang Frankl der Frau das Versprechen ab, in wenigen Stunden, um 8 Uhr morgens, zu ihm zu kommen. Er würde persönlich mit ihr sprechen wollen, danach solle sie entscheiden, ob sie weiterleben wolle oder sich suizidieren würde. Frankl harrte am Morgen ungeduldig darauf, ob die Frau ihr abgegebenes Versprechen halten würde und tatsächlich zu ihm in die Sprechstunde käme. Und sie kam! Auf die Frage von Frankl, was sie davon abgebracht habe, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen, was genau es gewesen sei, das er gesagt habe, hatte die Frau geantwortet: „Nichts von dem, was Sie gesagt haben, hat mich davon abgehalten Selbstmord zu begehen, sondern allein die Tatsache, dass Sie mit mir, einer Ihnen Unbekannten, stundenlang in der Nacht telefonieren anstatt zu schlafen, Sie sich die Zeit nehmen, um mich, eine Fremde, davon zu überzeugen, dass das Leben wertvoll ist, das war es, das mich davon abgehalten hat, mich zu töten.“

Von 1933 bis 1937 hatte Frankl den sogenannten „Selbstmörderpavillon“ am Gelände des damals als „Steinhof“ bezeichneten heutigen Otto Wagner Spitals in Wien 14 geleitet und dort höchst erfolgreich ca. 3.000 Patientinnen im Jahr aufgrund ihrer Selbstmordgefährdung behandelt. Frankl selbst war nach seiner Rückkehr 1945 nach Wien, nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager, vor den Trümmern seines Lebens gestanden. Seine erste Frau, Tilly, die das gemeinsame ungeborene Kind opfern hatte müssen, da es Juden, selbst wenn sie verheiratet waren, verboten war, Kinder zu bekommen, war in Bergen-Belsen nach der Befreiung durch englische Truppen ums Leben gekommen, seine Eltern in Auschwitz ermordet worden, sein Bruder tot, er selbst gehörte zu den wenigen, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hatten. Zwangsvorstellungen quälten ihn. Es war ihm berichtet worden, dass nachts Zigeuner Teile von Leichen auf ihren Lagerfeuern in Kesseln gekocht und hauptsächlich die Leber gegessen hätten und der Gedanke, Tillys Leber sei von Zigeunern gegessen worden, verfolgte ihn. Vor seinem Freund Paul Polak begann Frankl zu weinen, sagte zu ihm: „Paul, ich muss gestehen, wenn so viel über einen hereinbricht, wenn man so sehr auf die Probe gestellt wird, das muss einen Sinn haben. Ich habe das Gefühl, ich kann es nicht anders sagen, als ob etwas auf mich warten würde, als ob etwas von mir verlangt würde, als ob ich für etwas bestimmt wäre.“

Sein alter Lehrer, Pittermann, vor dem Frankl sich ebenfalls ausweinte, befürchtete, Frankl würde sich das Leben nehmen und so zwang er Frankl ein Blankoformular, das er nachträglich in ein Gesuch für ein Primariat umwandelte, zu unterschreiben. Die folgenden 25 Jahre war Viktor Frankl Vorstand der Wiener neurologischen Polyklinik (vgl. Frankl, Viktor (2013): Was nicht in meinen Büchern steht, Lebenserinnerungen, 5. Aufl., Beltz:Weinheim/Basel).

Frankl, der gelebt hat was er lehrte, hatte jahrelang auf ein Ausreisevisum in die USA warten müssen und schließlich kam die Aufforderung im Konsulat zu erscheinen, das Visum galt allerdings ausschließlich für ihn selbst. Da an den Scheidewegen des Lebens keine Wegweiser stehen, verließ er unschlüssig, auf einen Wink vom Himmel hoffend, das Haus um beim Spazierengehen Klarheit zu gewinnen, ob er seine Eltern, seine Frau, im Wissen des bevorstehenden Schicksals, der Deportation, verlassen solle. Als er nach Hause zurückkehrte, lag auf dem Tisch ein kleines Marmorstück. Auf die an seinen Vater gerichtete Frage, was das sei, erhielt er die Antwort: „Das habe ich heute auf einem Trümmerhaufen aufgelesen, dort, wo früher die Synagoge gestanden ist, die niedergebrannt worden ist. Das Marmorstück ist ein Stück von den Gesetzestafeln. Wenn es dich interessiert, kann ich dir auch sagen, auf welches der zehn Gebote sich der eingemeißelte hebräische Buchstabe bezieht. Denn es gibt nur ein Gebot, dessen Initiale er ist: Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf dass du lange lebest im Lande …“ (vgl. ebd.) Und Frankl ließ das Visum verfallen, blieb im Land, wurde schließlich nach Auschwitz deportiert und entging aufgrund seines Mutes sowie einer inneren Eingebung der Selektion des Dr. Mengeles, der ihn für die linke Seite, die Gaskammer, bestimmt hatte, indem er hinter dem Rücken des Dr. Mengeles um ihn herum auf die rechte Seite gegangen war.

Trotz alle dem Grauen verlor Frankl seinen unerschütterlichen Glaube an den unbedingten Sinn des Lebens nicht. Er überlebte.

„Solange es das noch gibt, diesen wolkenlosen blauen Himmel, darf ich nicht traurig sein.“ (Anne Frank)

Frankl hatte in der Zeit der Internierung die Fähigkeit des Menschen zur Selbsttranszendenz, die Fähigkeit des Über-Sich-Hinauswachsens, entdeckt. Frankl: „Wir, die in Konzentrationslagern lebten, erinnern uns an die Männer, die durch die Baracken gingen und andere trösteten und ihr letztes Stückchen Brot verschenkten. Es mögen wenige gewesen sein, aber sie sind ein hinreichender Beweis dafür, dass man einem Menschen alles nehmen kann, mit einer Ausnahme: Die letzte Freiheit des Menschen, seine Haltung in jeder Situation selbst zu wählen.“

„Der Mensch ist das Geschöpf, das die Gaskammern von Auschwitz erfunden hat. Aber er ist auch das Geschöpf, das erhobenen Hauptes in diese Gaskammern hineingegangen ist, mit dem „Schma Jisrael“ auf den Lippen.“ (Viktor Frankl)

Alexander Batthyany sagte anlässlich der Gedenkfeier: (…) „Das letzte Jahrhundert hat u. a. gezeigt, wie tief der Mensch fallen kann. Den Beweis, wie sich der Mensch zu einem gelingenden und verantwortungsbewussten Leben aufrichten kann, können wiederum nur wir selbst erbringen - und das können wir jeden Tag aufs Neue …“

„Auf jeden einzelnen und auf jeden Tag kommt es an,

wenn die Nöte unserer Zeit überwunden werden sollen.

Und dazu brauchen wir nicht so sehr neue Programme,

wie - eine neue Menschlichkeit.“

(aus: Frankl, Es kommt der Tag, da bist du frei)

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