Ein Mann, der vor gut einem Jahr im Oval Office angebrüllt wurde, er habe „keine Karten in der Hand" – derselbe Mann unterzeichnet dieser Tage Zehnjahresverträge mit Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar und wird in Damaskus mit königlichem Protokoll empfangen. Der Wandel ist atemberaubend. Und er ist kein Zufall.
Der wertvollste Rohstoff der Gegenwart: Kriegserfahrung
Was Wolodymyr Selenskyj den Golfstaaten verkauft, ist das Teuerste, was ein Rüstungsmarkt bieten kann: Erfahrung unter echtem Beschuss. Mehr als 200 ukrainische Drohnenexperten sind bereits in Saudi-Arabien, den VAE und Katar stationiert, weitere auf dem Weg nach Jordanien und Kuwait. Sie bringen mit, was kein Waffenkatalog liefern kann: drei Jahre Frontpraxis gegen genau jene Shahed-Drohnen, die der Iran seit Kriegsbeginn Ende Februar gegen seine Nachbarn einsetzt. Während die Golfstaaten bislang Patriot-Raketen für rund vier Millionen Dollar pro Abschuss verbrannten, kostet das ukrainische Verfahren – elektronische Störer, mobile Abfanggruppen, Interceptor-Drohnen – einen Bruchteil davon. Kyjiw ist nicht mehr Abnehmer westlicher Sicherheitsgüter. Kyjiw ist Lieferant.
Putins unfreiwilliges Geschenk:
Diese Entwicklung wäre ohne Wladimir Putin schlicht nicht möglich. Er hat die Shahed-Drohne nach Russland importiert, sie unter dem Namen Geran-2 nachgebaut und jahrelang gegen ukrainische Städte eingesetzt – und dabei der Ukraine gezwungenermaßen das weltbeste Ausbildungsprogramm zur Drohnenabwehr finanziert. Gleichzeitig hat er in fünfzehn Monaten drei Verbündete verloren: Baschar al-Assad in Syrien gestürzt, Nicolás Maduro in Venezuela gefangen, Ali Chamenei im Iran gestorben. Bei allen drei stand Moskau daneben und konnte nichts tun. Der Mann, der einst gleichzeitig mit Assad, Teheran und den Golfstaaten sprach und sich als unverzichtbaren Nahostmakler inszenierte, ist heute nicht mehr in der Lage, seinen engsten Partnern beizustehen. Die Position, über Jahrzehnte mühsam aufgebaut, bröckelt nun unter seinen Füßen weg.
Der Geheimdienstbeitrag, der Trump verstummen lässt:
Es kommt noch bitterer: Russische Satelliten haben zwischen dem 21. und 31. März mindestens 24 Überflüge über elf Ländern im Nahen Osten durchgeführt und dabei 46 Ziele ausgespäht – darunter US-Militärstützpunkte, Flughäfen und Ölfelder. Das aufgeklärte Material wurde an Teheran weitergegeben. Wenige Tage nach den Überflügen traf eine iranische Drohnen- und Raketenwelle den Stützpunkt Prince Sultan in Saudi-Arabien und zerstörte dabei ein US-Aufklärungsflugzeug vom Typ E-3 Sentry im Wert von 370 Millionen Pfund. Selenskyj erklärte, er sei „zu 100 Prozent" überzeugt, dass russische Geheimdienstdaten diesen Angriff erst ermöglicht hätten. Es ist der ukrainische Geheimdienst, der diese Verbindung zwischen Moskau und Teheran dokumentiert und in die westliche Öffentlichkeit trägt.
Trump in der selbstgestellten Falle:
An dieser Stelle beginnt die Groteske. Trump ließ Selenskyj im Weißen Haus abkanzeln, warf ihm vor, er „riskiere einen Dritten Weltkrieg" und brach das Treffen nach einem beispiellosen Eklat ab. „Ihr habt nicht die Karten in der Hand", tönte er. Jetzt, während Russland dem Iran Satellitendaten liefert, damit iranische Raketen amerikanische Soldaten am Golf präziser treffen, schaut Trumps Regierung weitgehend weg. Seine Zustimmungswerte sind auf ein Rekordtief seiner zweiten Amtszeit gefallen: In vier großen Umfragen im März 2026 liegt Trump bei Netto-Minuswerten von bis zu 23 Punkten. Der Iran-Krieg und seine außenpolitischen Fehlkalkulationen treiben diesen Verfall. Unterdessen schließen eben jene Golfstaaten, die Trump jahrelang mit Milliardenpaketen und Rüstungsgeschenken bei Laune halten wollte, Zehnjahresverträge mit Kyjiw. Nicht mit Washington. Mit Kyjiw.
Das Damaskus-Dilemma: Realpolitik mit schlechtem Gewissen:
Der Stopp in Syrien verdient einen nüchternen Blick. Ahmad al-Scharaa stand bis vor Kurzem auf der UN-Terrorliste, seine dschihadistische Vergangenheit ist dokumentiert, und der Wandel zum Staatsmann ist alles andere als bewiesen. Selenskyj trifft ihn trotzdem – und die Logik ist nicht ohne Substanz: Syrien grenzt an den Irak und ist vom Iran aus erreichbar, braucht ebenso Luftabwehr, die es schlicht nicht besitzt, und liegt strategisch günstig zwischen dem Kaukasus und dem Persischen Golf. Kyjiw und Damaskus vereinbarten engere sicherheitspolitische Zusammenarbeit, und die Ukraine bietet sich als Getreidelieferant an. Deutschland, als größter europäischer Geldgeber der Ukraine, hat dabei ein handfestes Interesse: Ein stabileres Syrien könnte die Rückkehr von über einer Million syrischer Geflüchteter ermöglichen. Ob Selenskyj diesen deutschen Kalkül bewusst mitspielt, lässt sich nicht belegen – aber er wird ihn kennen.
Das bröckelnde Modell:
Was bei all dem bemerkenswert ist, reicht über den Ukraine-Krieg hinaus. Das Betriebssystem „Stärke durch Drohung, Loyalität durch Angst" – das Betriebssystem, das Putin, Trump und Orbán gleichermaßen antreibt – läuft auf Verschleiß. Orban, 16 Jahre lang das europäische Vorzeigeprojekt der Autokratie, liegt vor der Parlamentswahl am 12. April in den Umfragen hinter seinem Herausforderer. Das Median-Institut sieht Fidesz bei nur noch 30 Prozent. Die Maschine funktionierte, solange EU-Gelder den Klientelismus finanzierten – seit Brüssel den Geldhahn zudrehte, schmiert sie ab. Trumps Zustimmungswerte sind seit Amtsantritt seiner zweiten Amtszeit um fast 30 Punkte in der Außenpolitik gefallen. Putins Stärke, so formuliert es ein Experte im Handelsblatt, ist ein Bluff – „und das gilt auch für Trump".
Selenskyj hat unterdessen bewiesen, dass ein demokratisch legitimierter Kriegsführer im Jahr 2026 mehr internationale Handlungsmacht entfalten kann als jeder dieser drei, wenn er bereit ist, Wissen statt Drohungen zu exportieren. Wie lange ein Politikmodell, das auf Einschüchterung, Lüge und der Illusion unbesiegbarer Stärke beruht, in einer Welt funktioniert, in der Satellitendaten Kriegsverbrechen dokumentieren und Drohnenabwehr-Know-how wertvoller ist als Atomwaffen-Bluffs – diese Frage stellt sich nicht mehr nur in Kiew oder Brüssel. Sie stellt sich in Budapest, in Washington, in Moskau.