Die Überschrift möge nicht täuschen: Es geht hier um einen gesellschaftlichen Skandal, den der tübinger OB Boris Palmer hervorgerufen hat, als er sich weigerte, eine Rampe für eine im Rollstuhl sitzende Sportlerin, die für ihre Leistungen geehrt werden sollte, installieren zu lassen. Die Rampe hätte 1200€ gekostet, Palmer verwies auf die angeblich leere Stadtkasse und äußerte sein Unverständnis über den "Fetischismus (...), dass alles gleichgemacht werden" müsse. Diese Aussage ist ein Schlag ins Gesicht aller, die dem Ideal des gesunden Körpers nicht entsprechen und trotzdem versuchen, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Sie macht aus der Ehrung eine öffentliche Demütigung und signalisiert der Sportlerin, dass sie trotz ihrer Leistungen gesellschaftlich nicht so akzeptiert ist, dass eine vergleichsweise geringe Summe (die die Stadt durch das konsequente Bestrafen von Falschparkern auf Behindertenparkplätzen mühelos wieder auftreiben könnte) aufgewendet wird. Palmer, der bei den Grünen nicht mehr und bei der AfD noch nicht ist, schlüpft einmal mehr in die Rolle des Populisten und rückt durch seine Wortwahl den Wunsch nach Teilhabe in die Nähe einer erotischen Obsession. Das ist ebenso perfide wie berechnend: In der Krise des Kapitalismus werden stets die Schwächsten als Sündenböcke präsentiert, deren angeblich überzogene Forderungen das Gemeinwohl beeinträchtigen. Dass auch Merz die Krise durch Einsparungen bei Kranken und Pflegebedürftigen meistern möchte, zeigt die überparteiliche Einigkeit im Kampf gegen diejenigen, die sich ihr Leiden bestimmt nicht ausgesucht haben.