Die Überblödung Deutschlands stoppen? Dann fangen wir doch mal bei der politischen Doppelmoral an.
Bei Friedrich Merz reicht vielen AfD-Fans ein einziges Wort: BlackRock. Dann ist sofort klar: Finanzelite, Konzernnähe, Globalismus, böse, pfui, System! Und ja: Merz war bei BlackRock Deutschland tätig; 2016 wurde er dort als Chairman beziehungsweise Aufsichtsratsvorsitzender der deutschen Asset-Management-Sparte benannt. Laut damaliger Darstellung sollte er außerdem Beziehungen zu wichtigen Kunden, Regulierern und Regierungsbehörden in Deutschland fördern. Das darf man politisch kritisieren. Sogar sehr.
Aber jetzt kommt der lustige Teil: Dieselben Leute, die bei BlackRock-Fritz Schnappatmung bekommen, feiern Goldman-Sachs-Alice als „Anti-Establishment“. Alice Weidels eigene Vita nennt ausdrücklich berufliche Stationen bei Goldman Sachs und Allianz Global Investors. Der Bundestag beschreibt ihren beruflichen Hintergrund als Tätigkeit als Analystin und Vice President in Kapitalanlageberatung und Vorstandsbüros führender Finanzunternehmen.
Mit anderen Worten: Wenn Merz Finanzbranche ist, ist er „System“. Wenn Weidel Finanzbranche ist, ist sie plötzlich „Mut zur Wahrheit“. Das ist keine Analyse, das ist politisches Fanboy-Yoga mit maximaler Wirbelsäulenverrenkung.
Besonders hübsch wird es, wenn man sich anschaut, dass die AfD selbst früher mit dem Schlagwort „GoldmanSachs-Draghi“ gegen Mario Draghi und die EZB polemisierte. Goldman Sachs war also böse genug, um Stimmung gegen Draghi zu machen — aber offenbar nicht böse genug, wenn die eigene Spitzenfrau dort gearbeitet hat. Da wird aus „Finanzelite“ plötzlich „internationale Erfahrung“. Aus „System“ wird „Kompetenz“. Aus Kritik wird Kult.
Und die Rubel-Symbolik ist keine Behauptung über persönliche Zahlungen an Weidel, sondern eine politische Zuspitzung: Die AfD fällt seit Jahren durch eine bemerkenswerte Russlandfreundlichkeit auf. Der Bundestag fasste 2025 einen AfD-Antrag zusammen, in dem die AfD unter anderem Hilfen für die Ukraine abbauen und bei Friedensverhandlungen eine teilweise beziehungsweise spätere vollständige Aufhebung von Russland-Sanktionen in Aussicht stellen wollte. LobbyControl spricht zudem von einer auffälligen Nähe führender AfD-Politiker zu Russland und China und verweist auf politische Initiativen, Kontakte, Reisen sowie Verdachtsfälle rund um Einflussnahme; strafrechtlich gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung.
Der Punkt ist also ganz einfach: Wer BlackRock bei Merz kritisiert, darf Goldman Sachs bei Weidel nicht schönreden. Wer Finanzeliten ablehnt, sollte sie nicht plötzlich anhimmeln, sobald sie blau lackiert auftreten. Und wer ständig „Systemparteien“ brüllt, sollte vielleicht merken, wenn die angebliche Alternative selbst tief aus genau jenem System kommt, das sie ihren Anhängern als Feindbild verkauft.
BlackRock-Fritz verachten?
Goldman-Sachs-Alice vergöttern?
Das ist keine Rebellion gegen das Establishment.
1. BlackRock-Fritz: Was ist belegt?
Friedrich Merz war bei BlackRock Deutschland tätig. 2016 wurde er als Chairman für das Deutschland-Geschäft berufen beziehungsweise als Aufsichtsratsvorsitzender der BlackRock Asset Management Deutschland AG genannt. Außerdem sollte er laut damaliger Meldung Beziehungen zu wichtigen Kunden, Regulierern und Regierungsbehörden in Deutschland fördern. Das ist die harte Faktenbasis für „BlackRock-Fritz“.
Wichtig zur Fairness: Merz hat BlackRock später verlassen; 2020 wurde berichtet, dass er den Aufsichtsrat niederlegt. Also besser schreiben: „Merz’ BlackRock-Vergangenheit“, nicht so tun, als wäre er heute noch dort.
2. Goldman-Sachs-Alice: Was ist belegt?
Alice Weidels eigene Website nennt ihren beruflichen Werdegang bei Goldman Sachs und Allianz Global Investors.
URL:
https://alice-weidel.de/vita/
Der Bundestag beschreibt Weidel außerdem als Diplom-Kauffrau und Diplom-Volkswirtin und nennt berufliche Tätigkeit als Analystin und Vice President in Kapitalanlageberatung und Vorstandsbüros führender Finanzunternehmen. Der Bundestag nennt an dieser Stelle nicht Goldman Sachs namentlich, bestätigt aber den Finanzbranchen-Hintergrund.
URL:
https://www.bundestag.de/abgeordnete/biografien/W/weidel_alice-1048026
Wer Merz wegen BlackRock ablehnt, aber Weidel trotz Goldman Sachs als Anti-System-Figur feiert, misst mit zweierlei Maß.
3. AfD und Goldman-Sachs-Doppelmoral
Die AfD selbst hat früher Mario Draghi polemisch als „GoldmanSachs-Draghi“ bezeichnet. Damit hat die Partei Goldman Sachs selbst als negatives Kampfwort benutzt. Genau das macht den Vergleich so bitter: Bei Draghi ist Goldman Sachs angeblich böse, bei Weidel wird daraus plötzlich „internationale Erfahrung“
Das ist der Kern der Doppelmoral:
Goldman Sachs beim politischen Gegner = Finanzelite.
Goldman Sachs bei Alice Weidel = Kompetenzbiografie.
Da muss man schon sehr blauäugig sein.