Der „Bob Dylan des Jazz“. Zum 100. Geburtstag von Miles Davis.

Halt! Stop! Bleiben Sie stehen. Gehen Sie nicht weiter! Es gibt etwas zu sehen. Genauer gesagt zu hören. Unerhörtes! Klicken Sie nicht gleich weg, wenn Sie das Wort „Jazz“ lesen. Auch wenn Sie laut einer Studie zu den über 75 % der Bevölkerung gehören, die mit Jazz nichts anzufangen weiß. Oder wenn Sie nicht zu dem knapp 2 % Gesamtumsatz des deutschen Musikmarktes beitragen, indem Sie Jazz-CDs, Jazzplatten kaufen oder Jazz digital hören.

Hier gibt es Jazz für Nichtjazzer. Jazz für Leute, die eigentlich keinen Jazz mögen. Noch nicht.

Hier wird der Versuch gewagt, Sie auf die Seite der Jazzfreunde zu ziehen. Und zwar mit Hilfe eines der bedeutendsten Jazzmusiker: Miles Davis. Sein 100. Geburtstag ist doch wohl Anlass genug, sich mit seiner Musik zu beschäftigen, auch wenn Sie bisher vielleicht einen großen Bogen um die Trompete dieses Künstlers gemacht haben.

Miles Davis Trumpet at the Urban Stomp exibit, Museum of the City of New York • Von Paul Lowry • Wikimedia Commons

Dylan und Davis – viele Gemeinsamkeiten

Doch was hat Miles Davis mit Bob Dylan zu tun? [1] Es gibt zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen den beiden, auch wenn beide völlig unterschiedliche Musik machen. Nehmen wir das folgende Zitat. Wer ist hier gemeint, Dylan oder Miles?

Was ich wirklich an ihm respektiere, ist, daß er sich nie verstellt. Er war der erste in unserem Geschäft, der glaubte, daß er nicht jeden anlächeln müßte, daß er keine Witze oder Ansagen machen müsse, daß er nicht Dankeschön sagen oder sich auch nur verbeugen brauchte. Er glaubte, daß er einfach die Musik für ihn und für sich selbst sprechen lassen könne. Das ist ihm gelungen, und Erfolg ist das beste Argument.“ [2]

Hier spricht Quincy Jones über Miles Davis. Er hätte auch Bob Dylan meinen können. Denn beide Künstler haben auf der Bühne nicht immer den Erwartungen des Publikums entsprochen. Das Brechen von Konventionen betrifft sowohl die Live-Auftritte als auch die Musik. Miles drehte beim Spiel den Zuhörern den Rücken zu und ging auch schon mal während des Solos eines Mitspielers von der Bühne. Dylan nimmt bis heute eine ebenso reservierte Haltung gegenüber seinem Publikum ein. Keine Begrüßung, kein Smalltalk, keine Witze. Allein die Musik zählt. Und auch da brechen beide immer wieder die Erwartungen des Publikums. Beide Künstler sind im Laufe ihrer über 50-jährigen Bühnenerfahrung immer wieder neue musikalische Wege gegangen, waren innovativ und stilbildend. Dylan hat sich bald von seinem Image als Folksänger und politisches Sprachrohr seiner Generation verabschiedet und sich gegen massiven Protest seines Publikums eine elektrische Gitarre umgehängt, hat Countrymusik gespielt und zusammen mit Johnny Cash gesungen, hatte eine Gospelphase, interpretiert immer wieder alte Bluesstücke in seinem Stil und sang schließlich sogar Standards des Great American Songbook im Stil von Frank Sinatra.

Davis hat den Jazz wegweisend beeinflusst und sich immer wieder künstlerisch neu erfunden. Er gilt als wesentlicher Begründer des Cool Jazz, des modalen Jazz und war ein Wegbereiter des Jazzrock/Fusion. Davis war ein begnadeter Talentscout, umgab sich mit jungen Musikern und förderte sie derart, dass sie später ohne ihn „ganz groß herauskamen.“ (z.B. John Coltrane, Wayne Shorter, Tony Williams, Herbie Hancock, Dave Holland, Ron Carter, Joe Zavinul, John McLaughlin, Chick Corea usw.)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Miles Davis der Jazzmusiker war, der sich wie ein Rockmusiker verhielt, und Bob Dylan der Rock/Folk-Musiker, der sich wie ein Jazz Musiker verhielt – beide getrieben von der Notwendigkeit, sich niemals zu wiederholen.“ [KI, Google Gemini]

Miles Davis (1956) • Von Tom Palumbo • Wikimedia Commons

Miles Davis – ein Einstieg in seine Musik

Im Folgenden möchte ich sechs Hörbeispiele (+2) aus dem umfangreichen Werk (über 60 Studioalben) aus verschiedenen Epochen seines Schaffens vorstellen. Dabei ist das einzige Auswahlkriterium, solche Stücke zu finden, die auch jemandem gefallen, der eigentlich keinen Jazz mag, aber sich mit einer gewissen Offenheit und Neugierde auf die Musik des „Prince of Darkness“ einlassen möchte.

1959 KIND OF BLUE: „So What“

Wer keine klassische Musik mag, hört aber vielleicht doch gerne den „Bolero“ von Ravel oder schwärmt von Bachs „Toccata und Fuge in d-moll“, einem der populärsten Werke der Klassik. Im Jazz ist es sicherlich „Take Five“ von Dave Brubeck, das allseits bekannt ist, allein wegen des ungewöhnlichen 5/4-Takts und des ausgezeichneten Schlagzeug-Solos.

Das Album "Time Out“, auf dem „Take Five“ enthalten ist, zählt mit 2,5 Millionen Exemplaren zu den drei am meistverkauftesten Jazzalben weltweit. An zweiter Stelle steht das Solo-Klavierkonzert „Köln-Konzert“ von Keith Jarrett (4 Millionen).

Das kommerziell erfolgreichste Jazzalbum aller Zeiten (6 Millionen) ist „Kind of Blue“ von Miles Davis. Die fünf Stücke des Albums wurden an zwei Tagen im April 1959 aufgenommen. Die Kompositionen – fast alle von Miles Davis – lagen den Musikern vor Aufnahmebeginn lediglich als grobe Skizzen vor. Es war also viel Raum für Spontanität. Vorab auf der Bühne schon einmal erprobt waren allenfalls zwei Titel.

Das bekannteste Stück des Albums ist „So What“. Die Soli werden in folgender Reihenfolge gespielt: Miles Davis (Trompete) – John Coltrane (Tenorsaxophon) – Julian „Cannonball“ Adderley (Altsaxophon) – Bill Evans (Klavier).

MILES DAVIS: „So What“ • Album: KIND OF BLUE (1959) • 9:25

Hier „So What“ in einer Live-Fassung aus dem gleichen Jahr, allerdings nicht in Originalbesetzung. Anstelle des Altsaxophons bilden zwei Posaunen den Bläsersatz, Miles spielt dafür zwei Soli. Man achte auch auf den Tenorsaxophonisten: John Coltrane wurde einige Jahre später einer der größten und bedeutendsten Saxophonisten des Jazz.

Was ist nun das Besondere an diesem Stück und an dem Album insgesamt?

Die für das gesamte Album geltende ruhige, unaufgeregte und entspannte Spielart ist typisch für den von Miles Davis entwickelten „Cool Jazz“. Auf „Kind of Blue“ geht Miles aber noch weiter: Die Musiker improvisieren nicht, wie im zuvor vorherrschenden Bebop üblich, über schnell wechselnde, komplexe Akkordfolgen, sondern sie benutzen Kirchentonarten (Modi) über längere Zeiträume. Da sich also der „harmonische Hintergrund“ über viele Takte hinweg nicht ändert, hat der jeweilige Solist mehr Freiheiten und kann sich ganz auf melodische Improvisationen konzentrieren.

Komposition war für ihn eben nicht mehr präzise Vorstrukturierung einer definitiven Klangvorstellung, sondern ein Impuls für einen musikalischen Prozess mit ungewissem Ausgang.“ [3]

Miles Davis hat mit dieser Spielweise den modalen Jazz entwickelt. Man kann „Kind of Blue“ als Schlüsselwerk des Modal Jazz bezeichnen. [4]

Wer jetzt bereits erste Züge von Begeisterung für die Musik von Miles Davis in sich verspürt, dem sei ein weiterer Titel des Albums ans Ohr gelegt: „Freddie Freeloader“ vom gleichen Album. Es handelt sich (lediglich) um einen „zwölftaktigen Blues in B-Dur“…

1960 SKETCHES OF SPAIN: „Saeta“

Ein halbes Jahr nach den Aufnahmen von „Kind of Blue“ setzte Miles Davis die Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Arrangeur GIL EVANS fort. Es gab bereits zwei Alben („Miles Ahead“ und „Porgy and Bess“), an denen Gil Evans als Orchester-Arrangeur maßgeblich beteiligt war. „Gil Evans ist der Mann, der den Miles Davis-Ton am vollkommensten in orchestralen Klang verwandeln kann – in Sound.“ [5]

1960 erschien „Sketches of Spain“ – ein Album, das auf spanische Volksmusik basiert, so z.B. das berühmte „Concierto de Aranjuez“ des spanischen Komponisten Joaquin Rodrigo. Dieses Stück nimmt mit über 16 Minuten den Hauptteil des Albums ein. Miles Davis ging damit weit über das hinaus, was man damals unter Jazz verstand. Es ist eine Verbindung von Jazz mit an Klassik angelehnter europäischer Musik. Für die 1960er Jahre in jedem Fall ungewöhnlich und innovativ.

MILES DAVIS: „Saeta“ • Album: Sketches of Spain (1960) • 5:35

„Die ‚Saeta‘ ist ein andalusisches religiöses Lied, das bei den Prozessionen der Karwoche in Sevilla gesungen wird. In dieser Neubearbeitung steht die Trompete im Zentrum des Geschehens. Sobald der prozessionsartige und militärische Beginn verklungen ist, hält Miles einen herzlichen Monolog in einem rauen, traurigen Ton. In den Linernotes zu Sketches of Spain heißt es: ‚Gil hat die Straßenprozession nachgestellt, und Miles spielt die Rolle der Frau, die den ‚Pfeil des Liedes‘ zielt.‘ Durch Evans‘ Feder und das Spiel der Musiker werden die Geschichte und ihre feinen Details zum Leben erweckt.“ [6]

1958: ASCENSEUR POUR L’ECHAFAUD: „Générique“

Kreisen wir zeitlich noch ein wenig um das Album „Kind of Blue“. Ein Jahr zuvor erschien 1958 das Album „Ascenseur pour l’échafaud“, die Filmmusik zu „Fahrstuhl zum Schafott“ von Louis Malle. Die Entstehung dieses Soundtracks ist einzigartig: Miles verabredet sich mit vier Musikern im Studio, ohne mitzuteilen, um was es genau geht. Ein paar Akkordfolgen genügen sowie ein kurzer Abriss der Handlung des Films. Dann werden einzelne Filmszenen auf eine Leinwand projiziert und die Musiker improvisieren frei zu den Bildern. Die Aufnahmen seien, so heißt es, innerhalb von vier Stunden fertig gewesen. Die Musik ist eine Mischung aus Cool Jazz und einem Vorläufer des Modal Jazz.

MILES DAVIS: „Générique“ • Album: Ascenseur pour l’echafaud“ (1958) • 2:46

1949: BIRTH OF THE COOL: „Venus De Milo“

Widmete sich Miles Davis ein Jahr vor „Kind of Blue“ dem Genre der Filmmusik, so gehörte er bereits zehn Jahre vorher zu den maßgeblichen Begründern dieser neuen „coolen“ Spielart des Jazz, die sich als eine Art Gegenentwurf zu dem in den 1940ern vorherrschenden Bebop entwickelte. Dieser zeichnete sich durch ein sehr hohes Spieltempo und schnelle Harmoniewechsel aus und war damit das Gegenteil des tanzbaren Bigband-Swing-Jazz der Vorjahre.

Auch Miles begann in den frühen 1940er Jahren seine musikalische Laufbahn mit dem Bebob als Begleitung in der Band von Charlie Parker und Dizzy Gillespie, den beiden Top-Größen dieses modernen, künstlerisch anspruchsvollen Jazzstils.

Doch statt diese „halsbrecherische“ virtuose Spielweise des Bebop zu übernehmen und in eigenen Bands weiterzuentwickeln, schlug Miles einen neuen Weg ein. Seine Virtuosität auf der Trompete war eine andere. Nicht rasendes Spieltempo oder extrem hohe Töne zeichneten ihn aus, sondern seine introvertierte, zurückgenommene, atmosphärische Klangästhetik. Der Musikkritiker Jim Macnie schrieb im Rolling Stone:

Als Trompeter war Davis keineswegs virtuos, aber er kompensierte seine technischen Einschränkungen durch die Betonung seiner Stärken: sein Ohr für den Ensembleklang, eine einzigartige Phrasierung und ein unverwechselbar fragiler Ton. Er begann vom schnellen Bop abzurücken hin zu etwas mehr nach innen Gerichtetem.“ [7]

Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass niemals zuvor in der Jazzgeschichte das Phänomen der Einsamkeit in so eindringlicher Weise ausgelotet worden ist.“ (Michael James, Jazzkritiker) [8]

Miles Davis (etwa 1947) • Von William P. Gottlieb • Wikimedia Commons

Miles nahm bereits Ende der 1940er Jahre mit einem von ihm zusammengestellten Nonett die Stücke auf, die aber erst 1957 unter dem programmatischen Titel „Birth of the Cool“ veröffentlicht wurden. Manche Titel waren allerdings auch noch geprägt vom Geist des Bebop. An dem Album war auch Gil Evans maßgeblich beteiligt.

MILES DAVIS: „Venus De Milo“ • Album: Birth Of The Cool“ (1949) • 3:13

1971: A TRIBUTE TO JACK JOHNSON: „Right Off“

Machen wir einen gewaltigen Zeitsprung in die 1970er Jahre. Der Jazz dieser Zeit wurde maßgeblich beeinflusst von der überaus erfolgreichen Rockmusik. Miles bewunderte Jimi Hendrix, der ähnlich wie Bob Dylan die Richtung der zeitgenössischen Musik veränderte. Für Ende 1970 waren sogar gemeinsame Studioaufnahmen geplant, die jedoch durch den frühen Tod von Hendrix nicht mehr zustande kamen.

Bereits 1968 begann Miles damit, elektrische Instrumente wie Keyboards und E-Gitarre in seine Musik aufzunehmen. Die beiden bahnbrechenden Alben „In A Silent Way“ (1969) und „Bitches Brew“ (1970) begründeten den Durchbruch von Jazzrock/Fusion. „Bitches Brew“ verschaffte Miles einen kommerziellen Durchbruch. Das Album gilt als „Meilenstein der Musikgeschichte“. Für Hörer, die vom Rock der 1960er/1970er Jahre kommen, können diese beiden Alben von Miles Davis ein guter Einstieg in seine Musik sein.

An dieser Stelle soll jedoch ein anderes Album vorgestellt werden, das 1971 erschien.

„A Tribute to Jack Johnson“ ist eine Filmmusik über den ersten schwarzen Boxweltmeister im Schwergewicht Jack Johnson. Johnson war massiven rassistischen Diskriminierungen ausgesetzt, hielt ihnen aber unerschrocken stand und wurde somit zu einem Idol für die Schwarzen. [9]

Jack Johnson (right) fighting Tommy Burns for the World Heavyweight Championship in 1908 • Wikimedia Commons

Miles Davis schlug sich ebenfalls zeitlebens mit Diskriminierung herum, teils sogar in Form von körperlicher Gewalt und boxte sich nicht nur damit durchs Leben, sondern boxte auch privat. Von daher war er sofort bereit, Anfang der 1970er Jahre die Filmmusik für eine Verfilmung des Lebens des Boxers Jack Johnson einzuspielen.

Das Album enthält nur zwei Stücke, jeweils etwa 25 Minuten lang. Die Aufnahmen wurden nicht in eins durchgespielt und aufgezeichnet, sondern hinterher aus mehreren einzelnen Mitschnitten zusammenmontiert. Eine Technik, die schon bei den Vorgängeralben praktiziert wurde.

Als Musiker ist lediglich noch HERBIE HANCOCK aus den 1960ern dabei, jedoch spielt er hier Keyboards. Neben BILLY COBHAM am Schlagzeug ist es vor allem JOHN McLAUGHLIN, der die Musik dominiert. Sein Spiel auf der E-Gitarre ist rockig, hart und dreckig. Es ist erstaunlich, wie gut seine Gitarre zur Trompete von Miles passt, vor allem auf dem ersten Stück: „Right Off“.

„Right Off“ hat die gesamte Spielzeit über einen einfachen Boogie-Rhythmus, ein „primitiver, hypnotischer Rockpuls“. [10] Peter Wießmüller vergleicht in seinen Erläuterungen zu „Right Off“ auf faszinierende Weise die Musik mit einem Boxkampf:

John McLaughlins elegante, grazile Gitarrenfetzen tasten sich herausfordernd vor und zurück; mal die rhythmische Power, mal die emotionale Intensität des ‚Ringraums‘ nutzend, bezieht er sich organisch auf den Grundpuls des Kampfes. Dann legt der ‚Champion‘ mit strahlender Trompete los und verändert die Szene schlagartig: beißende Attacken wechseln mit schrillen High Notes wie fortwährende Links-rechts-Schlagkombinationen in glänzenden chromatischen Linien. Und alles wird vorgetragen in einem voluminösen, kraftstrotzenden Sound, der eine zynische Erhabenheit ausstrahlt.“ … „Dann kommt wie aus heiterem Himmel ein (filmtechnisch bedingter) Einschnitt: Im Harmon-Mute-Sound [Dämpfer der Trompete, Anm.] führt Miles ein Zwiegespräch mit sich selbst: er hört in sich hinein und pointiert seine Einsamkeit, nichts als die unendliche Verlorenheit seiner selbst; Miles zeigt Schlagwirkung – er taumelt." [10]

Miles Davis „The Man with the Horn“ • Von Peter Buitelaar • Wikimedia Commons

Doch genug gelesen, jetzt wird gehört:

MILES DAVIS: „Right Off“ • Album: A Tribute To Jack Johnson“ (1971) • 26:53

Besetzung: Miles Davis (Trompete) – Steve Grossmann (Sopransaxophon) – John McLaughlin (E-Gitarre) – Herbie Hancock (Keyboards) – Michael Henderson (Bass) – Billy Cobham (Schlagzeug) u.a.

1985: YOU’RE UNDER ARREST: „Time After Time“

Gehen wir nochmals 14 Jahre weiter. Nach einer ab 1975 fünfjährigen künstlerischen Pause wegen eines Unfalls, diverser Krankheiten und massiven Drogenkonsums startete er Anfang der 1980er Jahre ein Comeback. Er gab gefeierte Live-Konzerte und brachte Alben heraus, die sich nun auch Pop-Einflüssen öffneten. Auf dem 1985 erschienen Album „You’r Under Arrest“ covert Miles zwei bekannte Pop-Hits: „Human Nature“ von Michael Jackson und „Time After Time“ von Cindy Lauper.

MILES DAVIS: „Time After Time“ • Montreux 1988 • 7:33

Zugabe – die beiden großen Miles Davis Quintette

Die vorgestellten Musikbeispiele mögen als Einstieg in den Musikkosmos des Miles Davis genügen. Es wäre allerdings sträflich, würde man bei einem Streifzug durch die unterschiedlichen Musikstile von Miles seine beiden legendären Quintette übergehen. Sie haben jeweils auf ihre Weise „Musikgeschichte geschrieben“, sind jedoch nur bedingt als Einstieg in die Welt von Miles Davis zu empfehlen.

Das erste große Miles Davis Quintett existierte von 1955 bis 1958. Der herausragendste Musiker war ohne Frage der Tenorsaxophonist JOHN COLTRANE. Aber auch die anderen Mitglieder erlangten nach ihrer Arbeit mit Miles Berühmtheit:RED GARLAND (Klavier) – PAUL CHAMBERS (Bass) – PHILLY JOE JONES (Drums).

MILES DAVIS: „All of You“ • Album: „'Round About Midnight“ (1957) • 7:03

Das zweite noch berühmtere Quintett bestand von 1964 bis 1968. Die Musik war wesentlich komplexer, das Spieltempo bei Live-Auftritten oft atemberaubend schnell. Die Interaktion der Musiker untereinander mit ihren freien Improvisationen war prägend für den modalen Stil dieser Musik. Von Kritikern und Jazz-Puristen gefeiert, aber nicht leicht nachzuvollziehen für so manchen Jazzfan, der gerne weiterhin in der „angenehm entspannten“ musikalischen Atmosphäre von „Kind of Blue“ verbleiben wollte. Jetzt aber wurde er besonders bei Live-Konzerten mit einer komplexen, rhythmisch vertrackten, intellektuellen Musik konfrontiert, die leicht überfordernd wirken konnte.

Das Quintett bestand neben Miles als Bandleader aus WAYNE SHORTER (Tenorsaxophon und Komposition) – HERBIE HANCOCK (Klavier) – TONY WILLIAMS (Schlagzeug) – RON CARTER (Bass).

MILES DAVIS: „Round Midnight“ • Live In Sweden 1967 • 8:30

Miles Davis wurde am 26. Mai 1926 geboren. Herzlichen Glückwunsch zum 100. Geburtstag! Hoch soll er leben!

Nebenbei: Bob Dylan feiert zwei Tage zuvor, am 24. Mai 2026, seinen 85. Geburtstag. Lang noch soll er leben!

Trumpet WahWah Mute • Von Martin Röll • Wikimedia Commons

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Anmerkungen

[1] Dylan hat Miles Davis sehr geschätzt, vor allem wegen seiner „Coolness“ auf der Bühne, aber auch weil dieser immer wieder bereit war, Erwartungen des Publikums zu brechen. Miles Davis wiederum bewunderte Dylans Fähigkeit, sein Publikum zu fordern, sich nicht von Erwartungen beirren zu lassen und neue musikalische Wege zu gehen. [KI, Google Gemini]

[2] Quincy Jones, in: Carner, Gary (Hg): The Miles Davis Companion. Four Decades of Commentary. New York: Schirmer Books 1996 In: Wilson, Peter Niklas: Miles Davis – Sein Leben. Seine Musik. Seine Schallplatten. Oreos, Waakirchen 2001, S. 86

[3] Peter Niklas Wilson: Miles Davis: Sein Leben. Seine Musik. Seine Schallplatten. Verlag Oreos, S. 44. Auch zu finden in: wikipedia: Flamenco Sketches

[4] • „Kind of Blue“: https://de.wikipedia.org/wiki/Kind_of_Blue

• Modaler Jazz:

https://de.wikipedia.org/wiki/Modaler_Jazz

https://splice-com.translate.goog/sounds/packs/sunday-supply/modal-jazz-and-hip-hop/story?_x_tr_sl=en&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=rq

https://en-wikipedia-org.translate.goog/wiki/Modal_jazz?_x_tr_sl=en&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=rq

• KI, Google Gemini

[5] Joachim-Ernst Berendt: wikipedia: Miles Ahead, zit. nach Wießmüller, S. 114

[6] © Prestomusic, Classic Recordings, 17.10.2024 https://radiohoerer.info/prestomusic-jazz-klassiker-miles-davis-sketches-of-spain/

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Miles_Davis / Jim Macnie: Miles Davis – Biography In: Rolling Stone

[8] zitiert von Joachim-Ernst Berendt in der Zeitschrift TWEN, April 1960: „Meine 10 besten Platten“. Nachzulesen: https://www.waahr.de/texte/meine-10-besten-platten

[9] „Weiß-Amerika musste einen unverschämten schwarzen Mann zertrümmern, der seine weißen Söhne verpügelte, mit seinen weißen Töchtern schlief und ihm noch die Zunge rausstreckte.“ R. Lipsyte, zitiert in: Peter Wießmüller: Miles Davis: Sein Leben. Seine Musik. Seine Schallplatten. Verlag Oreos, S. 181

[10] Peter Wießmüller: Miles Davis: Sein Leben. Seine Musik. Seine Schallplatten. Verlag Oreos, S. 182

Literatur zu Miles Davis:

https://de.wikipedia.org/wiki/Miles_Davis

• Ausführliche Erläuterungen zu allen Jazzrock/Fusion-Alben von Miles Davis: https://www.jazzseite.at/Groove/Miles-Davis-Fusion.html

• Bernd Noglik zum 75. Geburtstag von Miles Davis – Jazz-Zeitung 2001/05 https://www.jazzzeitung.de/jazz/2001/05/dossier-miles.shtml

• Peter Niklas Wilson: Miles Davis. Sein Leben. Seine Musik. Seine Schallplatten. Oreos, Waakirchen 2001

• Peter Wießmüller: Miles Davis. Sein Leben. Seine Musik. Seine Schallplatten. Oreos, Waakirchen 1984 (2. Auflage 1988)

• Quincy Troupe: Miles Davis. Die Autobiographie. Hoffmann und Campe, Hamburg, 1990

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