In der Jüdischen Allgemeinen ist gestern ein bemerkenswerter Kommentar zum Verhalten von Itamar Ben-Gvir gegenüber den Aktivisten der Gaza-Flotille erschienen.
Kein Einzelfall
Er ist bemerkenswert, weil er Ben-Gvir nicht anklagt, weil er Menschen entwürdigt, sondern weil er dem Image von Israel schade. Und er zeigt ein größeres Muster: Dutzende Institutionen kritisieren seit vielen Jahren, spätestens aber seit Ende 2023, dass das Vorgehen Israels eher der Logik der Schädlingsbekämpfung ähnelt als dass es das humanitäre Völkerrecht achtet.
Das Muster
Was Ben-Gvir hier zeigt, ist alles andere als neu. Diese Art der völligen Entmenschlichung ist seit Jahren zentraler Bestandteil der Rhetorik und des Vorgehens in Gaza, in der Westbank und im Libanon. Das wird seit Jahren von unzähligen Organisationen dokumentiert, wird aber empört zurückgewiesen, ignoriert oder als antisemitisch diffamiert. Was aktuell anders ist, ist nicht das Verhalten, sondern dass sich diese Entwürdigung nun erstmalig gegen Europäer richtet, nicht gehen Palästinenser. Denn nun wird es zum PR-Problem.
Die Sprache
Dabei reproduziert dieser Kommentar den Duktus der Entwürdigung und Abfälligkeit, bereits im ersten Satz. Wer auf der Flottille mitfahre, sei ihr »zuwider«, schreibt die Kommentatorin, Mitleid habe sie »nicht mal im Ansatz«. Das ist dieselbe sprachliche Geste, die sie Ben-Gvir vorwirft, nur eine Stufe ziviler. Menschen werden vorab als unwürdig markiert, bevor über ihre Behandlung überhaupt gesprochen wird.
Das Bild
Auch die Bildsprache gehört dazu. Eine lächelnde junge Frau im Gegenlicht, weiches Porträt, persönliche Authentizität. Daneben ein Text über Demütigung und Gewalt. Die visuelle Botschaft ist ein fast schon schmerzhafter Gegensatz zur Unmenschlichkeit des Vorgangs. Das Bild passt zu einer Tourismus-Broschüre, nicht zu solcher Erniedrigung.
Humanitäres Völkerrecht
Es geht im Nahen Osten nicht um PR oder Image. Es geht um Menschenwürde und humanitäres Völkerrecht. Das kennt keine Kategorie »zuwider«. Es geht um Menschen mit Rechten, unabhängig davon, was sie tun oder denken oder wo sie herkommen.
Grenzen aus Reputation
Jetzt zieht man auf einmal Grenzen, die aber nur aus Sorge vor Verlust von Reputation, nicht zum Schutz der Menschenwürde. Ben-Gvir sei nicht zu weit gegangen, so der Kommentar, weil er Menschen entwürdigt hat. Er sei zu weit gegangen, weil er als »XXL-Plakat« gegen Israel verwendet werden könne. Die Sorge gilt dem eigenen Image. Nicht der Menschenwürde.
Zentralrat der Juden
Und dabei muss man wissen: Die JA ist nicht irgendeine Zeitung. Sie wird vom Zentralrat der Juden in Deutschland verlegt, der jährlich mit 22 Millionen Euro Steuergeldern finanziert wird. Mich machen diese Sprache und der Duktus, die Menschen erniedrigen, zutiefst betroffen. Vor allem, wenn sie aus einer Institution kommt, die für jüdisches Leben in Deutschland spricht. Gerade sie müsste es besser wissen.