Verreckt im Öffi-Lift

Die traurigste Meldung des Jahres 2014 wurde erst jetzt publik: Ein Mann ist am Stefanitag nach einem Herzinfarkt fünf Stunden lang in einem Aufzug der Wiener Linien gelegen. Überwachungskameras haben die Unmenschlichkeit jener Nacht aufgezeichnet. Personen, die achtlos über den Sterbenden drübersteigen.  Leute,die gar nichts mitbekommen, weil sie in den paar Sekunden Liftfahrt Nachrichten in ihre Smartphones tippen. Eine Frau, die den hilflos am Boden Liegenden sogar mit einem scheelen Blick streift. Aber niemand holte in der Nacht auf den 26. 12., von zwei Uhr morgens bis um sieben in der Früh, Hilfe. Da jagt es einem kalte Schauer über den Rücken.

Der Mann hat es nicht überlebt. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Eine Reinigungskraft der Frühschicht hatte ihn entdeckt und schließlich die Rettung gerufen. Was für ein bestürzender Tod. Qualvoll verreckt in einem Öffi-Lift der Millionenstadt Wien.

Was mag verhindert haben, dass jemand in dem Fahrstuhl der U-Bahn-Station Volkstheater die Situation richtig eingeschätzt hat?

Es sind immer dieselben Gedanken, die Zivilcourage verhindern. „Ich bin doch nicht blöd, mich in Gefahr zu begeben" zum Beispiel. Bei Schlägereien soll man schließlich nicht den Helden spielen (aber die Polizei rufen muss man trotzdem). „Hier kann man doch sowieso nichts machen" ist auch so ein Gedanke oder „Was geht mich der Scheiss an?" Vielleicht war der Mann im Lift ja obdachlos, vielleicht hat er gestunken, vielleicht war er betrunken („Selber schuld!";).

Dabei wäre es so einfach, das Richtige zu tun. Wir sollten es üben, üben, üben.

Wenn Eltern auf der Straße ihr Kind demütigen. Wenn ein Mann einer Frau Gewalt androht (natürlich auch umgekehrt). Wenn jemand in der Straßenbahn rassistische Bemerkungen von sich gibt. Da hab' ich jedesmal wieder Herzklopfen. Aber dann sage ich mir: Das ist jetzt wichtig, dass das nicht unwidersprochen bleibt, dass da nichts Schlimmeres passiert. Und dann fasse ich all meinen Mut zusammen und rede, oder frage, oder drohe an, die Polizei zu rufen.

Manchmal hilft es schon, sich in das Opfer hineinzuversetzen. Was wäre, wenn der Mann im Lift mein Vater gewesen wäre? Was wäre, wenn ich selbst einmal hilflos sein sollte und verzweifelt auf einen Menschen warte, der meine Not sieht?

Gehen wir alle Szenarien immer wieder in Gedanken durch. Üben wir, Mensch zu sein. Auch wenn die Situation nicht immer so eindeutig sein mag: Besser einmal zu viel helfen als einmal zu wenig.

Der Mann im Lift könnte noch leben. Und all die Leute, die zu ihm in den Lift gestiegen sind, hätten Helden des Alltags sein können.

Was für ein schöner Gedanke. Und was für ein verdammt mieses Gefühl, dass es anders gekommen ist.

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irmi

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Daniel Guttmann

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Johnny

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fischundfleisch

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WasMichBewegt

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Silvia Jelincic

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