Erzähl mir von Syrien, bat ich Aboud, der seit drei Wochen bei mir wohnt. Er legte sein Weizen-Pita, das er zuvor getoastet und mit Kathis Zucchini-Chutney gefüllt hatte, auf den Teller und sah mich an. In general? fragte er. Nein, erwiderte ich, sag mir, was du siehst, wenn du an dein Zuhause denkst.

Aboud versteht schon fast alles auf Deutsch, weil überall in der ganzen Wohnung, auf dem Kühlschrank, in der Bestecklade, auf dem Mistkübel, kleine farbige Post-its mit Vokabeln auf deutsch, arabisch und englisch picken. Zuhause- bait- home.

Angefangen hat alles am 26. März, da haben die Kämpfer des IS in seiner Stadt den Strom gekappt. Um zu kochen, musste die Familie Feuer auf dem Balkon ihrer Eigentumswohnung machen, das war zwar verboten, aber die einzige Möglichkeit, ein warmes Essen zuzubereiten. Ich war für das Holz zuständig, sagte Aboud und ich konnte mir plötzlich vorstellen, mit welchem Gefühl er 50 Kilo Brennholz in meine Wohnung geschleppt hatte. Dass er das Wiener Hochquellwasser immer so bedächtig aus der Leitung fließen lässt, verstehe ich jetzt auch. Denn mit einem Container Trinkwasser mussten Aboud, seine drei Brüder und die Eltern oft tagelang auskommen.

In der von Zypressen gesäumten Straße Hammud el Abid – was so viel wie „Komm her, kleiner Mohammed!“ heißt – postierten sich Ende März Soldaten der syrischen Armee, die Bewohner von El Kusur durften die Checkpoints nicht mehr passieren und waren in ihrem Viertel eingesperrt. Die Lebensmittelläden leerten sich. Bald mussten wir uns sieben Stunden für ein paar Fladen Chubz anstellen, das war, als wir die Hoffnung verloren haben, erzählte Aboud.

Er wollte sich nach Damaskus durchschlagen, um dort sein Studium fortzusetzen, setzte sich in den Bus, der Studenten an die Uni am andern Ende der Stadt brachte, fiel bei den Kontrollen nicht weiter auf, nahm ein Boot an die andere Seite des Flusses. Dort stoppten ihn ISIS-Truppen. Sie haben mich in Gefangenschaft genommen, ich dachte, entweder hacken sie dir den Kopf ab oder du kommst hier nie mehr raus.

Wie kann man ISIS-Kämpfer eigentlich von den Soldaten der syrischen Armee unterscheiden, wollte ich wissen. Er schmunzelte.Beide sind stolz auf ihre Waffen und haben Monsterbärte. Aber die ISIS-Männer tragen ihr Haar lang und wild und wollen mit El Echoa – Brüder – angesprochen werden. Ein Soldat der staatlichen Armee hat kurzgeschorenes Haar und mag es, wenn er mit Habib – mein Lieber – gegrüßt wird. Schießen, so Aboud, tun sie beide.

Er habe nur Glück gehabt, meinte er. Ebensogut hätte er ausgepeitscht werden können, aber ISIS ließ ihn seinen Weg in die Hauptstadt fortsetzen. Einen Monat lang war Aboud in Damaskus. „There was even more army“, sagt er, „I felt worse than before.“

Auch Abouds Familie musste die Straße des kleinen Mohammed schließlich verlassen und zog in den Westen des Landes, nach El Rakka, das noch nicht von ISIS besetzt ist. Dort sahen sie einander am Abend des 26. Juli das letzte Mal. Um 2.30 Uhr, am 27. Juli, verließ Aboud gemeinsam mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder (der jetzt in Holland ist und in einem Monat bereits Asylstatus bekommt) jene, die er am meisten liebt. Diesmal Richtung Türkei.

Im Wohnzimmer brannte in jener Nacht, in der keiner schlafen wollte, eine batteriebetriebene Lampe. Mama schaute zu, wie zwei ihrer Söhne das Wichtigste in eine Tasche packten. Es blieb nicht mehr viel zu sagen. Letzte Umarmungen. Seine Mutter zurücklassen, um eines Tages in Sicherheit zu leben, was für ein Schritt. Mama noch einmal Yom nennen. Yom ist ein alter syrischer Ausdruck und bedeutet „Oh, Mama!“

An dieser Stelle ist Abouds Stimme brüchig geworden. Er zeigt mir ein Foto von seiner Yom am Handy. Sie steht am Balkon ihres Hauses -  da, wo sie Feuer gemacht hatten - und trägt einen weißen Gesichtsschleier, ein geblümtes Oberteil und einen schwarzen Rock. Ihr Blick ist sehr ernst. Als Aboud mit seinem Bruder die Türkei erreichte, schrieb sie ihm auf Whatsapp: Allah uafaak – Möge Gott euch Glück bringen.

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