Es is scho mehr ois 10 Joahr her, ois i (domois no ois Lehrer) a Klasse in Englisch unterrichtet hob. Mei Unterrichtsschema woa fost in jeder Klass es gleiche. Vo Montog bis Donnerstog vuigas und wenns brav und fleißig woan, hot ma am Freitag a wengl entspannter raugeh kennan. Do is schomoi passiert, dass ma afoch a gaunze Stund laung trotscht hom. Am Aufaung no auf Englisch, owa noch a boa Minuten scheißt eh jeder drauf und red wieda auf Deitsch. Jo mei, so is des hoit. I hob diese Stunden immer geliebt, weu ma afoch total vü erfoahrn hot und den Schülern a sehr vü fias Lem mitgem hot kennan.

So woas a domois, in ana Klass wo die meisten scho 18 Joahr oid woan.

Irgendwie samma aufs Thema „Wos is der schönste Tod?“ kumman. Keine Ahnung warum, owa es woa interessant. Wir hom si übrigens drauf geeinigt, dass am schensten is, wenn ma iagandwo owefliagt – wengan Adrenalin is ma nämlich vorm Aufprall scho bewusstlos und griagt sozusong nix vom Verrecken mit.

Natialich homma a die schlimmsten Tode besprechen kennan, do woa des Thema Krebs gaunz weit vurn, wo i einiges vo mein Großvoda seinem Leidensweg erzöhn hob kennan.

Bis i eana erklärt hob, wos da schlimmste Tod sei muas – und daun hob i eana vom AIDS Tod ana meiner besten Freind, vom Roman (hob drüber schomoi an Blog gepostet fois eich erinnerts) dazöht.

Ma hot richtig gsehng, wie einige Schüler teuweise kasweis woan san. Logisch, is a richtig hoates Thema wos an sehr nahe geht.

In da letzten Reihe is da Tobias ghuckt, a ziemlich ruhiger Bursch mit an komischen Kleidungsstil. Des woa da sogenannte „Emo Look“, wobei zu eam olle Grufti gsogd hom. Er woa a stiller Kerl, hot nur per Aufforderung gsprochn und woa eigantlich a Einzelgänger. Weng seiner äußerlichen Erscheinung is er oft vo die aundan Schüler vaorscht woan – bis i da Englisch Lehrer woan bin, bei mir hots ka Mobbing gem, do hot sis sunst jeder Schüler mit mir vaschissen!

Jedenfois woa da Tobias bei dem Thema sehr aufmerksam und hot einige Fragen gstöt wie des ois mitn Roman woa. Woa a nette Konversation, so makaber des Thema auch woa und die Klasse woa sehr interessiert. Umso besser, ma wü jo ned, dass eana des gleiche passiert.

Die Stund woa aus und die Schüler san aussegrennt um ane zu rauchen. I hob meine Sochn zaumpockt und woa geistig scho in da Vorbereitung fia die nächste Stunde in ana aundan Klass, ois da Tobias auf amoi vor mir gstaundn is und mit mir reden wuitat. Wir woan allanig in da Klass, oiso wirds wos ernstes sei. I kau mi heite no erinnern, dass ma jedes anzelne Hoa am Körper aufgstöt hob, weu i scho befürchtet hob wos da Grund fia die Unterhoitung sei wird.

„Herr Professor, i hob Angst. A Freund vo mir is nämlich HIV Positiv.“

I: „Seit waun was er davo?“

„Seit drei Tagen, er is total fertig mit die Nerven und glaubt, dass er sterben muss.“

I: „Des is echt scheiße, owa  i kau die beruhigen. Natialich is die Diagnose schrecklich, owa mittlerweule gibts super Methoden um die Krankheit einzudämmen und somit ka AIDS zu griang. Des haßt, ma muas desweng ned sterben.“

„San sa sich do sicher?“

I: „Jo Tobias, i kau da nochher gern einige Unterlagen dazua ausm Netz zaumsuachn und dir mitgem wennst wüsd. Daun kaunst es deinem Bekaunnten weiterleiten. Hot sei Partner oder Partnerin scho an HIV Test gmocht?“

„Na, i trau mi ned.“ – glei danoch hot a mi gaunz geschockt augschaut, die Augn san immer größer woan und ma hot die Panik in eam hochsickern gsehng. Er hot si grod unobsichtlich mir gegenüber geoutet und soweit i informiert bin, hot des domois niemand gwusst.

I: „Ka Aungst Tobias, i sog nix weida, des bleibt unser Geheimnis. Owa tua ma bitte an Gfoin – geh so schnö wie möglich zu an Orzt und loss di untersuachn. Bitte! Sicher is sicher.“

Am Montog drauf woa i wieder in da Klass, owa da Tobias woa ned do. An dem Tog is a zum Orzt gaungan, hot er mir am nächsten Tog anvertraut. Danoch hot ma moi abwarten miasn, des Ergebnis vom Test hot si nämlich zaht.

A boa Wochn späda woas traurige Gewissheit. Er woa HIV Positiv und is nervlich komplett hinig gwen.

Wos mochst in suichen Fällen? Echt schwierige Situation. I woa fia eam vo Aufaung au do und hob eam immer zuaghuacht, hob eam gfrogt wies eam gsundheitlich geht und eam versichert, dass er jederzeit daham bleim kau waun a wü, er griegt den Lernstoff ohne Probleme hamgschickt.

Olladings is des mit seina HIV Diagnose unter uns bliem, ka aundara Schüler und ka aundara Lehrer hot davo gwusst. Nur wir zwa.

Des Schuljoahr ging weiter und es woa scho im Juni, ois i wieder moi in die besagte Klasse gaungan bin und die Aunwesenheit moi kontrolliert hob. Da Tobias woa ned do. I: „Is da Tobias daham?“

„Na, der is seit ana hoibn Stund am Heisl und plärrt wie a klans Kind, owa er wü si ned höfn lossn.“

I was no gaunz genau, dass i in meina Bewegung erstarrt bin und a wengl a Aungst griagt hob. Des woa ka guads Zeichn. In so ana Situation muast ois Lehrer olladings ruhig bleim.

Oiso hob i den Schülern gach a 0815 Aufgob gem, de sowieso nur halbherzig gmocht woan warad und bin zum Männerklo gaungan.

Und do is er am Boden gleng.

Komplett verplärrt, grissn wie wenn er an Entzug hätt und er hot fost ka Luft mehr griagt. I bin zu eam higaungan, hob eam aufgsetzt, augschaut und gfrogt wos los is.

„Mein Freund is grade gestorben.“ – es woa wie a Schlog in die Mogngruam. So vü hob i mit eam üwa des Thema gredet, so vüle Infos hob i eam gem, dass mi am Schluss a richtig troffn und augfühlt hot, ois warad a Freind vo mir gstoam. I woa echt fia a boa Sekunden mit mein Latein am Ende, hob mi daun owa zaumreißn miasn.

I hob eam getröstet und bin ungefähr 10 Minuten am Heislbodn mit eam ghuckt. Daun woa er endlich so weit, dass er aufsteht und mit aussegeht. I hob eam zum Direktor einebrocht und dem Chef gsogd, dass a Familienmitglied gstoam is. Danoch homma gschaut, dass eam wer obhuit. Er hot untn gwoat, i bin auffegrennt, hob da Klass die gleiche Begründung gsogd, seine Sochn zaumpockt und eam owebrocht.

An Tog späda hot da Direktor vo seinem Gesundheitszustand erfoahrn. Er is fias restliche Schuljoahr (woa eh neama laung) freigstellt woan.

Danoch hob i den Tobias nie wieder gsehng. Er hot si vo da Schui obgmödet.

Vor a boa Joahr, i bin mittlerweule wieder zruck aufn Bau gaungan, woa i grod am Gerüst und mei Handy hot gläutet. Die Nummer hob i sofuat kennt, es woa da Direktor vo da oidn Schui. Mit ana ois aundaren ois guadn Nochricht.

Da Tobias is gstoam. Lungenentzündung, a Folge seiner HIV Erkrankung de zu AIDS geführt hot.

Es woa wie wenn ma wer den Boden unter die Fiaß weggazong hot. Ned scho wieder. Schowieder diese scheiß Kraunkheit! Scho wieder a junges Leben vü zu schnö beendet!

I hob mei Handy eigsteckt, mit die Tränan kämpft, Chef augruafn und gsogd, dass i a boa Tog frei brauch. Ohne große Erklärungen hob i mi aufglegt, mi umdraht und bin hamgfoahrn. Oaweitn woa neama meglich, ka Chance.

Es woa a Wunsch vom Tobias, dass i vo seinem Ableben erfoahr und er wuitat, dass i bei seinem Begräbnis a Rede hoit.

A Begräbnis is niemois sche, es is immer schlimm. Owa am schlimmsten is, wenn junge Menschen beerdigt werden. So a beim Tobias.

Es woa ned ausgmocht, owa jeder anzelne vo seiner ehemaligen Klasse is zum Begräbnis kumman. Genauso wie jeder anzelne Lehrer der eam domois unterrichtet hot. Des woa scho iagandwie a „schönes“ Gefühl, so pervers des klingan mog.

Da Direktor hot die Lesung ghoitn, die Lehrer hom Fürbitten glesen und beim Auszug aus da Kirche is „Tears In Heaven“ gspüt woan. Jeder hot plärrt. Danoch is da Sarg zum Grab getragen woan und genau duatn, beim offenen Grab, hob i mi neben seinem Sarg higstöt und a Rede ghoitn. I hob ma üwahaupt nix zaumgschriem, ka anziges Wort, sundan mi afoch nur higstöt und meinen Gefühlen und Erinnerungen freien Lauf lossn. Aungeblich woas a sehr bewegende Rede. Mei letzter Sotz woa a Aufforderung an alle, dass die Augen zuamochn und aun a gemeinsame Erinnerung mitn Tobias denken. Es woa fia a hoibe Minute wirklich totenstill am Friedhof und jeder hot die Augen zuaghobt. Danoch is da Sarg ins Grab glegt woan.

Und wieder hot die Krankheit AIDS a Menschenleben vü zu sehr vo uns genommen, Schmerz und Kummer üwa Familie und Bekannte gebrocht. A Krankheit, de ma mittlerweile seit mehr ois 30 Jahren kennt und no immer ned heilen kann.

I bin ka Verschwörungstheoretiker, owa do is eindeitig wos faul. Hoffantlich gibt’s irgendwaun den Durchbruch und a Heilmittel fia AIDS erscheint, und des sui si a jeder leisten kennan. I hoff, dass i des no zu meinen Lebzeiten erlebe.

Die Todesopfer mocht des leider neama lebendig, owa i glaub es wird a Genugtuung fia eana sei.

Ruhe in Frieden Tobias

Ruhe in Frieden Roman

Ruhe in Frieden – an jedes einzelne Todesopfer von AIDS!

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