Polyandrie-Debatte: China demokratischer als Rest der Welt ?

Wir sind es ja gewohnt, im Glauben zu leben, dass "wir" die Besten sind, dass unser Land oder unser Kontinent oder unsere Kultur die demokratischste und beste ist, und dass andere Länder und Kulturen, z.B. China, besonders undemokratisch und autoritär und diktatorisch und repressiv und was-weiss-ich-noch-was seien.

Aber es gibt auch Argumente dafür, dass es andersrum sein könnte.

Unter asymmetrischer Polyandrie (Vielmännerei) versteht man die Ehe einer Frau mit mehreren Männern (bzw. die Beziehung einer Frau mit mehreren Männern) bei gleichzeitigem Verbot der Polygynie (der Ehe bzw. Beziehung eines Mannes mit mehreren Frauen).

Das Land, in dem es derzeit die intensivste, offenste und tiefgehendste Debatte rund um die Frage, ob Polyandrie eingeführt werden sollte gibt, ist ausgerechnet das Land, das wir traditionellerweise als despotisch, repressiv, diktatorisch, etc. zu betrachten gewohnt sind.

Der Hintergrund der Polyandriedebatte in China ist der Männerüberschuss in China, den sich dieses Land durch die Ein-Kind-Politik eingehandelt hat; und die vielen depressiven ("überschüssigen" ) Männer, die wegen des Männerüberschusses keine Frau finden können, die sogenannten "verdorrten Äste".

Polyandrie wäre in christlichen oder in islamischen Ländern total gesetzwidrig und verboten, und auch die pure Debatte darüber ist in christlichen und islamischen Ländern gefährlich, denn die Gefahr, dass man als "Deliktvorbereiter", als "Aufstacheler", als "Beitragstäter" gewertet wird (nur für die Diskussion !), ist in christlichen und islamischen Ländern groß.

Und eben wegen der Angst, als Gesetzesbrecher eingestuft zu werden, finden Polyandriedebatten in christlichen und islamischen Ländern nicht statt, und das, obwohl es in vielen christlichen und islamischen Ländern genau dieselbe Konstellation gibt wie in China: nämlich einen Überschuss an Männern im Alter zwischen 18 und 40.

In den sogenannten christlichen und islamischen Ländern nimmt man offensichtlich lieber ein Ansteigen der Vergewaltigungsrate wegen des Männerüberschusses bzw. des Überschusses an unverheirateten Männern im Vergleich zu unverheirateten Frauen in Kauf, statt Polyandrie als Lösungsmöglichkeit auch nur zu diskutieren.

China ist ein Land, das nicht durch religiöse Zwänge daran gehindert wird, derartige kontroversielle Fragen offen zu diskutieren.

Und China ist hier wie in anderen Fragen, beispielsweise der Ein-Kind-Politik und der rekordmäßig schnellen Senkung der Geburtenrate vielleicht ein Wegbereiter für die Welt, ein Land, das neue Wege aufzeigt, die sonst niemand oder fast niemand geht.

Neben China wäre hier noch Taiwan zu erwähnen: Taiwan ist ein demokratisches land, mit Parlamentarismus, Parteienvielfalt, etc.

Aber auch Taiwan hat im Laufe seiner Geschichte demokratisch Massnahmen beschlossen zur Bekämpfung der Überbevölkerung, die bei uns unmöglich wären, wie zum Beispiel das Gebär-Verbot für unter 35-jährige Frauen in den 1970er Jahren.

Was ich damit sagen will: wir sollten uns hüten vor kultureller Überheblichkeit, wir sollten uns hüten vor Eurozentrismus, wir sollten uns davor hüten, uns selbst immer für das Beste der Welt zu halten.

Rein historisch kann man auch die babylonische Tempelprostitution in der Zeit vor Christus als eine Form der Polyandrie betrachten:

der Männerüberschuss in Babylon zwischen 2000 vor Christus und ca. 150 vor Christus ergab sich dadurch, dass Babylon die damals größte Stadt und das weltweit wichtigste Handelszentrum war. Die Händler, die mit den Karawanen kamen, waren Männer, die natürlich auch sexuelle Bedürfnisse hatten.

Scheinbar, um die Vergewaltigungen und vergewaltigungsbedingten Morde und Auseinandersetzungen in den Griff zu bekommen, entschieden sich die Mächtigen in der damaligen Stadt dazu, eine religiöse Tempelprostitutionspflicht für alle Frauen Babylons einzuführen.

Die starke Ablehnung babylonischer Praktiken in der Bibel (die sogenannte "Hure Babylon" ) ist offensichtlich einer der Gründe, warum eine in China ganz normale Polyandriedebatte in christlichen Kulturen nicht stattfinden kann.

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