Der Mord an Patrice Lumumba, dem ersten demokratisch gewählten Premierminister des unabhängigen Kongo, gehört zu den dunkelsten Kapiteln der europäischen Kolonialgeschichte. Lumumba wurde am 17. Januar 1961 in der abtrünnigen Provinz Katanga ermordet – ein politisches Attentat, das von kongolesischen Separatisten, westlichen Geheimdiensten und belgischen Akteuren unterstützt wurde. Seine Ermordung erschütterte damals nicht nur den Kongo, sondern die gesamte afrikanische Unabhängigkeitsbewegung. Für viele Staaten wurde Lumumba zum Symbol des Widerstands gegen koloniale Unterdrückung und ausländische Einflussnahme.
65 Jahre später holt die Geschichte die Verantwortlichen ein. In Belgien muss sich nun der letzte noch lebende mutmaßlich Beteiligte, der frühere EU-Kommissar und Diplomat Étienne Davignon, vor Gericht verantworten. Die belgische Justiz hat entschieden, dass der heute 93‑Jährige sich einem Strafprozess stellen muss, weil er mutmaßlich eine tragende Rolle bei der Entführung und Überstellung Lumumbas gespielt hat, die letztlich zu dessen Ermordung führte.
Dass ein so hochrangiger Politiker – Jahrzehnte später – noch vor Gericht steht, ist ein politisches Erdbeben in Belgien. Es zeigt, dass Mord, insbesondere politisch motivierter Mord und Kriegsverbrechen, niemals verjähren. Die Anklage gegen Davignon umfasst Beihilfe zu Kriegsverbrechen, unrechtmäßige Freiheitsberaubung und die Verletzung grundlegender Menschenrechte.
Dieser Prozess hat eine enorme symbolische Bedeutung. Er sendet ein klares Signal an all jene, die glauben, sie könnten Kriegsverbrechen, Folter, politische Morde oder systematische Unterdrückung begehen und sich anschließend in Sicherheit wiegen: Die Welt vergisst nicht. Die internationale Strafjustiz – allen voran der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag – wartet.
Für Täter bedeutet das ein Leben in ständiger Unsicherheit. Ihre Bewegungsfreiheit ist massiv eingeschränkt, denn viele Staaten würden sie bei Einreise sofort festnehmen. Sie müssen jederzeit damit rechnen, dass ein Haftbefehl vollstreckt wird – selbst im hohen Alter. Der Fall Davignon zeigt eindrucksvoll, dass selbst politische Macht, internationale Netzwerke oder vergangene Karrieren keinen Schutz bieten, wenn es um Verbrechen gegen die Menschlichkeit geht.
Der Prozess ist daher nicht nur ein spätes Stück Gerechtigkeit für Patrice Lumumba und sein Volk, sondern auch eine Warnung an alle heutigen Kriegsverbrecher – ob in Afrika, Europa, Asien oder anderswo. Die Botschaft lautet: Wer mordet, wer foltert, wer Völker unterdrückt, wird sich früher oder später verantworten müssen. Mord verjährt nicht.