"Gut gemeint ist oft das Gegenteil von Gut getan", meinte schon Johann Wolfgang von Goethe.

Dasselbe könnte wohl zutreffen, wenn man die verschiedenen Aktionen von politisch korrekten Akteuren und Akteurinnen zu "True Fruits" betrachtet.

"True Fruits" ist eine Lebensmittelfirma, die mit provokativen Werbelinien auf sich aufmerksam machte, wie z.B. "Unser Quotenschwarzer" für Schwarztee. "Abgefüllt und Mitgenommen", "Sommer, wann feierst Du endlich Dein Cumback?"

Wegen angeblichem Sexismus, Rassismus und Behindertenfeindlichkeit folgten die erwartbaren und vielleicht beabsichtigten Proteste und Boykotte gegen True Fruits.

Allerdings ist True Fruits eine klitzekleine Firma, für die wegen der Medienwirksamkeit des "Boykotts" derselbe eine bekanntheitsgrad-erhöhende und umsatzfördernde Wirkung haben könnte.

Wenn ein Gigant des Lebensmittelsektors wie Rewe oder Red Bull eine derartige Kampagne fahren würde, dann würde ein solcher Boykott diesem wahrscheinlich schaden.

Aber bei True Fruits dürfte es wegen der Kleinheit genau umgekehrt sein.

Die Strategie in der Wirtschaft ist in etwa dieselbe wie in der Politik oder den Medien: um den Bekanntheitgrad zu erhöhen, bezieht man in Jugendjahren radikale Positionen, die man relativiert und mäßigt, wenn die Bekanntheit den erwünschten Wert erreicht hat.

Die politisch-korrekten Boykotteure können sich im Falle von True Fruits wahrscheinlich das streitbare Verdienst anrechnen, Gratis-Werbung für die boykottierte Firma gemacht zu haben und so zu "nützlichen Idioten" (copyright Lenin) von True Fruits geworden zu sein.

https://utopia.de/anti-true-fruits-challenge-charlotte-roche-supermaerkte-instagram-155371/

Der Fall des wahrscheinlich kontraproduktiven Boykotts gegen True Fruits ist wohl auch einer der Fälle des Auseinanderklaffens von "Gesinnungsethik" und "Verantwortungsethik" im Sinne Max Webers.

Der Gesinnungsethik reicht es, den Gleichgesinnten die "korrekte" Gesinnung demonstrieren zu können und nicht über den wirklichen Effekt nachdenken zu müssen. Hingegen die Verantwortungsethik läuft andersrum: sie fragt nicht nach der eigenen Gesinnung, sondern nach dem wirklichen Effekt.

https://de.wikipedia.org/wiki/True_fruits

Mich erinnert die ganze Geschichte immer an Jörg Haiders Ausgrenzungsbettelei.

Die oft überzogenen Reaktionen mit Rot oder Grün sympathisierender Journalisten und -innen trugen wahrscheinlich bei zum massiven Aufstieg der FPÖ in der Haider-Ära von 1986 bis 2001. Auch die Haider-FPÖ startete als (politisches) Kleinunternehmen mit 3 oder 4% und wurde wohl auch durch Provokation, Ausgrenzungsbettelei und Ähnliches zur Großpartei mit 27%. Jörg Haider sagte einmal in einem Interview (ich glaube, es war FORMAT) auf die Frage, was er seinen Gegnern ins Stammbuch schreiben würde: "Gar nichts, weil die lernen´s sowieso nie ...... oder doch: Bleibt so, wie Ihr seid; Ihr habt uns genutzt, Danke, Euer Jörg". Und ähnliches würden die True Fruits-Leute wohl auch denken. Ähnlich denken wohl auch die Werbungs-Jurys, die True Fruits Preise für ihre Werbestrategien verleihen.

Da es sich bei True Fruits um reine Werbung ohne inhaltliche und argumentative Tiefe handelt, besteht wohl eher nicht die Gefahr, dadurch dem Rassismus, Sexismus und sonstigen politisch unkorrekten Haltungen neue Anhänger zuzutreiben, sodass die Aufregung unter den "politisch korrekten" Boykotteuren ungerechtfertigt erscheint.

https://www.noz.de/deutschland-welt/vermischtes/artikel/1843939/true-fruits-sexistische-werbung-mit-penis-sorgt-fuer-aerger

https://www.instagram.com/p/Bt1OG3dl-30/?utm_source=ig_embed

https://www.ruhr24.de/welt/true-fruits-penis-werbung-sorgt-shitstorm-sexismus-13156749.html

https://kurier.at/leben/aufregung-um-provokante-true-fruits-werbekampagne-der-trump-unter-den-smoothies/400579919

Seltsam auch irgendwie, dass eine Autorin wie Charlotte Roche, die mit ähnlichen Provokationsspielchen Bekanntheit erlangte, von der boykottierten, provokanten und politisch unkorrekten Seite nun auf die boykottierende, sich provozieren-lassende und politisch korrekte Seite gewechselt ist. Alles nur ein Medienspiel ohne Gesinnung und Inhalt, in der der Kontext und der beabsichtigte mediale Bekanntheits- und Erscheinenseffekt alles bestimmt und die sogenannte "Haltung" nur hohle Pose mit irgendwelchen anderen, intransparenten und heimlichen Hintergedanken ist ?

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Roland von Gilead

Roland von Gilead bewertete diesen Eintrag 07.12.2019 18:00:30

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