Je weniger du weißt, desto fester glaubst du daran
Wenn du in "Fisch und Fleisch" liest kann es passieren, daß dir aus dem Rechner die Wahrheit oder auch das Gegenteil entgegenlächelt. "Je länger ein historisches Ereignis zurückliegt, desto eher werden Tatsachen durch Meinungen ersetzt."
Ich mache eher die umgekehrte Beobachtung. Nimm an, ich käme heutzutage mit einem Bogen Papier vom Berg zurück und würde behaupten, auf diesem Papier habe mir Gott eine wichtige Botschaft notiert. Man würde mich höchstwahrscheinlich für einen durchgeknallten Spinner halten. Dabei ist meine Geschichte sehr gut dokumentiert, x Kameras haben mich gefilmt, wie ich vom Berg zurückkomme, man kann das Papier und die Schrift darauf analysieren, ich stehe für Interviews und Talkshows zur Verfügung, in denen mich jeder befragen und meine Darlegungen auf innere und äußere Glaubwürdigkeit abklopfen könnte.
Je älter eine solche Geschichte dagegen ist, je weniger gut sie dokumentiert ist, umso glaubwürdiger wird sie. Nimm die uralte Geschichte von Moses und dem Sinai, die uns überliefert ist von einem, der einen gekannt, welcher der Schwager eines guten Bekannten war, der wiederum der Ur-ur-ur-ur-Enkel von Moses gewesen sein soll... Sie wird ernst genommen als enthielte sie... äh,... Gottes Wort.
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Danke!
Und je öfter schon irgendwelche Leute an dieser alten Geschichte herum geändert haben für desto authentischer gilt sie. Man deutelt frohgemut an jedem Buchstaben des Textes, der, wie gesagt, bekanntermaßen x-mal redigiert worden ist. Theologie ist über ganz weite Strecken eine Gerüchtologie.
Die Bibel ist unmittelbar Gottes Wort, sie ist vom HErrn den menschlichen Autoren direkt in die Feder diktiert worden. - Woher weißt du das? - So steht's doch in der Bibel selbst, die ihrerseits Gottes Wort ist. Okay, ein bisserl interpretieren muß man schon...
Es gibt nichts Leichtgläubigeres als einen klugen Menschen, der glauben will, weil er sich dann besser fühlt. Der Mensch muß sich die Welt erklären, anders erträgt er sie nicht, anders kann er nicht in dieser Welt leben. Jede Theorie - buchstäblich und wortwörtlich: jede - ist besser als keine Theorie. Religionsstifter und Philosophen haben das erkannt und die Marktlücke mit Sinn gefüllt.
Ende der siebziger Jahre bin ich auf der Autobahn in Regensburg nach Norden gefahren. Das Autoradio war eingeschaltet und ich hörte gerade Nachrichten auf einem UKW-Sender des Bayerischen Rundfunks. Dann kam der Pfaffensteiner Tunnel und so ganz allmählich wurde der Empfang immer schlechter, bis schließlich im Inneren der Tunnelröhre überhaupt nichts mehr zu hören war.
Als die Ausfahrt näher kam, setzte das Programm wieder ein. Musik erst und dann sprach einer über die Musik - auf Polnisch! Kein Sprechgesang, sondern eine ganz normale Ansage, wie vor jeder Sendung, nur eben diesmal auf Polnisch.
Innerhalb von Sekunden hatte ich mir eine Theorie zurechtgelegt; daß nämlich bei bestimmten Wetterlagen Überreichweiten bei UKW-Sendern auftreten könnten (das ist tatsächlich so), daß ferner topographische Besonderheiten an der Nordseite des Berges diese Überreichweiten verstärken würden, so daß jetzt eben grade ein polnischer Sender in hervorragender Qualität zu empfangen sei.
Damit war ich vorerst zufrieden und fing an, mich wieder zu entspannen, als der seinerzeit wohlbekannte Moderator Ado Schlier vom Bayerischen Rundfunk seine Stimme erhob und kundtat, es folge nun, in einer Übernahme vom polnischen Rundfunk, die Übertragung eines Jazzfestivals aus Zoppot.
Ach so, so einfach.
Schade um meine schöne Theorie, sie wäre soviel hypscher gewesen.