Der allabendliche Mottenüberfall

Warum sind Motten so wild darauf, in meiner Wohnung Selbstmord zu begehen? Bevor ich, stellvertretend für alle Leidensgenossen, auf die Suche nach einer Erklärung gehe, will ich einige aktuelle Erlebnisse schildern.

Gleich vorweg: Jeder liebt Schmetterlinge. Ihre Nachtversion aber, die Nachtfalter alias Motten, verhalten sich zu Schmetterlingen ungefähr so, wie Orks zu Elben. Ich finde sie eklig.

Natürlich, auch Männer umschwirren mich wie die Motten das Licht. Der Vorteil von Männern aber: Sie kommen in der Regel nicht durchs Fenster. Obwohl ich las, in manchen südlichen Gegenden sei das üblich. Ein weiterer Vorteil: Aufgrund angeborenen Konkurrenzverhaltens treten sie in der Regel einzeln auf. Nicht so die Motten.

Trotz abgedunkelter Lampe (habe mir extra einen Papierschirm dafür gebastelt), überfallen sie mich jeden Abend. Also im Sommer, wo man abends halt das Fenster auf hat.

Bevor sie in der Nähe der Lichtquellen komplett durchdrehen und mit ungezügeltem Eifer mit dem Kopf gegen Wände fliegen, torkeln sie erst mal durch den kompletten Raum, verfangen sich in meinen Haaren, stürzen ab, starten wieder, krabbeln hier und da herum, und versammeln sich dann schließlich um die Lichtquelle, wo sie hörbar immer wieder gegen die Wand oder die Birne selber knallen.

Eine besonders lebensmüde Motte fiel kürzlich in meinen Toaster. Wohlgemerkt, als er in Betrieb war. Den Toast hatte ich natürlich weggeschmissen, aber ein paar Tage lang erwog ich auch, mir einen neuen Toaster zuzulegen. Na gut, Ekel verfliegt genau wie Schmerz. Seit einiger Zeit toaste ich wieder.

Am Morgen danach ist der Ekel aber wieder da: In nahezu sämtlichen zum Einweichen mit Wasser befüllten Behältnissen (Töpfe, Tassen, Gläser) findet sich wenigstens eine Motte. Tot. Ertrunken? Warum können die nicht draußen Selbstmord begehen?

Es tröstet, wenn man eine sachliche Erklärung findet!

Dachte ich zumindest und forschte nach. Es gibt bislang nur Theorien zum Verhalten der Motten, aber eine erschien mir besonders einleuchtend: Motten orientieren sich als nachtaktive Wesen am Mond oder besonders hellen Sternen. Diese stehen fix am Himmel, das bedeutet, wenn man den Winkel zu ihnen beibehält, fliegt man geradeaus. Dadurch, daß diese Lichtobjekte so weit weg sind, verändert sich der Winkel innerhalb irdischer Ausmaße nicht.

Wenn da nur diese verflixten von Menschen ersonnenen Lampen nicht wären. Die sind nämlich nicht weit weg. Folge: Die Insekten versuchen, den Winkel zur Lichtquelle aufrecht zu erhalten, und geraten so auf eine Todesspirale, die schließlich direkt in der Lichtquelle mündet. Dort macht es Aua, was aber nichts am Verhalten ändert. Das Aua ist kurz, die Gene und Instinkte aber Millionen Jahre alt.

Kommt noch dazu, daß das grelle Licht die nachtaktiven Wesen vermutlich blendet, und auch dadurch orientierungslos macht. Der ständig angestoßene Kopf kann auch nicht ohne Folgen bleiben. Also drehen sie durch, stürzen immer wieder ab. Starten wieder, stürzen ab, starten wieder, es sei denn, sie landeten in einem Wasserbehältnis. Da gelingt der Start nicht mehr und sie ersaufen.

Und so ist also jeden Morgen meine Wohnung und vor allem die Gläser und Töpfe voller toter Motten. Als Trost für die Tierschützer unter Euch: Im Falterstadium haben die Motten eh nur eine sehr kurze Lebensdauer. Es geht eigentlich nur um Sex, und dann sterben. Wenn nur die Liebe zum Licht nicht noch größer wäre ...

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