Ich möchte hier über einen Heimatfilm der speziellen Sorte referieren. Nein, kein 70er Jahre Lederhosenporno, auch kein Förster im Silberwald, sondern ein moderner Heimatfilm, anspruchsvoll bzw. zumindest mit dem Anspruch auf Anspruch: Hierankl.

Der Plot (Achtung Spoiler):

Schauplatz des Geschehens ist keine Alm, sondern ein einsam am Rande der Alpen gelegenes Gehöft, genannt "Hierankl".

Hauptfigur ist die ständig zwischen Depression und naiver Lebenslust oszillierende Tochter des Hauses. Einst verließ sie im Streit das Elternhaus und brach jeden Kontakt ab. Jetzt glaubt sie erkannt zu haben, daß Familie das Einzige ist, außer Sex und Action, was dem Leben Sinn verleihen kann, und kehrt pünktlich zum 60. Geburtstag ihres Vaters zurück. Die sympathische Darstellerin dieser Figur (Johanna Wokalek) war es auch, die mich in den Film zog und dranbleiben ließ, als es immer absurder wurde.

Auf Hierankl leben: Der Vater, die Mutter, der Sohn/Bruder und dessen bester Freund. Der Vater hat eine junge Geliebte, die er regelmäßig in der Stadt besucht. Was ein offenes Geheimnis ist, über das aber niemand spricht. Soweit, so normal.

Gleichzeitig hat aber auch die Mutter einen jungen Geliebten, und zwar ausgerechnet den aus nicht näher erläuterten Gründen ebenfalls auf dem Hof wohnenden besten Freund ihres Sohnes. Was zumindest dem Vater bewußt ist und mit süffisant-wissendem Grinsen kommentiert wird.

Zeitgleich mit der Tochter trifft auch ein vom Vater zu seinem Geburtstag eingeladener Jugendfreund der Eltern ein. Zwischen Tochter und Jugendfreund funkt es - trotz des Altersunterschieds - sofort, und noch am selben Tag geht man im Wald spazieren, wo es zum Sex zwischen den Beiden kommt.

Parallel dazu findet der Sohne des Hauses endlich den Mut, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, und es kommt zwischen ihm und seinem besten Freund (dem Geliebten seiner Mutter) zum Sex.

Wieder daheim machen Tochter und Jugendfreund der Eltern kein Geheimnis aus ihrer frischen Liebe, was der Vater mit seinem bekannten süffisant-wissenden Grinsen kommentiert, von der Mutter aber mit sichtbarer Verstörung aufgenommen wird.

Bei der Geburtstagsfeier, zu der noch weitere Personen geladen wurden, platzt die Bombe. Die Mutter hat unerwartet auch die nicht ganz so heimliche Geliebte ihres Mannes eingeladen und stellt sie der versammelten Gesellschaft als solche vor, um die beiden zu erniedrigen. Was aber in die Hose geht, da sich beide lächelnd zueinander bekennen und die ebenfalls nicht ganz so heimliche aber doch ein bißchen heimlichere Liebe der Mutter zum besten Freund des Sohnes zur Sprache bringen.

Jetzt platzt der Mutter der Kragen, und sie beichtet, daß sie seinerzeit ihren Mann mit dessen bestem Freund, dem geladenen Jugendfreund, betrogen habe und die gemeinsame Tochter gar nicht seine sei, sondern die des Jugendfreundes.

Worauf die Tochter, die Inzestsituation erkennend, panikerfüllt in den Wald flüchtet, während der Vater seinen Jugendfreund davonjagt.

Im Wald resümiert die Tochter, daß das Letzte, was ihrer Ansicht nach ihrem Leben noch hätte Sinn geben können, Familie und Liebesbeziehungen, gerade gesprengt wurde.

ENDE

Und ich sitze fassungslos vor der Glotze und frage: Ist das euer Ernst? Ich meine, jede Einzelne dieser Liebesbeziehungen hätte einen Film, Komödie oder Tragödie, füllen können. Aber alles zusammen unter einem Dach? Wir reden hier ja nicht von der dekadenten High Society in fiktiven Dallas- oder Denverclans, sondern einer eigentlich ganz normalen Dorffamilie aus Bayern. Okay, bei der Erwähnung von Bayern und Dorf wird es schon süffisante Bemerkungen geben. Trotzdem absurd.

Im Nachhinein kommen weitere Fragen auf: Wovon leben die da eigentlich, auf Hierankl? Es war nicht ersichtlich, daß dort irgendjemand einer Tätigkeit nachgegangen wäre, sei es als Bauer oder eben einem Beruf. Und wie ist es eigentlich mit Kondomen? Also wenn ich mit jemandem, den ich gerade erst kennengelernt habe, in den Wald spazieren gehe, habe ich erstens keinen Sex und zweitens keine Kondome dabei. Auch bei den Sexszenen war keines zu sehen, aber womöglich hatte ich (oder die Kamera) nicht genau genug hingeschaut ;)

Die Kritik war dennoch begeistert vom Film, wie das halt so ist!

Mein Resümee: Gute Darsteller, geschmackvolle Sexszenen, auch zwischen den beiden Jungs, insgesamt durchaus unterhaltend, wenn man mit mangelnder Logik und Absurdität der Handlung kein Problem hat. Ein Meisterwerk aber sicherlich nicht.

Zur Zeit gibt es den Film im ARD-Archiv. Ich weiß allerdings nicht, ob das auch vom Ausland aus zugänglich ist oder ob man dafür einen deutschen Proxyserver braucht.

https://www.ardmediathek.de/one/video/filme/hierankl/one/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLTgzZGQ1OGY2LWU5ODgtNDE0ZS04YjBmLTAwMTJlYjFmNTc1Yw/

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Poldi

Poldi bewertete diesen Eintrag 24.07.2020 08:27:44

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