Eigentlich willst du es nicht wissen. Du glaubst auch gar nicht an solche Tests. Besser drauflos machen und dann siehst du schon, ob ein Baby dabei herauskommt oder nicht. Aber dann wartet er doch auf einmal auf dich. Der Raum, von dem du dir schon dann und wann unbehagliche Vorstellungen gemacht hast, ohne dich bisher selbst mit ihm in Verbindung zu bringen. In dem sich Männer einen herunterholen, damit Frauen es amtlich kriegen, ob sie zeugungsfähig sind oder nicht.

"Haben Sie die Karenz eingehalten?", fragt dich mit gedämpfter Stimme die Labormitarbeiterin am Pult. Du schaust über deine Schulter. Wenigstens ist die Frau, die sich hinter dir anstellt, schon alt. Die weiß schon, wie das Leben ist. Die hinter dem Pult weiß es nicht. Sonst hätte sie ihre Stimme nicht auf diese peinliche Weise gesenkt. Von deinem Anruf weißt du, was die hier mit "Karenz" meinen. "Ja", sagst du mit etwas brüchiger Stimme.

"Wie lange?", fragt sie. Du hast keine Lust, ihr den Zeitpunkt deines letzten Geschlechtsverkehrs mitzuteilen. "Sieben Tage", sagst du. Sechs Tage ist die Mindest-"Karenz".

Sie gibt dir einen grünen Becher mit einem durchsichtigen Deckel. "Warten Sie bitte kurz. Meine Kollegin holt sie dann ab." Du stellst dir irendetwas vor, das du sonst erotisch findest, um dich an eine Stimmung hernzutasten, in der du einen hochkriegst. Denn irgendwie kannst du dir gerade nicht vorstellen, dass das je wieder der Fall sein wird.

Die Kollegin pflegt einen entspannteren Umgang mit dir. Sie holt dich aus dem Warteraum, in dem zwölf Menschen auf ihre Blutabnahme warten. Ganz kurz kommt bei dir das Gefühl auf, privilegiert zu sein. Eine Tür, dann findest du dich hinter den Kulissen des Labors wieder. Ein Gang. Dann ein großer Abstellraum. Noch eine Tür. Dahinter ein schmuddelig wirkendes Bad. "Bitte die Tür absperren", sagt sie.

Du hast jetzt das Bedürfnis, dein Geschlecht zurückzulegen. Denn in deiner evolutionär betrachtet fundamentalsten Funktion als Mann liegt für dich am Fensterbrett ein Stapel Pornozeitungen bereit. Shave me. Eine junge Frau mit ungepflegt wirkender Alpenfrisur und Psychopathenblick rasiert einer anderen die Muschi.

Der Stapel besteht auf den ersten Blick mehr aus Viren und Bakterien als aus Papier. Das Erscheinungsdatum des obenauf liegenden Blattes schätzt du auf spätestens 1978. Wer das Zeug ohne Gummihandschuhe anrührt, kommt aus dem Gesundheitssystem wahrscheinlich nie wieder heraus, denkst du. Aus physiologischen und psychologischen Gründen. Gibt es eigentlich so etwas wie sexuellen Selbstmissbrauch?

Horst / privat

Du machst deine Hose auf, ziehst sie mit den Boxerhorts halb herunter, versuchst nicht in den Spiegel mit dem kalten Licht darüber zu blicken. An der Wand hängt ein "Bitte nicht rauchen"-Schild, unter dem steht: … und wenn es doch sein muss, den Zigarettenstummel nicht im Abfluss entsorgen. Am Ende des Textes ist ein Smily. Gibt es Männer, die sich nur mit einer Zigarette in der Hand selbstbefriedigen können? Und wenn du jetzt das

Laborpersonal von deiner Männlichkeit überzeugen wolltest, müsstest du dann besonders schnell oder besonders langsam sein?

Eine verquere, echt dreckige Kurzimagination später hast du das Bedürfnis zu duschen, aber nicht hier, und gehst mit dem Becher, der jetzt warm ist, zurück zum Pult. Diese junge Frau. Sie ist noch immer da. Sie nimmt den Becher. Warum ist sie so schusselig? Müssen die sich beeilen? Kann nicht sein. Am Telefon haben sie gesagt, dass du grundsätzlich die Probe auch daheim abgeben kannst, aber nur wenn du in der Nähe wohnst und wenn das Wetter warm ist.

Du siehst ihr zu, wie sie nach einem zweiten, leeren Becher greift. Der fällt ihr fast aus der Hand. Fängt die jetzt an, umzugießen? Du willst es nicht wissen. Du drehst dich einfach um und gehst. Morgen wirst du wieder kommen, und von alle dem wird nur ein weißes Blatt Papier mit Buchstaben und Zahlen drauf geblieben sein.

Das Haustor fällt hinter dir zu. Darfst du jetzt das Gefühl haben, etwas geschafft zu haben? Egal, ob zu zeugungsfähig bist oder nicht, hauptsache du hast das hier hinter dir. Du gehst in den Tag hinaus, der auf erfrischende Weise von all dem nichts weiß.

Horst / privat

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G. Szekatsch

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