Wie muss einem Kind zumute sein, wenn die Mutter zu ihm sagt: „Geh weg. Und komm nicht zurück!“ Und das Kind, dessen Vater den Jungen schon als Einjährigen verlassen hat, meilenweit zu einem Großonkel läuft, um bei ihm unterzukommen. Einem Mann, der als der „fieseste Mann zwischen hier und der Hölle“ [classicrock.net] beschrieben wurde. Der ihn schlägt, ihm die Schule verwehrt und stattdessen zur Arbeit auf den Feldern zwingt. Wie muss einem Kind zumute sein, dessen Jugend darin besteht, keine gehabt zu haben? [1]

Urgestein des Blues

Dieser Junge hieß Chester Arthur Burnett, geboren 1910 im Staate Mississippi. Er hat sich gegen alle Gewalt und Widrigkeiten des Lebens behauptet und sich durchgekämpft. Und er wurde berühmt, auch wenn er weder lesen noch schreiben gelernt hatte. Er wurde zu einem der Urgesteine des Blues. Er wurde als HOWLIN’ WOLF weltberühmt.

Howlin' Wolf at the Ann Arbor Blues Festival, Aug. 1970. Photo by Jeff Titon • By Eatonland • wikipedia

Heute vor einem Monat vor 50 Jahren, also am 10. Januar 1976, verstarb der amerikanische Bluesmusiker Howlin’ Wolf im Alter von 65 Jahren. An ihn und seine Musik soll hier erinnert werden.

Einer seiner bekanntesten Songs, von ihm selbst komponiert, ist „Smokestack Lightning“.

„Wir saßen früher draußen auf dem Land und sahen die Züge vorbeifahren, beobachteten die Funken, die aus dem Schornstein sprühten. That was smokestack lightning.“ (übersetzt mit deepL) [2]

HOWLIN’ WOLF: “Smokestack Lightning" (1964) • Live in UK • 5:49

Der Bassist, der zwischenzeitlich etwas gelangweilt dreinschaut, ist niemand geringerer als der legendäre WILLIE DIXON, Bassist und Komponist zahlreicher Blues-Standards. Wir kommen auf ihn noch zurück. Ebenso wie auf den Gitarristen HUBERT SUMLIN.

„Wenn man einen Musiker kennenlernen will, muss man ihn live oder zumindest im Film oder Video erleben. Man muss einen Musiker sehen, für-wahr-nehmen. Wie er singt, wie er sein Instrument hält, wie er es spielt. Man muss ihn beobachten, mit all seinen Regungen während des Spiels oder Gesangs.“ (Hochwald)

Daher habe ich trotz teilweise schlechter Bildqualität vorwiegend Live-Videos ausgewählt.

The Wolf

Chester Burnett also, genannt Howlin’ Wolf. Den Namen Wolf trug er bereits seit seiner Kindheit. Seine Großeltern drohten ihm, der umherstreichende Wolf würde ihn holen, wenn er sich daneben benehmen würde. Also wenn er z.B. den Hühnern der Großmutter zu Leibe rücken würde. Schwarze Pädagogik eben.

Flucht in die Musik

Mit 13 flieht er von seinem Großonkel und findet zu seinem leiblichen Vater. Dieser schenkt ihm 1928 – da ist er 18 – eine Gitarre. Mundharmonika lernt er von keinem geringeren als von SONNYBOY WILLIAMSON II, dem legendären Harmonikaspieler.

Auf der gleichen Plantage wie Wolf arbeitet ein gewisser CHARLIE PATTON, schon damals eine Blueslegende, der ihm das Gitarrenspiel und so manche Showeinlage beibringt: „Er hat seine Gitarre beim Spielen vor und zurück geworfen, sie über die Schulter, zwischen die Beine und in die Luft.“ [3] Wolf übernimmt manches von Patton, ja er spielt anfangs den akustischen Delta-Blues im gleichen Stil wie sein großes Vorbild, wie hier zu hören ist:

HOWLIN’ WOLF: „Ain't Going Down That Dirt Road“ • 4:19

In den 1930er Jahren zieht er durch die Südstaaten, arbeitet auf Farmen und spielt in den dortigen Blues-Clubs. Er trifft auf Bluesgrößen wie SON HOUSE oder auch auf den „Urvater“ des Country-Blues ROBERT JOHNSON.

Memphis: Sun House Records

1948 gründete er seine erste Band und widmet sich nach dem Tod seines Vaters ein Jahr später vollends der Musik. Wolfs Auftritte sind mehr als außergewöhnlich: Mit 1,91 m Größe, an die 130 kg Körpergewicht und der Schuhgröße 48 gibt er auf der Bühne eine stattliche Figur ab. „Ekstatisch, massiv und laut wie eine Urgewalt schreit er den Blues heraus.“ [4]

Das Sun Studio an der 706 Union Ave • von David Jones • wikipedia

1951 lernt er IKE TURNER – ja der von der Tina – kennen. Dieser war damals als eine Art Talentscout unterwegs und bringt Wolf mit SAM PHILLIPS zusammen, dem Besitzer von Sun Records in Memphis, jener Geburtsstätte des musikalischen Elvis. Im gleichen Jahr werden erste Aufnahmen gemacht. Phillips ist von Howlin’ Wolf begeistert: „Er singt mit seiner verdammten Seele!“ [3]

HOWLIN’ WOLF: „How Many More Years“ • 2:43 • 1951 Sun Records, Memphis, mit Ike Turner, piano

Chicago: Chess Records

1953 zog es ihn nach Chicago hinauf, wo der Blues elektrisch und damit härter gespielt wurde. Er wurde bei Chess Records unter Vertrag genommen, jenem ebenfalls legendären Blues-Label der beiden jüdischen Auswanderer Leonard und Phil Chess.

Bei Wolf lief es anders als bei anderen Bluesmusikern, die aus dem Süden nach Chicago kamen. Wolf brauchte nicht mit Geld angelockt werden. Er sagte einmal, dass er mit einem 4.000 $-Schlitten und 3.900 $ in bar in Chicago eintraf. Howlin’ Wolf kannte sich mit dem Leben aus, er hatte überlebt, war selbstbewusst geworden und seine Intuition verhinderte, dass er irgendwo über den Tisch gezogen wurde.

1959 veröffentlichte Chess-Records die erste LP von ihm („Moanin’ in the Moonlight“). Sie enthielt auch zwei Titel aus der Zeit in Memphis, u.a. den eben vorgestellten Titel „How Many More Years“. Schon bald wurde er zu einem der bekanntesten Vertreter des sogenannten Chicago-Blues.

HOWLIN’ WOLF: „Don’t Laugh At Me“ • 4:34

Man achte auf den Gitarristen HUBERT SUMLIN, der von nun an fast durchgängig in der Band spielte.

Der Songschreiber Willie Dixon

Der Mann hinter dem Kontrabass war der schwergewichtige WILLIE DIXON, ebenfalls Mitglied der Band. Dixon trat aber vor allem auch als Komponist zahlreicher Blues-Klassiker in Erscheinung. So stammen die drei folgenden Stücke – allesamt Blues-Standards – von Dixon: „Evil“, „Spoonful“ und „Back Door Man“. Here we go:

HOWLIN’ WOLF: „Evil“ • 2:32

HOWLIN’ WOLF: „Spoonful“ (1960) • 2:54

HOWLIN’ WOLF: „Back Door Man“ (1970) • 4:00

Die gute und die dunkle Seite des heulenden Wolfes

Howlin’ Wolf wurde in den 1960ern zu einem der populärsten Künstler von Chess Records. Mit Willie Dixon am Bass und als Komponist, dem Gitarristen Hubert Sumlin und Otis Spann an den Drums hatte er eine exzellente Besetzung seiner Band. Wolf war ein vorbildlicher, aber auch strenger Bandleader. Er übte viel und arbeitete immer wieder an seiner Show. Wer Alkohol trank, flog raus. Exzesse auf oder hinter der Bühne gab es nicht. Wolf gab seinen Bandmitgliedern pünktlich ihren Lohn und zahlte ihnen sogar die Arbeitslosen- und Sozialversicherung – damals eine Seltenheit. Wolf trat stets mit Anzug und Krawatte auf, auch wenn seine Bühnenshow durch seine Grimassen und extravaganten Showelemente aufsehenerregend war.

Und doch hatte Wolf auch eine dunkle Seite. Aufgrund der erlebten Gewalt als missbrauchtes Kind war er stets misstrauisch gegenüber Erwachsenen. Er konnte aufbrausend, jähzornig und eifersüchtig sein und im nächsten Moment wieder lammfromm. „Ein wilder Mann auf der Bühne, eine Seele von Mensch im Privatleben. Eine raue Schale mit einem weichen Kern. Ein Lamm im Wolfpelz.“ [5]

Howlin’ Wolf in Concert 1970

Im Jahr 1970 trat Howlin’ Wolf auf dem Washington D.C. Blues Festival auf. Zum Glück für die Nachwelt wurde das Konzert gefilmt und inzwischen als DVD veröffentlicht. Auf YT sind einige Konzertauschnitte zugänglich. Sie geben einen hervorragenden Eindruck vom Künstler Howlin’ Wolf. Und manchmal blitzt auch ein Eindruck vom Menschen Chester Burnett durch.

Die Besetzung ist neben Hubert Sumlin (guit) Sunnyland Slim (p) und S.P. Leary (dr). Hier drei Ausschnitte aus dem 1970er Konzert. Der Film enthält auch einige kurze Interviews.

HOWLIN’ WOLF: „Killing Floor“ (1970) • 8:47

HOWLIN’ WOLF: „Highway 49“ (1970) • 9:56

HOWLIN’ WOLF: „How Many More Years“ (1970) • 10:31

Der Rivale

Howlin’ Wolf war allerdings nicht der einzige „Star“ bei Chess Records. Bereits 1943 zog es McKinley Morganfield alias MUDDY WATERS nach Chicago. Als Platzhirsch bei Chess wollte Howlin’ Wolf ihm Anfang der 1950er Jahre diesen Rang streitig machen und so entwickelte sich eine ständige Rivalität zwischen den beiden „Titanen des Blues“ (Hochwald). Es heißt, die beiden verband trotz aller Konkurrenz ein gewisser gegenseitiger Respekt.

Howlin’ Wolf und Muddy Waters, backstage, 1969 • Photo: Baron Wolman • www.bobcorritore.com

Teufelsmusik

Das Verhältnis zu seiner Mutter, die ihn einst verstoßen hatte, konnte Howlin’ Wolf trotz seines inzwischen großen Erfolgs nicht wieder verbessern. Das ihr bei einem Wiedersehen angebotene Geld lehnte die religiöse Fanatikerin ab, da es von einer „Musik des Teufels“ stamme.

Auf nach Europa

1964 tourte Howlin’ Wolf erstmals mit weiteren Blues-Größen durch Europa im Rahmen des American Folk Blues Festivals.

1965 trat er sogar im englischen Fernsehen auf, auf Drängen der Rolling Stones, die gerade seinen Song „Little Red Rooster“, geschrieben von Willie Dixon, herausgebracht hatten.

Die London Sessions

1970 entstanden die „London Howlin’ Wolf Sessions“, bei denen Wolf in einer „Super-Group“ mit Eric Clapton, Steve Winwood, Bill Wyman und Charlie Watts ein Album einspielte. Neben anderen waren auch Hubert Sumlin, Ringo Starr und Klaus Voorman beteiligt. [6] Aus dieser Session hier drei Aufnahmen mit weiteren „Hits“ von Howlin’ Wolf:

HOWLIN’ WOLF: „The Red Rooster“ (1970) • 4:00

HOWLIN’ WOLF: „Do The Do“(1970) • 2:23

HOWLIN’ WOLF: „Wang Dang Doodle“ (1970) • 4:30

Abschied

Fünf Jahre später hatte Wolf seinen letzten Auftritt. Er hatte inzwischen mehrere Herzinfarkte erlitten und sich bei einem Autounfall an den Nieren verletzt. Daran verstarb er schließlich am 10. Januar 1976. Er wurde 65 Jahre alt.

Die Bedeutung Howlin’ Wolfs für die spätere Rockmusik kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Um es auf den Punkt zu bringen: „Ohne Howlin’ Wolf keine Rock-musik. Es ist fast egal, welche Rockmusik wir heute hören: Es steckt immer auch ein bisschen Howlin’ Wolf darin.“ [3]

Heulender Wolf • Von Retron • wikipedia

Nachwelt: Cover-Versionen

• ERIC CLAPTON, Robery Cray, Hubert Sumlin & Jimmie Vaughan: „Killing Floor“ • Crossroads Festival 2004 • 4:30

youtu.be/OLiAcmW2dHg?si=m8VAOEOZeiZOV2Zw

• HUBERT SUMLIN und DAVID JOHANSEN: „Killing Floor“ (2005) • 3:41

youtu.be/EN_YYV3eVSE?si=d17xLNTzRcHsgSRa

• JIMI HENDRIX: „Killing Floor“ • 2:28

youtu.be/Y1mX9Y9pp5w?si=VD6Oq2Zb465yed16

• ERIC CLAPTON: „Evil“ (1970) • 4:35

youtu.be/rU5UoUC-Ick?si=h8inDYZ4pPAsF2hc

• THE DOORS: „Back Door Man“ (1968) • 5:22

youtu.be/6dnpoh7yeSE?si=49mKiEUR9rfEYzyj

• JOE BONAMASSA: „Killing Floor“ • 3:41

youtu.be/GbIr9CUfjZ8?si=d-J-K37Hb3eAdlrf

Last not least

Der zweite große Chicago-Blues-Musiker.

MUDDY WATERS: „Got My Mojo Working“ (1963) • 3:43

Zugabe

Auf YouTube steht der gesamte Film „The Howlin´ Wolf Story: The Secret History Of Rock And Roll“ aus dem Jahr 2003 zur Verfügung. Dauer: 1:26:24 Mit Son House/ Bukka White/ Memphis Slim/ Willie Dixon/ Muddy Waters/ Hubert Sumlin

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Quellenangaben

[1]https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/nachtmix/playback/howlin-wolf-playback100.html

[2]https://www.rollingstone.com/music/music-lists/500-greatest-songs-of-all-time-151127/pavement-summer-babe-winter-version-52289/

https://de.wikipedia.org/wiki/Smokestack_Lightning

[3]thecircle.de/blogs/popkultur/howlin-wolf-geburtstag

[4]laut.de/howlin-wolf

[5]WDR5 Jazzpoint, 8.1.2005: „Moanin’ At Midnight“ oder wie aus Chester Burnett die Blueslegende Howlin’ Wolf wurde“ • Eine Radiosendung von und mit Karl Lippegaus

[6]https://de.wikipedia.org/wiki/The_London_Howlin’_Wolf_Sessions

https://en.wikipedia.org/wiki/Howlin'_Wolf

https://bobcorritore.com/photos/howlin-wolf-photo-page/

https://classicrock.net/blues-boom-howlin-wolf/

https://de.wikipedia.org/wiki/Chess_Records

https://de.wikipedia.org/wiki/Sam_Phillips

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Howlsnow.jpg

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