Es war nur ein Gerücht, doch es reichte, um die politische Landschaft zu erschüttern: Angela Merkel, die ehemalige Kanzlerin, die sich nach ihrem Rückzug aus der aktiven Politik in Schweigen hüllte, solle ein Comeback als Bundespräsidentin anstreben. Keine offizielle Erklärung, keine Kampagne – nur ein beharrliches Flüstern in den Hinterzimmern der Macht, das sich verselbstständigte, obwohl Merkel es mehrfach dementierte. Doch warum hält sich diese Spekulation so hartnäckig? Vielleicht, weil sie mehr über den Zustand der Union verrät als über Merkels tatsächliche Absichten.
Merkels Schweigen wurde zur Projektionsfläche. Jedes ihrer seltenen Interviews, jede öffentliche Äußerung wurde nach versteckten Hinweisen durchforstet. Dass sie sich nicht explizit gegen das Amt aussprach, genügte, um die Fantasie anzufachen. In einer Partei, die nach dem desaströsen CDU-Parteitag 2022 und dem Scheitern Armin Laschets als Kanzlerkandidat verzweifelt nach einer Integrationsfigur sucht, blieb Merkel die letzte, die die Union noch einig führte. Selbst ihre schärfsten Kritiker, allen voran Friedrich Merz, mussten eingestehen: Sie verkörpert eine Stabilität, die die Partei aktuell schmerzlich vermisst.
Doch die Kandidatensuche für das Bundespräsidentenamt offenbart weniger Merkels Ambitionen als vielmehr die Zerrissenheit der Union. Merz, der sich selbst als Königsmacher inszeniert, blockierte frühzeitig jede Diskussion über eine mögliche Kandidatur Merkels – nicht aus sachlichen Gründen, sondern aus persönlicher Rivalität. Sein Argument: Merkel stehe für die „alte Politik“. Doch genau diese Haltung zeigt, wie sehr die CDU in internen Grabenkämpfen gefangen ist. Die Bundesversammlung, die den Bundespräsidenten wählt, ist ein Flickenteppich aus Loyalitäten, und ohne eine klare Strategie droht die Union, sich in Regionalinteressen zu verlieren. Die Opposition, allen voran SPD und Grüne, beobachten das Schauspiel mit Genugtuung. Sollte Merkel tatsächlich kandidieren, stünde die CDU vor einer Zerreißprobe: Entweder sie unterstützt ihre ehemalige Ikone – und riskiert einen Bruch mit Merz – oder sie lehnt sie ab und bestätigt damit ihren Rechtsruck.
Doch was würde eine Präsidentin Merkel eigentlich bedeuten? Das Amt des Bundespräsidenten wird oft als rein repräsentativ belächelt, doch die Realität ist komplexer. Theoretisch hat der Bundespräsident vor allem formelle Befugnisse: die Ernennung des Kanzlers, die Auflösung des Bundestags in Krisenzeiten, das Veto gegen Gesetze. Doch in polarisierten Zeiten wird diese Rolle zum Stabilisator – oder zum Blitzableiter. Gerade Merkels Erfahrung in Krisen, von der Flüchtlingsfrage bis zur Euro-Rettung, würde ihr eine einzigartige Autorität verleihen. Doch genau das fürchten ihre Gegner: Eine Präsidentin Merkel könnte zur „Schattenkanzlerin“ werden, eine Stimme, die Regierungen unter Druck setzt, ohne selbst Verantwortung zu tragen.
Friedrich Merz’ vehemente Ablehnung einer Merkel-Kandidatur ist kein Zufall. Sie offenbart die strukturellen Probleme der Union: den Kampf um die Deutungshoheit, die Angst vor der eigenen Vergangenheit und das Dilemma, sich gegen den Volkswillen zu stellen. Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Bürger – auch vieler CDU-Wähler – einer Präsidentin Merkel positiv gegenüberstünde. Merz riskiert, sich gegen diese Stimmung zu stellen, ein gefährliches Spiel in unsicheren Zeiten.
Am Ende geht es vielleicht gar nicht darum, ob Merkel jemals kandidieren wird. Das Gerücht selbst ist bereits ein Machtfaktor. Es zwingt die Union, sich zu positionieren – und offenbart dabei ihre tiefen Gräben. Es zeigt, wie fragil die Partei nach der Ära Merkel ist, wie mächtig das Amt des Bundespräsidenten in unsicheren Zeiten werden kann und wie persönliche Eitelkeiten über strategische Vernunft siegen. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieser Debatte: Nicht Merkel, sondern die Union steht auf dem Prüfstand.