Es scheint zur Mode geworden zu sein, gegen das sog. Establishment und gegen die Eliten zu Felde zu ziehen. Die da unten gegen die da oben. Wobei höchst selten definiert wird, was damit im Einzelnen gemeint ist. Weil mich das verstört, hätte ich das Thema hier gerne in einer gewissen Sachlichkeit und Ruhe besprochen. Mal sehen, ob das möglich ist.

Zunächst also ein kurzer Auszug von dem, was sich in Wikipedia darüber findet:

Elite (urspr. vom lateinischen eligere bzw. exlegere, „auslesen“) bezeichnet soziologisch eine Gruppierung (tatsächlich oder mutmaßlich) überdurchschnittlich qualifizierter Personen (Funktionseliten, Leistungseliten) oder die herrschenden bzw. einflussreichen Kreise (Machteliten, ökonomische Eliten) einer Gesellschaft.

Daraus könnte man schließen, dass gegen besonders qualifizierte Personen, also gegen die tatsächlichen Eliten gar nicht wirklich etwas einzuwenden wäre, solange diese besonderen Begabungen nicht ausschließlich zum eigenen Vorteil und gegen die Mitmenschen eingesetzt werden. Wobei ich die Frage stelle, ob man ein solches Problem dann mit einer Unterdrückung oder Abschaffung der Eliten lösen kann, oder nicht eher gesellschaftliche Vorkehrungen treffen sollte, die ein Ausufern dieser unterstellten Vorteilnahme verhindern. Indem eine Gesellschaft sich etwa durchringt, einen Kodex aufzustellen, wieweit diese persönlichen Vorteile ausgenützt werden dürfen. (Gesetze oder moralische Regeln. Wenn man so will, auch die vielzitierten Werte unserer Gesellschaft.) Das scheint aber abhandengekommen zu sein und wird sich durch schnödes Eliten-Bashing nicht wieder gewinnen lassen.

Da in letzter Zeit auch viel darüber geschrieben wird, dass die alten Vorstellungen von Links und Rechts als politische Kriterien nicht mehr anwendbar sind, frage ich mich, ob Oben und Unten als neue Unterscheidungsmerkmale an diese Stelle getreten sind und ab wann sich ein Mensch zu denen da oben zählen darf. Geht es dabei um eine bestimmte Höhe des verfügbaren Kapitals, oder die Höhe der Einkünfte?

Wenn dem so wäre, mit welcher Berechtigung könnte dann Donald Trump, der mächtigste Führer der westlichen Welt, der in Luxus aufgewachsene Mutimiliardär, als erwarteter Retter gepriesen werden? Nach welcher Logik müsste man dann die Politiker, die sich in der Zentralverwaltung der EU um einen tragfähigen Konsens zwischen den Mitgliedsländern bemühen, in Grund und Boden verdammen? Weil sie dem sog. Establishment angehören? Wobei man der Frau Le Pen großzügig verzeiht, wenn sie Gelder dieser EU unkorrekt abrechnet, um persönliche Vorteile daraus zu ziehen.

Ich möchte nicht aufzählen, was den Vertretern eben auch der rechtspopulistischen Parteien in ihren jeweiligen Ländern so vorgeworfen wird, weil diese Vorwürfe ja längst in die Rubrik der „Systemmedien“ und „Lügenpresse“ abgeschoben und damit nicht weiter ernst genommen werden. Sind das tatsächlich die Vertreter die wir haben möchten? Sind sie die Elite die das Volk bereit ist, zu akzeptieren? Ich weiß es nicht. Ich hätte es nur gerne gewusst.

Wenn der Hass gegen die Eliten erst so richtig salonfähig geworden ist, wenn Schulen und Universitäten die gegründet wurden, um Eliten, also Menschen mit besonderen Fähigkeiten auszubilden, tatsächlich in erschreckendem Ausmaß diskreditiert werden… Wie geht es danach weiter?

Können wir als hochtechnisierter Staat, als hochentwickeltes Gemeinwesen, tatsächlich auf alles verzichten, was talentiert, gut ausgebildet und damit bis jetzt auch gutsituiert ist? Wer leitet unsere Verwaltungen? Wer treibt die notwendigen Innovationen voran? Wer hält das Gesundheitswesen aufrecht? Erwarten wir tatsächlich, dass der sog. einfache Mann von der Straße in alle diese Rollen schlüpfen und darin bestehen kann?

Wenn wir uns so vehement dagegen zur Wehr setzen, dass ankommende Fremde unsere Werte untergraben, ja sogar abschaffen, könnten – Wie sicher sind wir uns dieser Werte wirklich? Ahnen wir vielleicht längst, dass die Werte der Freiheit und der Demokratie nur eine dünne Tünche sind, die die wahren Abgründe unserer Haltungen zudecken? Glauben wir tatsächlich, dass wir kritische Medien, kritische Künstler und Theater nicht mehr nötig haben, weil wir davon ausgehen, dass Freiheit und Demokratie selbstverständlich sind?

Viele Fragen. Vielleicht gibt es hier Antworten, die klar machen, wie die verhassten Eliten, das geschmähte Establishment ersetzt werden können und was die neuen Eliten, die dann vielleicht anders heißen, so grundsätzlich besser machen könnten.

Morphart Creation/Shutterstock

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