Gäbe es die EU nicht, man müsste sie jetzt erfinden!

Solange ich denken kann, gab es kaum eine Situation, in der man so froh sein musste, dass es die Grundstruktur EU gibt wie heute. In der EU gibt es Kanäle, Plätze und Gruppen, in denen Probleme wie die aktuelle Flüchtlings-Thematik lösbar, klärbar und weiterentwickelbar sind.

Gäbe es die EU nicht, man müsste sie jetzt erfinden. Wenn heute 27 Nationalstaaten unabhängig und im schlimmsten Fall noch gegeneinander versuchen würden, das Problem zu lösen, dann gute Nacht! Was es aber braucht ist, dass diese gute Struktur und die Zusammenarbeits-Prinzipien auch ins Funktionieren gebracht werden. Warum manche Staaten noch immer so naiv sind zu glauben, sich heraushalten, Zäune bauen oder allein für sich ihr Land abschotten müssen, ist mir ein Rätsel.

Wo wäre Kroatien denn, wenn Österreich und Deutschland nicht dahinter stünden? Die Menschen würden ja dennoch kommen, es wäre noch schlimmer. Natürlich sagt Kroatien zurecht, dass es nicht zu einem Massenlager werden kann – aber ohne die EU gäbe es niemanden, den man adressieren könnte. Zurzeit läuft es in der EU wie in gruppendynamischen Spielen: Der Erste, der sich davonstiehlt, profitiert. Die Zweiten und Dritten schaffen das nicht mehr, sie kommen zu spät und wissen, dass die Situation ohne Solidarität eskaliert. Also müssen der Zweite und Dritte mit dem Ersten reden und ihm klar machen: Machen wir´s gemeinsam, dann profitieren alle davon. Allerdings darf man den Ersten, der täglich von 10.000 – 15.000 Flüchtlingen überrollt wird, nicht so lange hinhalten oder ignorieren, bis er nicht mehr kann, bis er sagt „Aus!“, bis er einen Maschendrahtzaun aufstellt und Maschinengewehre einsetzt.

Es ist grob fahrlässig von denen, die weiter hinten im System und nicht vorn an der Außengrenze der EU sind, auch nur einen einzigen Tag damit weiterzuspekulieren, dass sie nicht oder nicht primär betroffen sind. Wenn man Griechenland so lange alleine lässt, bis sie keine Migranten mehr ins Land lassen, dann kommt Bulgarien dran. Die haben schon einen Zaun gebaut, aber wenn Griechenland gesperrt ist, wird es dort an diesem Zaun ordentlich blutig werden. Da ist nur jetzt Ruhe, weil Griechenland alles abfängt. Sich aber hinter einem Zaun zu verstecken ist bösestes Florianiprinzip und naiv. Sie müssen sich ausrechnen, je früher die erste Balkanroute kollabiert, umso früher kommt der alternative Weg dran. Dann sind die Italiener und Franzosen gefordert, die sich jetzt so zurückhalten. Denn wenn Slowenien zusperrt, werden die Leute südlich der Alpen versuchen, sich ihren Weg in den Norden zu bahnen.

Ja, die EU ist eine wunderbare Idee und eine bereitstehende Struktur, die ganz dringend benützt werden möchte und muss! Dass viele Mitgliedsstaaten hier die Thematik nicht weiter oder zu Ende denken ist dumm und zutiefst unanständig. Ich weiß, Anstand zählt heute nicht viel. Aber Dummheit versucht doch jeder zu vermeiden. Deshalb bin ich noch nicht ganz hoffnungslos, dass Schritte künftig gemeinsam gesetzt werden – aber sehen kann ich sie derzeit nicht!

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Silvia Jelincic

Silvia Jelincic bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:16

fischundfleisch

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