Es gibt einen alten Streit um den Wert der Welt, in der wir leben. Manche Menschen feiern die Freuden des Lebens, das sie als angenehm und wundervoll empfinden. Berauscht durch ihren Glauben an den überragenden Schöpfer sind sie der Überzeugung, in der besten aller möglichen Welten zu sein. Ihnen gegenüber stehen Menschen des Zweifels. In ihrer Vorstellungskraft schaffen sie Welten, die die Realität in allen Qualitäten übertreffen. Schopenhauer hielt unser Dasein für das denkbar schlechteste; wäre es auch nur ein wenig schlechter, so könnten wir nicht mehr bestehen. Wer christlich erzogen wurde, der kennt diese Form der Existenz unter dem Begriff der Hölle. Die Hölle ist ein derart eingerichteter Ort, dass die Lebewesen in ihr das größtmögliche Leid erfahren. Freilich aber muss eine solche Welt bestehen können. Sie darf gerade noch schlecht genug sein, sodass sich alle Leiden in ihr entfalten können. Sie darf aber nicht schlechter sein. Ein Dasein in ihr muss noch möglich sein, denn eine Welt, in der alle Wesen sterben, ist eine leere Welt, frei von Werten; keine Hölle.

In jeder Hölle muss es Glück geben, wenigstens in der Form des Schwindens oder der Abwesenheit von Leid. Ist das Leid nämlich beständig, so kann es nicht groß bleiben. Jedes große Leid wird, wenn es beständig ist und nicht tödlich, ein kleines Leid. Ein Geist nämlich, der beständigen Schmerzen zugänglich ist, ist der Erinnerung fähig; ist er ist nicht, so ist jedes Leid für ihn ein neues, aber ein kurzes. Ein sich erinnernder Geist jedoch ist auch ein sich gewöhnender Geist. Wenn die Leiden also nie aufhören und sich nie abwechseln, dann müssen sie, wenn sie nicht irgendwann verschwinden, so doch wenigstens abnehmen. Der tausendste Tag des Leidens wird vom sich erinnernden Geist nicht gleich empfunden werden, wie der erste Tag. Ein großer Trost liegt in dieser Betrachtung. Doch dieselbe Betrachtung muss uns auch zeigen, dass kein Paradies frei von Leiden sein kann. Glück und Leid können nur miteinander bestehen. Sie benötigen sich gegenseitig und sind daher ein unzertrennbares Paar.

Ist eine Empfindung nicht vertraut, sondern neu, so wohnt ihr eine ästhetische Eigenschaft inne: sie ist interessant. Die Menschen verspüren die Ästhetik von Leiden zumindest, wenn sie diese bei anderen beobachten. Sie sind fasziniert von allen Formen der Gewalt. Beschreibungen der Hölle erregen ihre Neugier mehr, als Beschreibungen des Paradieses. Konflikte sind der Kern jeder gelungenen Erzählung. Wer Interessantes schön findet und dabei aufrichtig ist, kann die Ästhetik in seinen eigenen Leiden finden. Nietzsche sah die Welt und das Dasein nur als ästhetisches Kunstwerk auf ewig gerechtfertigt. Wer in Empfindungen ästhetische Phänomene sieht, wird nach dem größten Leid im selben Maße streben wie nach dem größten Glück. Wer vor der Langeweile flieht und ein erfülltes Leben sucht, trachtet nach der Erfüllung durch die zahllosen Freuden, aber auch durch die zahllosen Leiden, die diese Welt in ihm wecken kann.

Ist nun die Welt ein Paradies oder eine Hölle, die beste oder die schlechteste aller möglichen Welten? Oder gehorcht sie fromm der christlichen Symbolik und liegt zwischen ihnen? Können wir von unseren eigenen Empfindungen ablassen und die Welt als Phänomen wahrnehmen, unser eigenes Leben aus der Betrachtung ausschließen oder es wenigstens nicht mehr berücksichtigen, als alle anderen? Werden wir diese Welt dann noch als unsereWelt, oder als Kunstwerk sehen? Wie bewertet jemand die Hölle, wie das Paradies, wenn er darin geboren wurde? Und wenn der einzige Vergleich in allen vorstellbaren und unvorstellbaren Übertreibungen seiner Eindrücke besteht, die sein Geist sammelt? Wird er seine Welt trennen können von der Welt der anderen, seine Hölle von der Hölle der anderen?

Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüßtest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen vor einander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.“ – Franz Kafka

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