Die Kriegswirtschaft als neuer Maßstab für den europäischen Wohlstand

In den letzten Monaten taucht in europäischen Diskussionen immer häufiger ein Argument auf, das noch vor wenigen Jahren als randständig galt: Vielleicht lohnt es sich, zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Russland zurückzukehren, um die Energiepreise zu senken und wieder das gewohnte Wohlstandsniveau zu erreichen. Ähnliche Tendenzen sehe ich auch in den Kommentaren unter meinen früheren Texten.

Auf den ersten Blick wirkt das pragmatisch. Doch hinter dieser Logik verbirgt sich eine gefährliche Annahme: nämlich dass Sicherheit gegen billigeres Treibstoff eingetauscht werden könne und Demokratie für sich allein bestehe, unabhängig von äußeren Bedrohungen.

Drei Jahrzehnte lang basierte das europäische Modell tatsächlich auf den Dividenden des Friedens. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden die Verteidigungshaushalte gekürzt und die Ressourcen in Sozialprogramme und Wirtschaftswachstum umgeleitet. Wir haben uns daran gewöhnt, Sicherheit als etwas Selbstverständliches anzusehen.

Doch die russische Aggression gegen die Ukraine hat die zentrale Annahme dieses Modells zunichte gemacht: dass ein großer Krieg auf dem Kontinent nicht mehr möglich sei.

Heute vollzieht Europa faktisch den Übergang von einer „Friedenswirtschaft“ zu einer Sicherheitswirtschaft.

Dabei zeigt die öffentliche Stimmung einen interessanten Widerspruch. Laut den jüngsten Eurobarometer-Umfragen sind 68 % der EU-Bürger der Meinung, dass ihr Land bedroht ist, und 74 % befürworten die Beibehaltung oder Erhöhung der Verteidigungsausgaben. Doch die Zustimmung endet dort, wo die Frage nach den Kosten aufkommt. In vielen Ländern, insbesondere im Süden Europas, bestehen weiterhin Befürchtungen, dass die Aufrüstung auf Kosten von Renten, Gesundheitsversorgung und anderen Sozialprogrammen erfolgen wird.

Mit anderen Worten: Das Bewusstsein für die Bedrohung wächst schneller als die Bereitschaft, für deren Eindämmung zu zahlen.

Gleichzeitig verändert sich auch die Einstellung gegenüber Russland. Für Polen, die baltischen Staaten oder Finnland ist Russland längst zu einer langfristigen Bedrohung geworden. Im westlichen Teil Europas hingegen wird Moskau nach wie vor eher als ein Problem wahrgenommen, das sich durch wirtschaftliche Mechanismen bewältigen lässt. Genau deshalb tauchen immer wieder Diskussionen über eine Rückkehr zu günstigen Energieträgern und eine „Normalisierung“ der Beziehungen auf.

Doch die Politiker haben ihre Entscheidung bereits getroffen.

In Brüssel ist zunehmend von einem Ende der Ära der „Friedensdividende“ die Rede. Der Plan „ReArm Europe“ sieht die Mobilisierung von bis zu 800 Milliarden Euro für Verteidigungszwecke vor. Die Mitgliedstaaten erhalten größere Haushaltsflexibilität, um ihre Militärausgaben zu erhöhen, und die Investitionen fließen nicht nur in Rüstung, sondern auch in Cybersicherheit, Luftabwehrsysteme, künstliche Intelligenz und Dual-Use-Technologien.

Tatsächlich wird die Verteidigung schrittweise in die Wirtschafts- und Industriepolitik der Europäischen Union integriert.

Und das ist möglicherweise die wichtigste Veränderung.

Traditionell wurden Verteidigungsausgaben als unvermeidliche Haushaltslast angesehen. Doch heute werden sie zunehmend zu einem Motor für Innovationen. In Europa steigen die Investitionen in künstliche Intelligenz, Deep-Tech, Verteidigungs-Start-ups und neue Produktionscluster rasant an. Sicherheit ist nicht mehr nur eine Kostenposition. Sie wird zu einer Voraussetzung für wirtschaftliche Entwicklung.

Vor diesem Hintergrund erscheinen Versuche, die Risiken einer russischen Aggression herunterzuspielen, besonders gefährlich. Manchmal hört man Argumente, dass eine Besatzung nicht das schlimmste Szenario sei und dass es in der Geschichte Beispiele für Länder gebe, die während des Zweiten Weltkriegs unter Besatzung weniger Zerstörungen erlitten hätten.

Solche historischen Analogien sind trügerisch.

Selbst die sowjetische Herrschaft in Mittel- und Osteuropa bedeutete Jahrzehnte der Unterdrückung, der Einschränkung von Freiheiten und des Verlusts der Souveränität. Das heutige Russland zeigt ein noch härteres Modell: Deportationen der Bevölkerung, Entführung von Kindern, erzwungene Russifizierung und die Zerstörung der kulturellen Identität in den besetzten Gebieten der Ukraine.

Ein Kompromiss mit dem russischen Imperialismus garantiert keinen Frieden. Er schiebt die Gewalt lediglich auf und erhöht ihren Preis in der Zukunft.

Daher lautet die zentrale Frage für Europa heute nicht, ob Verteidigung teuer ist. Freiheit war schon immer teuer. Die Frage ist eine andere: Sind die europäischen Gesellschaften bereit anzuerkennen, dass Demokratie nicht nur das Recht auf einen hohen Lebensstandard ist, sondern auch die Bereitschaft, für die eigene Sicherheit zu zahlen?

Die Ära, in der der europäische Wohlstand auf billigen russischen Energieträgern, der Globalisierung und amerikanischen Sicherheitsgarantien beruhte, neigt sich dem Ende zu. Im 21. Jahrhundert sind Sicherheit und Wohlstand keine Alternativen mehr.

Im Gegenteil, sie werden voneinander abhängig.

Und vielleicht wird der wahre neue Maßstab für den europäischen Wohlstand nicht Sparen um jeden Preis sein, nicht als Weg zur Militarisierung, sondern „bewaffneter Wohlstand“ – ein Modell, in dem Stärke die Demokratie, die Freiheit und jene Lebensweise schützt, die die Europäer als selbstverständlich ansehen. Investitionen in Sicherheit als Investitionen in die Zukunft Europas.

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