Die heute verkündeten Urteile gegen die Jugendlichen der „Letzten Verteidigungslinie“ sind ein Paradebeispiel dafür, wie der deutsche Staat mit rechtsextremer Gewalt umgeht: mit pädagogischer Samthandschuh‑Romantik, die wirkt, als wolle man Terroristen in Watte packen, damit sie sich beim nächsten Brandanschlag nicht verletzen. Diese Jugendlichen – manche kaum älter als 14 – haben ein Kulturhaus angezündet, Anschläge auf Geflüchtetenunterkünfte geplant und Hakenkreuze wie Markenzeichen hinterlassen. In ihren Chats träumten sie vom Töten, vom Umsturz, vom Führerstaat. Das Gericht stufte sie heute erstmals als rechtsterroristische Vereinigung ein. Und trotzdem: Jugendstrafen zwischen eineinhalb und fünf Jahren, teils auf Bewährung. Ein Urteil so weich, dass man es mit einem Löffel essen könnte.
Während diese Milde verkündet wird, überschlägt sich die rechte Szene in Empörung über den Anschlag auf den Christopher Street Day. Plötzlich geben sich dieselben Akteure, die sonst gegen „Gender‑Ideologie“ hetzen, als Schutzpatrone queerer Menschen. Diese Empörung ist nichts als ein braunes Feigenblatt: ein taktischer Aufschrei, der nicht dem Schutz queerer Menschen dient, sondern der politischen Instrumentalisierung eines Verbrechens. Denn die LVL selbst sah queere Sichtbarkeit als Angriffsziel. Für sie war ein CSD kein Fest der Freiheit, sondern ein Symbol jener offenen Gesellschaft, die sie zerstören wollten. Genau dieselben Feindbilder treiben auch islamistische Extremisten an. Beide Ideologien – so unterschiedlich sie sich inszenieren – teilen denselben Kern: den Hass auf Freiheit, Vielfalt und Gleichwertigkeit.
Und hier kommt der Punkt, den viele nicht aussprechen wollen: Die LVL ist kein AfD‑Projekt, aber sie ist ein Symptom derselben politischen Atmosphäre, die die AfD seit Jahren befeuert. Die Jugendlichen radikalisierten sich nicht im luftleeren Raum, sondern in einem Milieu, das von AfD‑Narrativen durchtränkt ist: „Untergang Deutschlands“, „Überfremdung“, „Gender‑Wahn“, „Volksverräter“. Diese Begriffe, die die LVL in Gewalt übersetzte, werden im AfD‑Umfeld täglich normalisiert – nicht im Parteiprogramm, aber in Reden, Posts, Memes und der Rhetorik der rechten Jugendorganisationen, der Jungen Alternative und jetzt der Generation Deutschland, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft sind. Die LVL ist die jugendliche, enthemmte Konsequenz eines Diskurses, den die AfD politisch salonfähig macht: dieselben Feindbilder, dieselbe Verachtung für Vielfalt, dieselbe Abwertung queerer Menschen. Die rechte Empörung über den CSD‑Anschlag ist deshalb reine Heuchelei. Wer Vielfalt hasst, kann sie nicht glaubwürdig verteidigen.
Rechtsextremismus und Islamismus sind keine Gegensätze, sondern zwei autoritäre Geschwister, die sich im Hass auf die offene Gesellschaft die Hand reichen. Die LVL zeigt, wie früh dieses Gift wirkt. Die heutigen Urteile zeigen, wie vorsichtig der Staat mit jugendlichen Extremisten umgeht. Und die politische Reaktion zeigt, wie schamlos manche Akteure Gewalt instrumentalisieren. Die Feinde der Freiheit stehen näher beieinander, als sie selbst zugeben würden.