Kein Schwein im Kindergarten: Wenn sich religiöse und halbreligiöse Überzeugungen in Fleischverboten niederschlagen

Paukenschlag in Amstetten. Ein städtischer Kindergarten verbannt Schwein aus der Küche, weil, wie es offiziell heißt: „Kinder aus anderen Kulturen auch bei uns essen“. Ich möchte ein paar persönliche Bemerkungen dazu machen. Dies auch deshalb, weil wir von Land schafft Leben seit Monaten im „Schweinefieber“ liegen. Soll heißen, wir befassen uns intensiv mit der komplexen Materie „Schwein in Österreich“.

Vorneweg: ich persönlich finde die Entscheidung des besagten Amstettner Kindergartens Schwein vom Speiseplan grundsätzlich zu streichen zwar nicht skandalös, aber falsch. Ich fände es aber auch falsch, wenn grundsätzlich keine fleischlose Alternative dazu angeboten würde. Ich sage fleischlos und nicht schweinefleischlos. Eine vegetarische Alternative sollte doch wohl zu bewerkstelligen sein, würde keine Mehrkosten verursachen und das ganze Skandalpotential mit einem Schlag aus der Welt schaffen. Außerdem hätte ich damit nicht nur allen religiösen Vorbehalten den Wind aus dem Segel genommen, sondern auch den allenfalls vorhandenen vegetarischen.

Gestern habe ich für ein Videointerview mit dem Geschäftsführer eines renommierten heimischen Großhändlers zum Thema Schweinefleisch gesprochen. Im Gespräch fiel die Bemerkung, dass aus so mancher Betriebsküche das Schwein bereits gänzlich verschwunden sei, aus den nämlichen Gründen, die der Amstettner Kindergarten nennt. Weniger wohl aus übergroßem Respekt vor religiösen Speiseverboten, wie mein Gesprächspartner meinte, als aus der simplen pragmatischen Überlegung heraus, ein Gericht anbieten zu können, das für alle akzeptabel ist. Dem mag sein wie auch immer, private Betriebe können das natürlich halten wie sie wollen. Bei öffentlichen Institutionen ist das ganze schon etwas sensibler. Und wenn es um die Verköstigung von Kindern geht, noch einmal mehr.

Eine vegetarische Alternative sollte doch wohl zu bewerkstelligen sein, würde keine Mehrkosten verursachen und das ganze Skandalpotential mit einem Schlag aus der Welt schaffen

Schweinefleisch ist für die größer werdende muslimische Bevölkerungsgruppe ein religiöses Tabu. Daran ist selbstverständlich nicht zu rütteln. Nach den vorliegenden Informationen in der Causa Amstetten ist es ja nicht so, dass hier von dieser Seite her die Forderung Schweinefleisch zu verbannen erhoben worden wäre. Vielmehr habe der Kindergarten - also wohl das Direktorat - so entschieden. Als Nebenbegründung würde laut Kurier angeführt, „dass Vielfach auch nicht-muslimische Kinder kein Schweinefleisch essen“ wollen. Man mag vegetarisch/vegan bewegte Eltern oder auch solche, die (nur) Schweinefleisch aus gesundheitlichen Überlegungen her für ihre Kinder ablehnen, dahinter vermuten. Aus zahlreichen Gesprächen mit Erwachsenen, die den genannten Überzeugungen anhängen, weiß ich, dass deren Ablehnung von (Schweine)-Fleisch in ihrer Rigorosität religiös motivierter kaum nachsteht. Salopp formuliert könnte man sie halb- oder pseudoreligiös nennen.

Wenn sich also religiöse und halbreligiöse Speiseverbote als gesellschaftliche Realität in die praktische Gestaltung eines öffentlichen Speiseplans einschreiben, was tun? Den Sachverhalt ignorieren? Auf die Tabus – und auch für Vegetarier und Veganer „strenger Konfession“ besteht hier ganz klar ein Tabu – keine Rücksicht nehmen? Sich argumentativ auf Grabenkämpfe einlassen? Die Integrationsverweigerungs- oder Traditionskeule schwingen und so doch nur böses Blut erzeugen? Oder ganz im Gegenteil, wie jetzt in Amstetten, in vorauseilendem Entgegenkommen, das (Schweine)-Kind mit dem Bade ausschütten und Überzeugungen von Minderheiten zum allgemeinen Verbot machen? Ich denke, dass weder das eine noch andere zu einem unaufgeregten Beilegen dieses meines Erachtens nur scheinbaren Dilemmas mit Skandalpotential geeignet sind.

...auch für Vegetarier und Veganer „strenger Konfession“ besteht hier ganz klar ein Tabu

Wenn ich aber den religiösen und halbreligiösen (Schweine)fleischverächtern eine vegetarische Alternative anbiete, kann ich ja wohl weiterhin wie eh und je - hoffentlich wie im Amstettner Fall regionales - Schwein all jenen vorsetzen, die sich nicht daran stoßen.

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