Ein Blog mit dem einfachen Titel: „Man reduziert Kriminalität, indem man Armut reduziert.“
Ich mag diesen Satz, gerade weil er so unspektakulär ist. Keine große Ideologie, keine Weltformel — einfach eine gesellschaftliche Binsenweisheit: Wenn Menschen weniger um ihre Existenz kämpfen müssen, wenn sie mehr Sicherheit und Teilhabe haben, sinkt ein Teil der Kriminalität ganz automatisch.
Oder wie der Autor schreibt:
„Man reduziert Gewalt, indem man gesunde Gemeinschaften aufbaut, in denen Menschen nicht gezwungen sind, um Grundbedürfnisse zu konkurrieren.“
Eigentlich kein besonders kontroverser Gedanke. Weniger Armut, mehr Stabilität, mehr gesellschaftliche Teilhabe — und damit oft auch weniger Gewalt, weniger Perspektivlosigkeit und weniger soziale Eskalation. Das gilt übrigens nicht nur lokal, sondern weltweit. Selbst Migration aus purer wirtschaftlicher Not ließe sich dadurch zumindest teilweise reduzieren.
Doch kaum steht so ein Satz irgendwo öffentlich, beginnt sofort das inzwischen völlig vorhersehbare Ritual:
„WAS IST MIT EHRENMORDEN?!“
„WAS IST MIT DEM ISLAM?!“
„WAS IST MIT MÄNNERGEWALT?!“
Und plötzlich redet niemand mehr über die eigentliche Aussage.
Denn der Satz behauptet ja nicht, dass jede Form von Gewalt ausschließlich aus Armut entsteht. Natürlich gibt es Taten, die aus Kontrollzwang, überkommenen gesellschaftlichen Strukturen, Besitzdenken, ideologischer Verblendung oder narzisstischer Kränkung entstehen. Beziehungstaten, „Femizide“, „Ehrenmorde“ oder innerfamiliäre Gewalt verschwinden nicht einfach automatisch durch höheren Wohlstand.
Aber genau das macht die ursprüngliche Aussage ja nicht falsch.
Trotzdem passiert online inzwischen fast immer dasselbe: Jede Diskussion wird sofort gekapert, damit die eigenen Lieblingsgegner präsentiert werden können. Die einen wollen bei jedem Thema sofort „MÄNNER!!!“ rufen, die anderen reflexartig „AUSLÄNDER!!!“, „ISLAM!!!“ oder „ZUWANDERUNG!!!“.
Nicht Analyse scheint das Ziel zu sein, sondern moralische Lagerbildung.
Dabei existiert Kontroll- und Besitzgewalt selbstverständlich kulturübergreifend. Auch deutsche Familien begehen Taten, die letztlich auf denselben Mechanismen beruhen: Kontrolle, Dominanz, Angst vor Autonomieverlust oder sozialer „Schande“. Das BKA-Lagebild 2023 zu innerfamiliärer Gewalt zeigt jedenfalls deutlich, dass solche Gewalt kein exotisches Randphänomen einzelner Gruppen ist:
88.411 Opfer innerfamiliärer Gewalt
fast ein Viertel davon unter 14 Jahren
92 weibliche und 63 männliche Todesopfer
Natürlich beweist diese Statistik nicht jede einzelne gesellschaftliche Ursache. Aber sie zeigt, dass Gewalt innerhalb von Familien und sozialen Nahbeziehungen ein allgemeines gesellschaftliches Problem ist — und nicht nur eine Projektionsfläche für ideologische Feindbilder.
Die Bereiche, die zu „Femizid“ gezählt werden, betreffen zudem auch Männer. So werden bei Ehrenmorden genauso Männer getötet. Etwa 29 % der Opfer sind Männer, die sich mit verheirateten Frauen einlassen, die Tochter einer Familie lieben oder gegen familiäre Erwartungen verstoßen. Nicht mit enthalten sind dabei Homosexuelle, die ebenfalls von Ehrenmorden betroffen sein können.
Genau das scheint heute aber immer schwieriger auszuhalten zu sein: Dass mehrere Dinge gleichzeitig wahr sein können. Dass Armut Kriminalität beeinflusst. Dass patriarchale Gewalt existiert. Dass kulturelle Faktoren eine Rolle spielen können. Dass Gewalt trotzdem kein Monopol irgendeiner einzelnen Gruppe ist. Und dass die Welt eben nicht so schön schwarz-weiß ist, wie wir es gerne hätten.
Doch statt über Ursachen, Gewichtungen oder Lösungen zu reden, verfallen viele Diskussionen sofort in reflexhafte Schlagwortschlachten. Menschen scheinen politische Debatten immer häufiger nur noch unter der Frage zu lesen:
„Wer ist hier der Böse?“
Und sobald diese Rollen verteilt sind, beginnt die nächste verbale Klopperei.
Ich nehme mich davon übrigens nicht aus. Auch ich bin Teil genau dieser Diskussionskultur gewesen und vermutlich noch immer. Aber manchmal wirkt es, als hätten wir das Interesse an Erkenntnisgewinn längst gegen die Befriedigung eingetauscht, den jeweils eigenen Gegner moralisch markieren zu können.
Schade eigentlich.
Denn Lösungen wären vermutlich deutlich interessanter als die nächste digitale Schlammschlacht. Nur dazu müsste man akzeptieren, dass unsere schöne Welt kunterbunt ist — und nicht schwarz-weiß.
Und leider sind mit Begriffen wie Femizid diese Logiken bereits in der Politik und der gesellschaftlichen Mitte angekommen...
Doch auch hier wird es nicht lange dauern, bis ich wegen Verbreitung von "Feindpropaganda" angegangen werde.