Hitler. Bruder. Warum ich von Joachim Fest wenig und von Patrick Modiano viel halte.

Die Frau sitzt verstört auf dem Asphalt, am Rande des Bürgersteigs. Eines ihrer Beine ist auf das Straßenpflaster abgespreizt. Sie blickt geradeaus, die Männer, die um sie herumstehen und von denen man nicht die Gesichter, sondern nur den unteren Teil ihrer Mäntel sieht, versucht sie zu ignorieren, was auch mit der namenlosen Angst zu tun haben muss, unter der sie erkennbar leidet. Ihr ist Gewalt angetan worden, sie ist, bis auf die Schuhe, unbekleidet. Mit der rechten Hand versucht sie eine Brust zu bedecken, die andere ist, wie ihre Schambehaarung, den Blicken der Betrachter ausgeliefert. In ihrer Schutzlosigkeit, ihrer Todesangst gibt sie das erschütternde Beispiel eines Menschen, welcher der Grausamkeit mitleidloser Gewaltmenschen ausgeliefert ist.

Dieses mir bislang unbekannte Bild, welches laut Bildnachweis bei einem „Pogrom (in) Lemberg 1942“ wurde, irritiert mich, seit ich es das erste Mal sah. Das hat weniger damit zu tun, dass das Pogrom in Lemberg, bei dem ukrainische Nationalisten unter Duldung und Billigung der Deutschen Jagd auf die Jüd*innen Lembergs gemacht haben, 1941 stattfand. Es hat mit dem Buch zu tun, in dem ich es fand, der über 1100 Seiten dicken Biographie „Hitler“ von Joachim Fest aus dem Jahre 1973 (zitiert nach der 4. Auflage 1973). Es ist eines der wenigen Bilder, welche das deutsche Menschheitsverbrechen dokumentieren. Ansonsten dominiert Hitler den Bildteil: Hitler auf Parteitagen, Hitler bei Besprechungen mit seinen Gefolgsleuten, Hitler mit seinen wenigen Geliebten, seinen Kötern – da wirkt das einzige Bild eines nackten Menschen merkwürdig deplatziert und es drängt sich der Verdacht auf, der Voyeurismus der Leser sollte befriedigt werden. Die Frau, die dort vor ihren mutmaßlichen Mördern entblößt wurde, wird sich nicht mehr wehren können.

In den Romanen von Patrick Modiano geht es immer wieder um die schmale Grenze zwischen scheinbar Vergangenem und der Gegenwart. Oft behandelt der 1945 geborene Autor, dessen Vater, anders als die Eltern von Georges Perec, sie überlebte, die Zeit der deutschen Besatzung. „Dora Bruder“, ein 1997 entstandener Text, fällt aus der Reihe der Romane heraus. Er behandelt das Schicksal eines jungen Mädchens, auf das Modiano durch eine Suchanzeige aus dem Jahr 1941 aufmerksam wurde. Er forschte ihr, die in Auschwitz ermordet wurde, und ihrem kurzen Leben nach und so lernen wir, auch wenn manche Episoden nicht rekonstruiert werden konnten, Dora Bruder als freiheitsliebendes Individuum kennen, das zum Beispiel aus einem Internat ausriss, seinen Mördern aber nicht entkommen konnte. Modianos Buch gibt ihr die Würde zurück und entreißt sie einer Namenlosigkeit, zu der die Täter sie verurteilen wollten. Hitler, um auf den zurückzukommen, interessiert mich nicht besonders. Das augenfällig Trottelhafte dieses Mannes passt nicht zu der Dämonisierung, welche die angeblich von ihm „verführten“ Deutschen seit Kriegsende betrieben. In Fests Biographie kommt nur auf wenigen von 1100 Seiten die Shoah zur Sprache, die Namen Eichmann oder Mengele sucht man im Personenregister vergeblich, auch der Name Rudel, 1973 noch ein Strippenzieher des Neonazismus und Hitlers höchstdekorierter Soldat, fehlt. Den Opfern dieser Männer, für welche die entblößte Frau exemplarisch steht, soll postum die Würde geraubt werden. Stoff, den die Deutschen gerne lesen. Ich nicht.

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