Erklärungsnöte zum Geburtstag der islamischen Menschenrechte

Liebe Ska Keller,

ich wende mich in einer etwas delikaten Angelegenheit an Sie. Seit einiger Zeit bemühe ich mich darum, dem Islam gegenüber eine politisch korrekte Position zu entwickeln. Ich bin es leid, ständig fürchten zu müssen, wegen einer kritischen Äußerung oder einer holprigen Formulierung gemieden zu werden wie ein Pestkranker oder geächtet wie ein Botschafter der Finsternis. Der soziale Preis für Kritik ist so hoch, dass ich nun gerne mal die Seiten wechseln und in Zukunft nur noch nette Sachen über den Islam sagen möchte. Natürlich würde ich dementsprechend gerne die ganzen bösartigen Vorwürfe, von denen ich früher so besessen war, solide zu kontern lernen.

Kairoer Erklärung der Menschenrechte

Jetzt fürchte ich natürlich, dass ich mit meinem Vorhaben argumentativ ziemliche Probleme zu bewältigen habe. Konkret bereitet mir vor allem Schwierigkeiten, dass ja in diesem Jahr die „Kairoer Erklärung der Menschenrechte“ ihr 30jähriges Jubiläum feiert. Denn diese Erklärung habe ich früher immer für meine feigen Angriffe benutzt. Weil ja in dieser Erklärung sämtliche Menschenrechte hochoffiziell unter Schariavorbehalt gestellt werden. Und weil die Erklärung ja 1990 mit großer Mehrheit von der Versammlung der islamischen Staaten, der OIC, verabschiedet wurde. Früher musste ich da immer nur sagen: Siehste! Aber jetzt? Jetzt reden bestimmt bald wieder alle von dieser Erklärung, so wie vor zwei Jahren beim Siebzigsten der Allgemeinen, und ich weiß gar nicht, wie ich mich positionieren soll.

Islam vs. Menschenrechte?

Frau Keller, ich hoffe sehr, Sie können mir da weiterhelfen. Als Islamwissenschaftlerin und als Grüne sind Sie ja praktisch in zweifacher Weise Expertin auf dem Gebiet des Islamverteidigens. Wie kann ich beim Thema Kairoer Erklärung den Islam verteidigen und mich gleichzeitig für die allgemeinen Menschenrechte aussprechen? Oder muss ich mich hier entscheiden? Wo mehr als drei Viertel der Staaten der OIC für diese Schariamenschenrechte gestimmt haben, kann ich ja dem Islamfeind schlecht entgegen halten, dass er pauschalisiert und dass es unendlich viele Islamströmungen gibt und die übergroße Mehrheit der Muslime sowieso die ganz normalen Menschenrechte besser finden würde.

Ich würde eigentlich gerne weiterhin aus der Perspektive demokratischer Werte argumentieren. Aber ich kann ja jetzt nicht mehr plump die richtigen Menschenrechte als Maßstab nehmen, sondern muss den Islam ja irgendwie trotz der Distanz zu diesen Menschenrechten gegen Kritik verteidigen. Mir ist klar, dass das intellektuell eine ganz andere Herausforderung ist.

Lösung Gehirnakrobatik?

Nebenbei gesagt erinnert mich das sehr an die akrobatischen Argumentationen von Kommunisten, die mir immer sehr imponieren. Vor meiner Zeit als Islamkritiker habe ich einige Jahre in linksradikalen Kreisen verkehrt und hatte da oft auch mit diesen marxistischen Vollbartstudenten zu tun. Die haben das meist sehr souverän beherrscht, in wirklich beeindruckender Weise hochkomplexe Theoriegebäude vor einem auszubreiten. Oft ohne dass ihnen irgendjemand folgen konnte! Mir ist erst später klar geworden, dass das wohl im Wesentlichen eine Taktik war, um davon abzulenken, dass die Theorien auf so wackeligen Grundannahmen basieren. Ich bin nicht sicher, ob sich die Genossen dessen bewusst waren und absichtlich diesen verwinkelten Gedankengängen gefolgt sind. Oder ob sie ihre Weltanschauung einfach so lieb hatten, dass sie aus Furcht davor, widerlegt zu werden, in diese hakenschlagenden Monologe geflüchtet sind.

Verschiedenfarbige Lippenbekenntnisse?

Muss ich mir jetzt auch solche halsbrecherischen Argumentationen zulegen? Ich hatte schon überlegt, einfach zu sagen, dass die Muslime eigentlich was ganz anderes meinen wenn sie Scharia sagen, als was man so gemeinhin darunter versteht. So ähnlich wie wir, wenn wir über Meinungsfreiheit reden. Das meinen wir ja auch meistens nicht so, wie wir es sagen. Da behaupten wir ja auch immer einerseits, dass jeder seine Meinung frei äußern dürfte und sagen könnte, was er richtig findet. Aber dann ziehen wir ja andererseits einfach eine Linie und sagen: jenseits der Linie ist aber Faschismus! Oder Hass. Und Hass und Faschismus, das ist natürlich keine Meinung sondern ein Verbrechen und deshalb darf man nichts sagen, was auf der anderen Seite der Linie wäre. Und wo die Linie genau verläuft, das wird ja nicht von Gesetzgeber und Gerichten definiert, sondern von Aktivisten vorgeschlagen und unter Berücksichtigung der Lautstärke und Vehemenz dieser Vorschläge von den Kommentatoren im Öffentlich-rechtlichen ausgehandelt. Sie kennen das, Sie waren ja auch früher in der Antifa.

Dagegen sieht es ja in den islamischen Ländern doch eher so aus, als ob man einigermaßen konsequent bei dem bleibt, was man so unter Scharia versteht. Freie Meinungsäußerung kommt erst in Artikel 22 und ist dann natürlich auch nur erlaubt, wo sie nicht der Scharia widerspricht. Propheten beleidigen ist sowieso verboten. Und wer es doch tut, wird dann eben ins Gefängnis geworfen, ausgepeitscht oder an den Baukran gehängt.

Frau Keller, im Ernst…

Mal ohne Sarkasmus. Wie kann man demokratisch eingestellt sein und über den Islam sprechen, ohne ihn ganz überwiegend kritisch zu betrachten? Dass es auch Menschlichkeit in islamischen Ländern gibt und sogar Demokratiebewegungen und dass man auch nette Stellen in den islamischen Schriften findet und es auch humanistische Reformansätze gibt, ist bekannt. Aber macht nicht die Kairoer Erklärung wie kaum etwas anderes deutlich, wie erschlagend umfangreich und tiefgreifend die Probleme aus demokratischer Perspektive sind?

Frau Keller, wie verhalten Sie sich zum 30. Jahrestag der Kairoer Erklärung der Menschenrechte?

Ich sehe Ihrer Antwort erwartungsvoll entgegen und verbleibe

mit bestem Dank und freundlichen Grüßen,

Gero Ambrosius

(Dieser Text wurde auch veröffentlicht auf querstrebe.com)

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