"Wir schaffen das" – was bedeutet das eigentlich?

"Wir schaffen das" meinen die einen, "wir schaffen das nicht", die anderen. Angela Merkels berühmter Sager hat das Jahr 2014 geprägt wie kein anderer. Doch was meinte sie damit eigentlich und was dürfen wir darunter verstehen? Wer sind "wir" überhaupt?

Politische Kommunikation ist per se nicht analytisch. Schließlich geht es darum, Souveränität zu vermitteln oder eine Leitlinie vorzugeben. Daher muss, ja kann sie Situationen nicht präzise erfassen, nicht allzu sehr ins Detail gehen. Daraus folgen auch die doch irgendwie altbekannt klingenden politischen Wortformeln mitsamt dem Ausweichen auf unangenehme oder allzu weitgehende Fragen.

Wie lassen sich Aussagen wie jene von Angela näher einordnen? Abgesehen von den politischen Hintergründen lassen sich grob gesagt vier Szenarien (zwei positive, zwei negative) skizzieren, wann man die Flüchtlingskrise jedenfalls "geschafft" hätte oder eben nicht.

1.) Der Idealfall:

Im Idealfall werden die meisten Asylwerber erfolgreich und langfristig in den Arbeitsmarkt integriert; teils weiter ausgebildet (Stichwort Facharbeitermangel), teils unter Einbeziehung ihrer vorhandenen Qualifikationen, teils im Niedriglohnsektor. Das Sozialsystem mitsamt den maroden Pensionen profitiert im Großen und Ganzen.

Auch die gesellschaftliche Integration mitsamt Familiennachzug klappt. Religion bleibt Privatsache, ohne dass allzu weitgehende Forderungen erhoben werden. Im Laufe der Zeit sind darüber hinaus die Verlockungen des Westens zu stark und viele werden nach und nach immer mehr zu dem, was man hierzulande gerne als "Taufschein-Christen" bezeichnet oder legen ihre Religion gar komplett ab. Die Kriminalitätsrate bleibt unverändert oder sinkt.

2.) Ende der Kriege und Krisen

Die vielen Fragen, die uns heute beschäftigen, würden sich mitunter nicht stellen, wenn es zu einem möglichst baldigen Ende der gegenwärtigen Krisen kommt, allen voran des Konflikts in Syrien, aber auch eine noch weitergehende Stabilisierung Afghanistans. Mit den jeweiligen Regierungen werden Rücknahme-Abkommen geschlossen, zumal sie vor allem auf die nach Europa gelangten gut ausgebildeten Menschen dringend angewiesen sind. Europa war somit nur temporärer Zufluchtsort, hat entsprechende Versorgung gewährleistet und kann auf die Dankbarkeit der Betroffenen bauen, eventuell wurden lange bestehende soziale Bande oder auch wirtschaftliche Beziehungen geknüpft.

3.) Der steinige Weg

Der Erfolg verläuft höchst unterschiedlich. Es gibt Erfolgsmeldungen, aber unterm Strich finden viele der jungen Menschen aufgrund mangelhafter Qualifikation, kultureller Differenzen, Sprachbarrieren und falscher Erwartungen keine Arbeit. Aus denselben Gründen greifen auch Ausbildungsprogramme nicht, zumal die Verwaltung überfordert ist. Aufgrund der hohen Anzahl von Neuankömmlingen in Kombination mit der fehlerhaften Aufteilung in möglichst kleine Einheiten besteht nur ein geringer Integrationsdruck und es bilden sich Parallelgesellschaften.

Der Sozialstaat wird unterm Strich zusätzlich belastet, die Standards bei der Gesundheitsversorgung sinken weiter ab, es kommt zu starken Einschnitten bei den Pensionen. Im Extremfall kollabiert er so weit, dass die europäischen Wohlfahrtsstaaten sich dem US-amerikanischen Modell annähern, wobei sie ihre bestehende Steuerlast, Innovationsfeindlichkeit und die überbordenden Auflagen beibehalten – das schlechteste aus beiden Welten also.

Abgesehen von der wirtschaftlichen Entwicklung und ihren Auswirkungen steigt in diesem Szenario die Kriminalitätsrate, der Alltag wird rauer: Private Waffenkäufe nehmen zu, es kommt zur Gründung von Bürgerwehre und gated communities, viele Gebiete entgleiten der Staatsmacht, no go areas kommen auf. Gewaltsame Ausschreitungen wie jene in den Parister oder Stochholmer oder Großbritannien 2011 werden zur Tagesordnungen.

4.) Krieg

Das absolute Horrorszenario wäre eine weitere Verschlechterung des soeben dargestellten Szenarios. Die allgemeine Unzufriedenheit und Frustration mündet in verstärkten Gruppenbildungen mitsamt politischen Parteien, denen es weniger um Problemlösungen als darum geht, "ihre Leute", zu Lasten "der anderen" zu bevorteilen. Das Zusammenleben wird immer heikler, es verlaufen unterschiedliche Konfliktlinien anhand mehrerer Achsen, von Religion und Ideologie bis hin zu Ethnien. Zusätzlich verstärkt wird die Lage durch die Einflussnahme aus dem Ausland, wenn etwa Staaten treten als Schutzmacht ihrer Glaubensbrüder oder "westlicher Werte" auftreten. Am Ende warten Krieg, Chaos und Anarchie, die wiederum in einen neuen Totalitarismus münden. Wenig realistisch, aber durchaus in den Köpfen so mancher – der Schriftsteller Ilija Trojanow etwa führt den Erfolg von Serien wie "Walking Dead" (hier geht es schließlich darum, wie Menschen sich verhalten, wenn der dünne Schleier der Zivilisation fällt) oder Filmen wie "Die Tribute von Panem" (ein protofaschistisches System mit starkem Wohlstandsgefälle und strikten räumlichen Abgrenzungen) auf derartige diffuse Ängste zurück.

Das "Wir"

Wer sind "wir" eigentlich? Fest steht: "Die EU" und damit eigentlich die einzelnen Mitgliedsstaaten zeigen sich gerade in heiklen Situationen als wenig "solidarisch"; wobei man sich fragen könnte, ob genuine Solidarität zwischen Staaten überhaupt möglich ist. Jedenfalls sind "wir" im Moment einige wenige Staaten, in anderen dürfte die Haltung vorherrschen, dass allen voran Deutschland aber auch die anderen Staaten mit einer großzügigen Flüchtlingspolitik selbst schuld seien und damit auch keine allzu weitreichende Unterstützung erwarten dürfen.

Weiters darf man sich fragen, wer überhaupt innerhalb Deutschlands mit "wir" gemeint ist. Wer überhaupt angesprochen ist oder sich angesprochen fühlen darf und soll. Zweifel kommen auf, es die Gesamtheit deutscher Staatsbürger erfasst sein kann.

Conclusio

Freilich, zuverlässige Prognosen lassen sich im Allgemeinen nur schwer bis gar nicht treffen. Nur die wenigsten Ökonomen (etwa Roland Baader) haben die Wirtschaftskrise 2008 vorhergesehen, auch mit der Flüchtlingskrise hat anscheinend kaum jemand gerechnet, jedenfalls nicht in dieser Intensität. Oft sagen Ängste, aber auch Hoffnungen, mehr über die Zeit aus, in der sie getroffen werden. Früher war es die Angst vor einem Atomkrieg, heute ist es die Angst vor Chaos und Zusammenbrechen der öffentlichen Ordnung. Was jedoch nichts daran ändert, dass diese Szenarien oder Mischformen davon nicht vollends ausgeschlossen werden konnten beziehungsweise können. Wir befinden uns definitiv in einer Zeit tiefgreifenden Wandels und das ist zumindest währenddessen äußerst unangenehm. Niemand will den hohen Lebensstandard hierzulande aufgeben. Es gilt, die richtige Balance zwischen Panikmache und Naivität zu finden – als Gesellschaft (selbstredend leicht gesagt), aber auch für sich selbst.

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