"Zeit hat man nicht, man nimmt sie sich"

Zeit ist ein knappes Gut, sagt die Binsenweisheit; mit wem und womit man sie verbringt, will gut überlegt sein. Nur allzu verlockend das Versteck hinter der Phrase, keine Zeit zu haben, weil man sie irgendwie auch gar nicht haben möchte. Gemeint sind jene, die unter Urlaub Kurzurlaub verstehen; Städtetrips, zwei Tage, vielleicht drei. Die bei Einladungen reflexartig mit "schaun wir mal", "ich kann noch nicht fix zusagen" und Ähnlichem antworten. Die selbst die Mittagspause am Arbeitsplatz verbringen und auch am Wochenende arbeiten. Denen vor der Zeit abseits vom Arbeitsplatz regelrecht graut. Aber auch jene, denen die Zeit buchstäblich davonläuft, sobald sie den strengen Augen der Vorgesetzten entkommen konnten.

Der natürliche Umgang mit der Zeit ist kein Leichtes. Was verschiedene Gründe hat, drei seien hervorgehoben.

Einerseits die Angst, etwas zu verpassen (man spricht von "FOMO", Fear Of Missing Out). Überall lauern Events aller Art, von Diskussionsveranstaltungen und Ausstellungen über Restauranteröffnungen bis hin zu den vielen Späßen nach 23h und später. Was dann dazu führt, dass man entweder an keinem der gewählten Orte glücklich wird (weil es ja noch unzählige andere zur Auswahl gegeben hätte, wo es doch vielleicht besser ist) oder es gleich bleiben lässt. Wie uns die Verhaltensökonomik lehrt, führt ein Überangebot zu weniger Konsum beziehungsweise umgekehrt eine geringere Auswahl zu mehr. Gut möglich, dass das nicht nur für Produkte, sondern auch für die Gestaltung unserer Freizeit gilt.

Zweitens der Drang zu beruflicher Selbstverwirklichung, für die man viel in Kauf nimmt. Viele oszillieren zwischen „Selbstausbeutung“ zwecks Erreichung eines selbstgesetzten beruflichen Ideals und der Notwendigkeit von Erholung. Arbeit verstanden als wenig inspirierende, aber nun einmal notwendige und streng von der Freizeit getrennte Tätigkeit ist dem Beruf im Sinne von „Berufung“ gewichen. Von Berufung kann man dann sprechen, wenn man sein Geld mit etwas verdient, das man eigentlich auch gratis oder auch für wesentlich weniger Geld machen würde – eben, weil es einem Freude bereitet. Ein Ideal, für das man sehr viel zu tun gewillt ist. Nur logisch, dass die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit hier fließend, im schlimmsten Fall auf Kosten von letzterer verläuft: „Wenn ich nur lange genug hart genug daran arbeite, werde ich irgendwann da und dort sein, dieses und jenes machen und dann wird alles gut“ – eine Vorstellung, die sich vielfach als Trugschluss entpuppt. Zumal dann die Frage folgt, ob das erreichte Ziel die dafür eingesetzten Anstrengungen und Mittel tatsächlich wert war. Wenn man erst dann merkt, wie viel man auf dem Weg dorthin eigentlich aufgegeben beziehungsweise nicht ausreichend beachtet hat – Kontakt mit Verwandtschaft und Freunden, Familiengründung oder ein geliebtes Hobby.

Drittens die Angst vor dem Jobverlust. Wer bleibt am längsten, wer geht früher als der Rest? An so manchem Arbeitsplatz wird hier täglich ein regelrechter Marathon abgehalten. Auch wenn man heute weiß, dass nur ein Bruchteil der unzähligen Stunden, die man im Büro verbringt, wirklich produktiv genutzt werden, gilt in den Augen vieler Chefs immer noch Anwesenheit als Selbstzweck – wer viel Zeit im Büro verbringt, gilt dann eher als Arbeitstier als jemand, der in weniger Zeit mitunter gar mehr vollbringt.

Die Auswege aus dem Dilemma mit der Zeit sind vielfältig. Manche laufen geradewegs ins Burnout; wenn Körper und Geist durch Arbeitsverweigerung gewaltsam den Raum nehmen, der ihnen zu lange vorenthalten wurde. Um gar nicht erst dorthin zu kommen suchen andere sich Hobbies, die nur bedingt etwas mit dem Beruf zu tun haben; an jeder Ecke eine Crossfit-Box oder ein Fitness-Center, für die gemütlicheren gibt es Malerei- und Töpferkurse (selbst häkeln und stricken sind wieder en vogue).

Oder man gönnt sich dann doch ab und an eine Auszeit in den unterschiedlichsten Formen: Thermenbesuche, Entschlackungskurse, Wanderungen. Vielleicht steigt man auch in den Flieger, um mal „ganz was Neues“ zu erleben: Indien, Laos, Kambodscha und Thailand stehen da hoch im Kurs. Um zumindest temporär ein Höhegefühl zu erleben und das Gefühl zu haben, die Dinge in Perspektive zu rücken. Ein Esprit, der oft nur bis zum ersten Kontakt mit dem Wienerischen bei der Rückkehr anhält. Daheim kann man dann wenigstens noch erzählen "wie erfrischen anders" die Kultur und die Menschen dort nicht sind.

Am Ende steht die nüchterne Erkenntnis: Man wird immer etwas verpassen und man wird immer etwas falsch machen, egal, wie man mit einer Zeit umgeht. Aber man wird auch etwas erleben und auch etwas richtig machen. Jede Entscheidung für etwas bedeutet ja zugleich auch eine Entscheidung gegen etwas und umgekehrt. Was aber immer noch besser ist, als gar keine zu treffen.

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Joachim Eberhard

Joachim Eberhard bewertete diesen Eintrag 18.02.2016 23:19:31

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