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Fünfter Beitrag zu einer Theorie des Instabilbaukastens

Dass ich 1933 mitmarschiert wäre, leiteten rechte Kommentartoren allein aus der Tatsache ab, dass ich die Systemmedien zitierte. Wer 1933 die auch damals schon Systemmedien genannten konservativen und linken Zeitungen zitierte, ist gerade nicht mitmarschiert. Die gesamte Weimarer Republik mit ihrem Versuch der Freiheit und der Demokratie ist von den Nationalsozialisten, damals schon Nazis als Ableitung von Sozis genannt, als 'Systemzeit' diskreditiert worden. Damals wie heute suggerierte man, dass dieses System die Nation verraten hätte. Auch heute bringen rechte Kommentatoren gefälschte Zitate von vorwiegend grünen Spitzenpolitikern, in denen diese angeblich die Abschaffung Deutschlands fordern. Damals waren vor allem die Juden als Feinde beliebt, auch solche Menschen, die gar keine Juden im religiösen Sinn sein wollten. Niemand hat sich sein Volk und seine Familie ausgesucht, trotzdem wird immer wieder die Herkunft als Wesensmerkmal missbraucht. Die meisten Juden der Zeit zwischen den Weltkriegen lebten als bettelarme und verachtete Minderheit in den Ghettos (--'schtetln'--) Osteuropas. Die meisten Juden hießen nicht Einstein, Rathenau, Mendelssohn oder Rothschild. Einstein, Rathenau, Mendelssohn und Rothschild hätten auf die Frage nach ihrer Herkunft geantwortet: Deutsche aus Deutschland. In der Welt werden sie als berühmte und bedeutende Deutsche wahrgenommen. Von Einstein gibt es einen berühmten Antwortbrief an seine Geburtsstadt Ulm, als sie die Adolf-Hitler-Straße in Albert-Einstein-Straße umbenennen wollten. Außer Physiker war Einstein wohl auch Zyniker, und das aus gutem Grund.

Rathenau, das habe ich schon ein dutzend Mal geschrieben, hat nicht nur nicht Deutschland vernichten wollen oder sogar vernichtet, sondern gerettet. Von ihm stammt die Idee, dass Export jeden Krieg und jeden Handelskrieg ersetzen kann. Er wurde trotzdem von Rechtsextremisten erschossen. Der Aberglaube, dass die Herkunft, also Nation, Religion oder Hautfarbe, ein wesentliches Kriterium sei, ist übrigens nur mit Gewalt durchsetzbar und letztendlich nicht durchsetzbar. Wo Menschen aufeinandertreffen, lieben sie sich und wollen zusammenleben. Rassisten dagegen müssen erst eine Bedrohung konstruieren, dann Mauern und Konzentrationslager bauen und Schießbefehle ausgeben. Wer schon einmal in einem Land mit Rassismus oder mit einer Mauer gelebt hat, weiß, dass diese Methoden äußerst unzuverlässig sind. Evolution, Markt und Leben beruhen mehr auf Chaos und Zufall als auf einer nachvollziehbaren oder voraussagbaren Vernunft: and there but for fortune may go you or I, heißt es in einem berühmten Song von Phil Ochs.

Aber die heutigen Nazis wollen keine Nazis und auch keine Antisemiten sein. Sie haben gerade jene Lektion verinnerlicht, die sie am meisten oder am zweitmeisten verabscheuen, je nachdem, wie weit rechts sie stehen. Diese Lektion, die übrigens in West und Ost sehr, sehr ähnlich war, lautete, dass Nationalsozialismus und Weltkrieg als Option und Herkunft ausfallen müssen. Die Wehrmacht hat keine Leistungen, sondern nur Schandtaten vollbracht, vielleicht gab es einzelne Soldaten, die im Einzelfall als Menschen aufgetreten sind. Man kann sich genauso wenig hinter einem Befehl verstecken wie hinter der Tatsache, dass man beispielsweise als Sklave geboren wurde. Es gibt immer den bitteren Ausweg des selbstgewählten Todes. Natürlich muss man auch für die vielen Menschen Verständnis haben, die diese harte Alternative nicht gewählt haben, schon deswegen, weil sie unsere Vorfahren waren. Aber wir müssen und dürfen ihre Taten nicht rückwirkend billigen. Das ist die Lektion.

Und diese Lektion wird gleichzeitig verinnerlicht und bekämpft. Jetzt bin plötzlich ich der Nazi, weil ich - angeblich - systemkonform bin. Ich bin mit Seehofer oder Dobrindt nicht konform, noch nicht einmal mit Lindner und Wagenknecht. Nazi ist das allgemein anerkannte Schimpfwort. Während Linke, Liberale, Grüne oder Versiffte als Gutmenschen beschimpft werden dürfen, verbittet man sich nicht nur die 'Nazikeule', sondern benutzt sie statt dessen lieber selbst. In diesen Zusammenhang gehört auch, dass man als Antisemit beschimpft wird, wenn man Muslime verteidigt. Der Antisemitismus ist nun wahrlich nicht von den Muslimen hier eingeschleppt worden, und ich kenne sehr viele Muslime, die alle keine Antisemiten sind. Wäre man Zyniker, könnte man sogar schreiben, es war nicht nötig, hier den Antisemitismus einzuführen, von Martin Luther über Richard Wagner und Heinrich Himmler bis Ken Jebsen haben wir - leider - genügend eigene Leute.

Obwohl man sich über rechtsextreme Kommentare genauso wie über die weiter anhaltende, aber völlig überflüssige mediale Aufmerksamkeit für die AfD ärgert, ist unsere Zeit nicht mit der Weimarer Republik zu vergleichen. Es gibt Rechte, aber sie werden nicht durchkommen. Es wird gar zu gerne vergessen, dass Hitler und die Seinen nicht gesiegt haben. Sie haben einen maximalen Schaden angerichtet, ja, aber gesiegt haben sie nicht. Seit Heinrich Himmler deutscher Innenminister war, gibt es schwarze Deutsche, ich sage das, weil es Menschen gibt, die das bedauern, ich gehöre nicht zu denen, aber es ist so. Als ich neulich schrieb, dass Südafrika durch seinen Versöhnungsprozess ein Vorbild für die Abschaffung des Rassismus und der Apartheid sei, meinte ich das Wirken von Nelson Mandela und der Versöhnungskommission, schrieben mir rechte Kommentatoren, dass in Südafrika weiße Farmer ermordet würden. Sie konnten das allerdings nicht mit seriösen Quellen belegen. Es gab nur eine einzige rechte Quelle. In Zimbabwe dagegen hat der greise und absurde Diktator Mugabe, den sein nicht besserer Stellvertreter gestürzt hat, zum Mord an weißen Farmern aufgerufen, und die Befolgung dieses Aufrufs hat Zimbabwe wirtschaftlich noch mehr geschwächt, davon abgesehen, dass es keinen Grund gibt, Menschen zu töten. Der KuKluxKlan hat nicht gesiegt. Die Türkei ist keine Nation geworden. Es tut bitter weh, die Türkei in diesen Zusammenhang stellen zu müssen, aber Erdoğan war es, der den Konflikt mit den Kurden erneut instrumentalisiert hat, um seine Macht zu festigen, die er jetzt durch die nicht mehr steuerbare Inflation möglicherweise verspielen wird.

Wir haben die Teilnahme unserer Vorfahren an einem unvorstellbar grässlichen und grausamen Genozid diskutiert, erörtert, verdenkmalt. Wir haben möglicherweise die Demokratie etwas übergestülpt bekommen, aber man vergisst bei dieser Sicht leicht die Anfangszeit der Demokratie in der Weimarer Republik. Das Kaiserreich war bestimmt nicht demokratisch, aber es gab Demokraten, zum Beispiel Sozialdemokraten, so viele, dass sie nicht nur eine große politische Kraft waren, sondern mit Konsum- und Wohnungsbaugenossenschaften, Mandolinengruppe und Arbeitersportbund eine dauerhafte und bis heute wirkende Subkultur begründeten. Die Gleichberechtigung der Frauen ist ebenfalls eine demokratische Errungenschaft. Die rechten Argumente gegen die Ehe für alle sind nichts als dürftig und rückwärtsgewandt, eine satte Mehrheit der Menschen in Europa ist dafür. Was soll das auch für eine Ideologie und spätere Herrschaft sein, wenn sie wieder auf Segregation, Aussperrung, Diskriminierung, Mauerbau und Lagerhaft beruhtß Den AfD-Fraktionen (Büros gibt es wohl noch nicht?) würde ich gerne meine Losung verkaufen: WENN ES MORGEN EIN PROBLEM GIBT, HABEN WIR EINE LÖSUNG VON GESTERN.

Wenn man lange genug in einer rechten Kommentarspalte mitdiskutiert, hat man mehr zustimmende Likes als Beschimpfungen. Nach Argumenten sucht man ohnehin vergebens. Den meisten Rechten scheint nicht klar zu sein, dass sie in der von ihren Führern geführten Diktatur verboten wären.

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